Emilie an Klara

 

    Der Vater schwieg im Leide tagelang,

Da ers erfuhr; und scheuen mußt ich mich,

Mein Weh ihn sehn zu lassen; lieber ging

Ich dann hinaus zum Hügel und das Herz

Gewöhnte mir zum freien Himmel sich.

Ich tadelt oft ein wenig mich darüber,

Daß nirgend mehr im Hause mirs gefiel.

Vergnügt mit allem war ich ehmals da,

Und leicht war alles mir. Nun ängstigt' es

Mich oft; noch trieb ich mein Geschäft, doch leblos,

Bis in die Seele stumm in meiner Trauer.

 

    Es war, wie in der Schattenwelt, im Hause.

Der stille Vater und das stumme Kind!

 

    Wir wollen fort auf eine Reise, Tochter!

Sagt' eines Tags mein Vater, und wir gingen,

Und kamen dann zu dir. In diesem Land,

An deines Neckars friedlichschönen Ufern,

Da dämmert' eine stille Freude mir

Zum erstenmale wieder auf. Wie oft

Im Abendlichte stand ich auf dem Hügel

Mit dir, und sah das grüne Tal hinauf,

Wo zwischen Bergen, da die Rebe wächst,

An manchem Dorf vorüber, durch die Wiesen

Zu uns herab, von luftger Weid umkränzt,

Das goldne ruhige Gewässer wallte!

Mir bleibt die Stelle lieb, wo ich gelebt.

 

Ihr heiterfreien Ebenen des Mains,

Ihr reichen, blühenden! wo nahe bald

Der frohe Strom, des stolzen Vaters Liebling,

Mit offnem Arm ihn grüßt, den alten Rhein!

 

    Auch ihr! Sie sind wie Freunde mir geworden,

Und aus der Seele mir vergehen soll

Kein frommer Dank, und trag' ich Leid im Busen,

So soll mir auch die Freude lebend bleiben.

 

    Erzählen wollt' ich dir, doch hell ist nie

Das Auge mir, wenn dessen ich gedenke.

Vor seinen kindischen, geliebten Träumen

Bebt immer mir das Herz.

 

Wir reisten dann

Hinein in andre Gegenden, ins Land

Des Varustals, dort bei den dunkeln Schatten

Der wilden heilgen Berge lebten wir,

Die Sommertage durch, und sprachen gern

Von Helden, die daselbst gewohnt, und Göttern.

 

    Noch gingen wir des Tages, ehe wir

Vom Orte schieden, in den Eichenwald

Des herrlichen Gebirgs hinaus, und standen

In kühler Luft auf hoher Heide nun.

 

    »Hier unten in dem Tale schlafen sie

Zusammen,« sprach mein Vater, »lange schon,

Die Römer mit den Deutschen, und es haben

Die Freigebornen sich, die stolzen, stillen,

Im Tode mit den Welteroberern

Versöhnt, und Großes ist und Größeres

Zusammen in der Erde Schoß gefallen.

Wo seid ihr, meine Toten all? Es lebt

Der Menschengenius, der Sprache Gott,

Der alte Braga noch, und Hertha grünt

Noch immer ihren Kindern, und Walhalla

Blaut über uns, der heimatliche Himmel;

Doch euch, ihr Heldenbilder, find ich nicht.«

 

    Ich sah hinab und leise schauerte

Mein Herz, und bei den Starken war mein Sinn,

Den Guten, die hier unten vormals lebten.

 

    Itzt stand ein Jüngling, der, uns ungesehn,

Am einsamen Gebüsch beiseit gesessen,

Nicht ferne von mir auf. O Vater! mußt'

Ich rufen, das ist Eduard! - Du bist

Nicht klug, mein Kind! erwidert' er und sah

Den Jüngling an; es mocht ihn wohl auch treffen,

Er faßte schnell mich bei der Hand und zog

Mich weiter. Einmal mußt ich noch mich umsehn.

Derselbe wars und nicht derselbe! Stolz und groß,

Voll Macht war die Gestalt, wie des Verlornen,

Und Aug und Stirn und Locke; schärfer blickt'

Er nur, und um die seelenvolle Miene

War, wie ein Schleier, ihm ein stiller Ernst

Gebreitet. Und er sah mich an. Es war,

Als sagt' er, gehe nur auch du, so geht

Mir alles hin, doch duld' ich aus und bleibe.

 

    Wir reisten noch desselben Abends ab,

Und langsamtraurig fuhr der Wagen weiter

Und weiter durchs unwegsame Gebirg.

Es wechselten in Nebel und in Regen

Die Bäum und des Gebüsches dunkle Bilder

Im Walde nebenan. Der Vater schlief,

In dumpfem Schmerze träumt' ich hin, und kaum

Nur eben noch, die lange Zeit zu zählen,

War mir die Seele wach.

 

Ein schöner Strom

Erweckt' ein wenig mir das Aug; es standen

Im breiten Boot die Schiffer am Gestad;

Die Pferde traten folgsam in die Fähre,

Und ruhig schifften wir. Erheitert war

Die Nacht, und auf die Wellen leuchtet'

Und Hütten, wo der fromme Landmann schlief,

Aus blauer Luft das stille Mondlicht nieder;

Und alles dünkte friedlich mir und sorglos,

In Schlaf gesungen von des Himmels Sternen.

 

    Und ich sollt' ohne Ruhe sein von nun an,

Verloren ohne Hoffnung mir an Fremdes

Die Seele meiner Jugend! Ach! ich fühlt'

Es itzt, wie es geworden war mit mir.

Dem Adler gleich, der in der Wolke fliegt,

Erschien und schwand mir aus dem Auge wieder,

Und wieder mir des hohen Fremdlings Bild,

Daß mir das Herz erbebt' und ich umsonst

Mich fassen wollte. Schliefst du gut, mein Kind!

Begrüßte nun der gute Vater mich,

Und gerne wollt' ich auch ein Wort ihm sagen.

Die Tränen doch erstickten mir die Stimme,

Und in den Strom hinunter mußt' ich sehn,

Und wußte nicht, wo ich mein Angesicht

Verbergen sollte.

 

Glückliche! die du

Dies nie erfahren, überhebe mein Dich nicht.

Auch du, und wer von allen mag

Sein eigen bleiben unter dieser Sonne?

Oft meint ich schon, wir leben nur, zu sterben,

Uns opfernd hinzugeben für ein anders.

O schön zu sterben, edel sich zu opfern,

Und nicht so fruchtlos, so vergebens, Liebe!

Das mag die Ruhe der Unsterblichen

Dem Menschen sein.

 

Bedaure du mich nur!

Doch tadeln, Gute, sollst du mir es nicht!

Nennst du sie Schatten, jene, die ich liebe?

Da ich kein Kind mehr war, da ich ins Leben

Erwachte, da aufs neu mein Auge sich

Dem Himmel öffnet' und dem Licht, da schlug

Mein Herz dem Schönen; und ich fand es nah;

Wie soll ichs nennen, nun es nicht mehr ist

Für mich? O laßt! Ich kann die Toten lieben,

Die Fernen; und die Zeit bezwingt mich nicht.

Mein oder nicht! du bist doch schön, ich diene

Nicht Eitlem, was der Stunde nur gefällt,

Dem Täglichen gehör ich nicht; es ist

Ein anders, was ich lieb'; unsterblich

Ist, was du bist, und du bedarfst nicht meiner,

Damit du groß und gut und liebenswürdig

Und herrlich seist, du edler Genius!

 

    Laßt nur mich stolz in meinem Leide sein,

Und zürnen, wenn ich ihn verleugnen soll;

Bin ich doch sonst geduldig, und nicht oft

Aus meinem Munde kömmt ein Männerwort.

Demütigt michs doch schon genug, daß ich,

Was ich dir lang verborgen, nun gesagt.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 07:50:28 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
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