Emilie vor ihrem Brauttag


Emilie an Klara

 

    Ich bin im Walde mit dem Vater draus

Gewesen, diesen Abend, auf dem Pfade,

Du kennest ihn, vom vor'gen Frühlinge.

Es blühten wilde Rosen nebenan,

Und von der Felswand überschattet' uns

Der Eichenbüsche sonnenhelles Grün;

Und oben durch der Buchen Dunkel quillt

Das klare flüchtige Gewässer nieder.

Wie oft, du Liebe! stand ich dort und sah

Ihm nach aus seiner Bäume Dämmerung

Hinunter in die Ferne, wo zum Bach

Es wird, zum Strome, sehnte mich mit ihm

Hinaus - wer weiß, wohin?

 

Das hast du oft

Mir vorgeworfen, daß ich immerhin

Abwesend bin mit meinem Sinne, hast

Mirs oft gesagt, ich habe bei den Menschen

Kein friedlich Bleiben nicht, verschwende

Die Seele an die Lüfte, lieblos sei

Ich öfters bei den Meinen. Gott! ich lieblos?

 

    Wohl mag es freudig sein und schön, zu bleiben,

Zu ruhn in einer lieben Gegenwart,

Wenn eine große Seele, die wir kennen,

Vertraulich nahe waltet über uns,

Sich um uns schließt, daß wir, die Heimatlosen,

Doch wissen, wo wir wohnen.

 

Gute! Treue!

Doch hast du recht. Bist du denn nicht mir eigen?

Und hab' ich ihn, den teuern Vater, nicht,

Den Heiligjugendlichen, Vielerfahrnen,

Der, wie ein stiller Gott auf dunkler Wolke,

Verborgenwirkend über seiner Welt

Mit freiem Auge ruht, und wenn er schon

Ein Höhers weiß, und ich des Mannes Geist

Nur ahnen kann, doch ehrt er liebend mich,

Und nennt mich seine Freude, ja! und oft

Gibt eine neue Seele mir sein Wort.

 

    Dann möcht' ich wohl den Segen, den er gab,

Mit einem, das ich liebte, gerne teilen,

Und bin allein - ach! ehmals war ichs nicht!

 

    Mein Eduard! mein Bruder! denkst du sein

Und denkst du noch der frommen Abende,

Wenn wir im Garten oft zusammensaßen

Nach schönem Sommertage, wenn die Luft

Um unsre Stille freundlich atmete,

Und über uns des Aethers Blumen glänzten;

Wenn von den Alten er, den Hohen, uns

Erzählte, wie in Freude sie und Freiheit

Aufstrebten, seine Meister; tönender

Hub dann aus seiner Brust die Stimme sich,

Und zürnend war und liebend oft voll Tränen

Das Auge meinem Stolzen! ach! den letzten

Der Abende, wie nun, da Großes ihm

Bevorstand, ruhiger der Jüngling war,

Noch mit Gesängen, die wir gerne hörten,

Und mit der Zithar uns, die Trauernden,

Vergnügt'!

 

Ich seh ihn immer, wie er ging.

Nie war er schöner, kühn, die Seele glänzt'

Ihm auf der Stirne, dann voll Andacht trat

Er vor den alten Vater. Kann ich Glück

Von dir empfangen, sprach er, heilger Mann!

So wünsche lieber mir das größte, denn

Ein anders, und betroffen schien der Vater.

Wenns sein soll, wünsch ich dirs, antwortet' er.

Ich stand beiseit, und wehemütig sah

Der Scheidende mich an und rief mich laut;

Mir bebt' es durch die Glieder, und er hielt

Mich zärtlich fest, in seinen Armen stärkte

Der Starke mir das Herz, und da ich aufsah

Nach meinem Lieben, war er fortgeeilt.

 

    »Ein edel Volk ist hier auf Korsika;«

Schrieb freudig er im letzten Briefe mir,

»Wie wenn ein zahmer Hirsch zum Walde kehrt

Und seine Brüder trifft, so bin ich hier,

Und mir bewegt im Männerkriege sich

Die Brust, daß ich von allem Weh genese.

 

    Wie lebst du, teure Seele! und der Vater?

Hier unter frohem Himmel, wo zu schnell

Die Frühlinge nicht altern, und der Herbst

Aus lauer Luft dir goldne Früchte streut,

Auf dieser guten Insel werden wir

Uns wiedersehen; dies ist meine Hoffnung.

 

    Ich lobe mir den Feldherrn. Oft im Traum

Hab' ich ihn fast gesehen, wie er ist,

Mein Paoli, noch eh' er freundlich mich

Empfing und zärtlich vorzog, wie der Vater

Den Jüngstgebornen, der es mehr bedarf.

 

    Und schämen muß ich vor den andern mich,

Den furchtbarstillen, ernsten Jünglingen.

Sie dünken traurig dir bei Ruh und Spiel;

Unscheinbar sind sie, wie die Nachtigall,

Wenn von Gesang sie ruht; am Ehrentag

Erkennst du sie. Ein eigen Leben ists! -

Wenn mit der Sonne wir, mit heil'gem Lied

Heraufgehn übern Hügel, und die Fahnen

Ins Tal hinab im Morgenwinde wehn,

Und drunten auf der Ebne fernher sich,

Ein gärend Element, entgegen uns

Die Menge regt und treibt, da fühlen wir

Frohlockender, wie wir uns herrlich lieben;

Denn unter unsern Zelten und auf Wogen

Der Schlacht begegnet uns der Gott, der uns

Zusammenhält.

 

Wir tun, was sich gebührt,

Und führen wohl das edle Werk hinaus.

Dann küßt ihr noch den heimatlichen Boden,

Den trauernden, und kommt und lebt mit uns,

Emilie! - Wie wirds dem alten Vater

Gefallen, bei den Lebenden noch Einmal

Zum Jüngling aufzuleben und zu ruhn

In unentweihter Erde, wenn er stirbt.

 

    Denkst du des tröstenden Gesanges noch,

Emilie, den seiner teuern Stadt

In ihrem Fall der stille Römer sang,

Noch hab ich einiges davon im Sinne.

 

    Klagt nicht mehr! kommt in neues Land! so sagt' er.

Der Ozean, der die Gefild' umschweift,

Erwartet uns. Wir suchen selige

Gefilde, reiche Inseln, wo der Boden

Noch ungepflügt die Früchte jährlich gibt,

Und unbeschnitten noch der Weinstock blüht,

Wo der Olivenzweig nach Wunsche wächst,

Und ihren Baum die Feige keimend schmückt,

Wo Honig rinnt aus hohler Eich und leicht

Gewässer rauscht von Bergeshöhn. - Noch manches

Bewundern werden wir, die Glücklichen. -

Es sparte für ein frommes Volk Saturnus Sohn

Dies Ufer auf, da er die goldne Zeit

Mit Erze mischte. - Lebe wohl, du Liebe!«

 

    Der Edle fiel des Tags darauf im Treffen

Mit seiner Liebsten Einem, ruht mit ihm

In Einem Grab.

 

In deinem Schoße ruht

Er, schönes Korsika! und deine Wälder

Umschatten ihn, und deine Lüfte wehn

Am milden Herbsttag freundlich über ihm,

Dein Abendlicht vergoldet seinen Hügel.

 

    Ach! dorthin möcht' ich wohl, doch hälf es nicht.

Ich sucht' ihn, so wie hier. Ich würde fast

Dort weniger, wie hier, mich sein entwöhnen.

So wuchs ich auf mit ihm, und weinen muß ich

Und lächeln, denk' ich, wie mirs ehmals oft

Beschwerlich ward, dem Wilden nachzukommen,

Wenn nirgend er beim Spiele bleiben wollte.

Nun bist du dennoch fort und lässest mich

Allein, du Lieber! und ich habe nun

Kein Bleiben auch, und meine Augen sehn

Das Gegenwärtige nicht mehr, o Gott!

Und mit Phantomen peiniget und tröstet

Nun meine Seele sich, die einsame.

Das weißt du, gutes Mädchen! nicht, wie sehr

Ich unvernünftig bin. Ich will dirs all

Erzählen. Morgen! Mich besucht doch immer

Der süße Schlaf, und wie die Kinder bin ich,

Die besser schlummern, wenn sie ausgeweint.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 16:49:46 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright