Emilie an Klara

 

Nun muß ich lächeln über alles Schlimme,

Was ich die vor'ge Nacht geträumt; und hab'

Ich dir es gar geschrieben? Anders bin

Ich itzt gesinnt.

 

Er kam und mir frohlockte

Das Herz, wie er herab die Straße ging,

Und mir das Volk den fremden Herrlichen

Bestaunt'! und lobend über ihn geheim

Die Nachbarn sich besprachen, und er itzt

Den Knaben, der an ihm vorüberging,

Nach meinem Hause fragt'; ich sahe nicht

Hinaus, ich konnt', an meinem Tische sitzend,

Ihn ohne Scheue sehn - wie red' ich viel?

Und da er nun herauf die Treppe kam,

Und ich die Tritte hört' und seine Türe

Mein Vater öffnete, sie draußen sich

Stillschweigend grüßten, daß ich nicht

Ein Wort vernehmen konnt', ich Unvernünft'ge,

Wie ward mir bange wieder? Und sie blieben

Nicht kurze Zeit allein im andern Zimmer,

Daß ich es länger nicht erdulden konnt,

Und dacht': ich könnte wohl den Vater fragen

Um dies und jenes, was ich wissen mußte.

Dann hätt' ichs wohl gesehn in ihren Augen,

Wie mir es werden sollte. Doch ich kam

Bis an die Schwelle nur, ging lieber doch

In meinen Garten, wo die Pflanzen sonst,

In andrer Zeit, die Stunde mir gekürzt.

 

    Und fröhlich glänzten, von des Morgens Tau

Gesättiget, im frischen Lichte sie

Ins Auge mir, wie liebend sich das Kind

An die betrübte Mutter drängt, so waren

Die Blumen und die Blüten um mich rings,

Und schöne Pforten wölbten über mir

Die Bäume.

 

Doch ich konnt' es itzt nicht achten,

Nur ernster ward und schwerer nur, und bänger

Das Herz mir Armen immer, und ich sollte

Wie eine Dienerin von ferne lauschen,

Ob sie vielleicht mich riefen, diese Männer.

Ich wollte nun auch nimmer um mich sehn,

Und barg in meiner Laube mich und weinte,

Und hielt die Hände vor das Auge mir.

 

    Da hört' ich sanft des Vaters Stimme nah,

Und lächelnd traten, da ich noch die Tränen

Mir trocknete, die beiden in die Laube:

»Hast du dich so geängstiget, mein Kind!

Und zürnst du,« sprach der Vater, »daß ich erst

Vor mich den edeln Gast behalten wollt'?

Ihn hast du nun. Er mag die Zürnende

Mit mir versöhnen, wenn ich Unrecht tat.«

 

    So sprach er; und wir reichten alle drei

Die Händ' einander, und der Vater sah

Mit stiller Freud' uns an -

 

»Ein Trefflicher

Ist dein geworden, Tochter!« sprach er itzt,

»Und dein, o Sohn! dies heiligliebend Weib.

Ein freudig Wunder, daß die alten Augen

Mir übergehen, seid ihr mir, und blüht,

Wie eine seltne Blume, mir, ihr Beiden!

 

    Denn nicht gelingt es immerhin den Menschen,

Das Ihrige zu finden. Großes Glück

Zu tragen und zu opfern gibt der Gott

Den Einen, weniger gegeben ist

Den Andern; aber hoffend leben sie.

 

    Zwei Genien geleiten auf und ab

Uns Lebende, die Hoffnung und der Dank.

Mit Einsamen und Armen wandelt jene,

Die Immerwache; dieser führt aus Wonne

Die Glücklichen des Weges freundlich weiter,

Vor bösem Schicksal sie bewahrend. Oft,

Wenn er entfloh, erhuben sich zu sehr

Die Freudigen, und rächend traf sie bald

Das ungebetne Weh.

 

Doch gerne teilt

Das freie Herz von seinen Freuden aus,

Der Sonne gleich, die liebend ihre Strahlen

An ihrem Tag aus goldner Fülle gibt;

Und um die Guten dämmert oft und glänzt

Ein Kreis voll Licht und Lust, so lang sie leben.

 

    O Frühling meiner Kinder, blühe nun,

Und altre nicht zu bald, und reife schön!«

 

    So sprach der gute Vater. Vieles wollt'

Er wohl noch sagen, denn die Seele war

Ihm aufgegangen; aber Worte fehlten ihm.

 

    Er gab ihn mir und segnet' uns und ging

Hinweg.

 

Ihr Himmelslüfte, die ihr oft

Mich tröstend angeweht, nun atmetet

Ihr heiligend um unser goldnes Glück!

 

    Wie anders wars, wie anders, da mit ihm,

Dem Liebenden, dem Freudigen, ich itzt,

Ich Freudige, zu unsrer Mutter auf,

Zur schönen Sonne sah! nun dämmert' es

Im Auge nicht, wie sonst im sehnenden,

Nun grüßt' ich helle dich, du stolzes Licht!

Und lächelnd weiltest du, und kamst und schmücktest

Den Lieben mir, und kränztest ihm mit Rosen

Die Schläfe, Freundliches!

 

Und meine Bäume,

Sie streuten auch ein hold Geschenk herab,

Zu meinem Fest, vom Überfluß der Blüten!

 

    Da ging ich sonst; ach! zu den Pflanzen flüchtet

Ich oft mein Herz, bei ihnen weilt ich oft

Und hing an ihnen; dennoch ruht ich nie,

Und meine Seele war nicht gegenwärtig.

 

    Wie eine Quelle, wenn die jugendliche

Dem heimatlichen Berge nun entwich,

Die Pfade bebend sucht, und flieht und zögert,

Und durch die Wiesen irrt und bleiben möcht',

Und sehnend, hoffend immer doch enteilt:

So war ich; aber liebend hat der stolze,

Der schöne Strom die flüchtige genommen,

Und ruhig wall' ich nun, wohin der sichre

Mich bringen will, hinab am heitern Ufer.


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 06:37:59 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright