Abendphantasie


Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt

   Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.

      Gastfreundlich tönt dem Wanderer im

         Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

 

Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch,

   In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts

      Geschäftger Lärm; in stiller Laube

         Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

 

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen

   Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh

      Ist alles freudig; warum schläft denn

         Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

 

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;

   Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint

      Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,

         Purpurne Wolken! und möge droben

 

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -

   Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht

      Der Zauber; dunkel wirds und einsam

         Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -

 

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt

   Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,

      Du ruhelose, träumerische!

         Friedlich und heiter ist dann das Alter.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 13:28:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
Abuse Trap
  Home  Impressum  Copyright