Metaphysik

Metaphysik (gr. ta meta ta physika = die Bücher des Aristoteles hinter der »Physik«) heißt die Wissenschaft, die es mit den letzten Gründen alles Daseins zu tun hat, also mit dem, was über der Natur, was hinter der Erscheinungswelt liegt, was die eigentliche Wirklichkeit ausmacht. Aristoteles (384-322) nannte sie »Weisheit« oder »erste Philosophie« (sophia, prôtê philosophia). Diese Wissenschaft ist der älteste Teil der Philosophie. Solange Menschen sind, haben sie nach dem Wesen, Grunde oder Zwecke der Dinge gefragt, nach dem, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Sie ist auch der schwierigste, immer neue Lösungsversuche herausfordernde und der wichtigste Teil der Philosophie; denn sie behandelt die Fundamentalbegriffe, welche von allen anderen Wissenschaften vorausgesetzt werden: Wirklichkeit, Sein, Werden, Raum, Zeit, Bewegung, Ding, Veränderung, Ursache, Wirkung, Grund, Folge, Zweck, Kraft, Stoff usf. und somit alle die großen Rätsel- und Grundfragen des Daseins. Daß über die letzten Begriffe des Daseins die Ansichten sehr auseinandergehn müssen, ist natürlich; daher ist die Geschichte der Metaphysik die der theoretischen Spekulation überhaupt. Viele Philosophen, so zum Beispiel die Skeptiker, die Naturalisten und Positivisten, lehnen die Metaphysik gänzlich ab, aber die meisten Denker haben doch nach Metaphysischem Abschluß ihrer Weltansicht gestrebt. Nachdem die Hylozoisten (5. Jahrh. v. Chr.) einen einzelnen mit Kraft belebten Stoff als Prinzip angenommen hatten, Pythagoras (580 bis um 500) die Zahl als das Wesen der Welt betrachtet, Herakleitos (um 500 v. Chr) die Welt in einen ewigen Werdeprozeß, die Eleaten (6. u. 5.Jahrh.) in ein starres unveränderliches Dasein umgewandelt, Empedokles (484-424) Mischung und Entmischung der Stoffe durch Liebe und Haß, Anaxagoras (500 bis 428) Stoff und ordnenden Geist angesetzt hatte, bemühten sich Platon (427-347) und Aristoteles (384-322) um die Feststellung des Verhältnisses von Materie und Geist, Stoff und Form Einzelnem und Allgemeinem. Platon schrieb den allgemeinen Begriffen Dasein zu und nannte sie Ideen. Aristoteles gab den allgemeinen Begriffen nicht Sonderexistenz, sondern verlegte sie in das Einzelne. Den Stoff aber dachte er sich als ein Mögliches, noch nicht Wirkliches, in beständiger Fortentwicklung zur Form, dem eigentlich Wirklichen. Die Anschauungen dieser zwei Denker haben dann das Mittelalter beherrscht. Durch Hinzunahme christlicher Dogmen und empirischer Naturerkenntnisse wurden die metaphysischen Fragen noch komplizierter. In der neueren Philosophie waren die Lösungsversuche entweder monistisch (Spinoza, Leibniz, Fichte, Schelling, Hegel, Herbart, Schopenhauer, v. Hartmann, Lotze, Fechner), oder dualistisch (Cartesius, Malebranche). Daneben traten Philosophen wie Locke, Hume hervor, welche im Gründe der Metaphysik alle Berechtigung absprachen und, dem Skeptizismus huldigend, dasjenige, was die Metaphysik bisher gelehrt, für subjektive Aussagen unserer Vernunft ansahen. Kant (1724-1804) nahm eine eigentümliche Stellung zur Metaphysik ein, die ein Gemisch von Hinneigung und Seilen war. Er kam zu dem kritischen Resultat, daß wir die Dinge nicht erkennen, wie sie sind, sondern nur, wie sie uns erscheinen. Er schränkte also das Wissen auf das Erfahrungswissen ein und verstand unter wissenschaftlicher Metaphysik zunächst nur Vernunftkritik, aber er hatte ein darüber hinausweisendes metaphysisches Bedürfnis, neigte zum Idealismus und hielt an der Idee einer übersinnlichen intelligiblen Welt fest. So baute er die Metaphysik auf praktische Postulate auf und schuf eine Art Ethiko- Metaphysik (Ethikotheologie), eine Lehre vom höchsten Gute mit den Ideen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Nach Kant haben Fichte, Hegel, Schelling, Schopenhauer usw. die Metaphysik wieder zum Kern der Philosophie zumachen gesucht. Nachdem aber A. Comte (1798-1857) verkündet hat, das metaphysische Zeitalter sei vorüber, haben sich viele der »exakten« oder »wissenschaftlichen« Philosophie gewidmet und die Metaphysik gemieden. Aber die Metaphysik ist weder überflüssig noch aussichtslos, wenn sie nur auf kritisch-exaktem Grunde ruht und sich bewußt ist) daß alle ihre Aussagen sich in den Formen unseres Bewußtseins bewegen müssen, und wenn sie die Resultate, welche die exakte Forschung erzielt, zu ausprechenden Hypothesen benutzt. Unter den Richtungen der Metaphysik ist die dualistische, die zwei Prinzipien, Körper und Geist annimmt, am wenigsten befriedigend. Sie ist auch in der neueren Philosophie eigentlich nur bei Cartesius und seinen Nachfolgern vorhanden gewesen, und soweit in der Kantischen Philosophie Dualismus lag, ist er sofort durch die deutschen Idealisten umgebildet worden. Im Monismus sind drei Zweigrichtungen denkbar, der Realismus, der Idealismus und die Identitätsphilosophie, die Metaphysik der körperlichen, geistigen und absoluten Wirklichkeit. In der Ausbildung der idealistischen Richtung, zu der auch die Resultate der Naturwissenschaft und der Erkenntnistheorie hinleiten, hat die deutsche Philosophie am meisten getan, und der deutsche Geist dürfte auch dauernd in dieser Richtung seine Befriedigung finden. Vgl. Kant, Prolegomena z. e. jed. künft. Metaphys. 1783. Schwab, Welches sind die Fortschritte, die die Met. seit Leibniz gemacht hat? 1796. Herbart, Einl. in die Philos. 1813. Beneke, Syst. d. Metaph. 1840. Ulrici, Glauben und Wissen. 1858. Lotze, Metaph. 1879. Frohschammer, die Phantasie als Grundprinzip. 1877.


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