Rousseau


Wie eng begrenzt ist unsere Tageszeit.

   Du warst und sahst und stauntest, schon Abend ists,

      Nun schlafe, wo unendlich ferne

         Ziehen vorüber der Völker Jahre.

 

Und mancher siehet über die eigne Zeit,

   Ihm zeigt ein Gott ins Freie, doch sehnend stehst

      Am Ufer du, ein Ärgernis den

         Deinen, ein Schatten, und liebst sie nimmer,

 

Und jene, die du nennst, die Verheißenen,

   Wo sind die Neuen, daß du an Freundeshand

      Erwarmst, wo nahn sie, daß du einmal,

         Einsame Rede, vernehmlich seiest?

 

Klanglos ists, armer Mann, in der Halle dir,

   Und gleich den Unbegrabenen, irrest du

      Unstät und suchest Ruh und niemand

         Weiß den beschiedenen Weg zu weisen.

 

Sei denn zufrieden! der Baum entwächst

   Dem heimatlichen Boden, aber es sinken ihm

      Die liebenden, die jugendlichen

         Arme, und trauernd neigt er sein Haupt.

 

Des Lebens Überfluß, das Unendliche,

   Das um ihn und dämmert, er faßt es nie.

      Doch lebts in ihm und gegenwärtig,

         Wärmend und wirkend, die Frucht entquillt ihm.

 

Du hast gelebt! auch dir, auch dir

   Erfreuet die ferne Sonne dein Haupt,

      Und Strahlen aus der schönern Zeit. Es

         Haben die Boten dein Herz gefunden.

 

Vernommen hast du sie, verstanden die Sprache der Fremdlinge,

   Gedeutet ihre Seele! Dem Sehnenden war

      Der Wink genug, und Winke sind

         Von alters her die Sprache der Götter.

 

Und wunderbar, als hätte von Anbeginn

   Des Menschen Geist das Werden und Wirken all,

      Des Lebens Weise schon erfahren,

 

Kennt er im ersten Zeichen Vollendetes schon,

   Und fliegt, der kühne Geist, wie Adler den

      Gewittern, weissagend seinen

         Kommenden Göttern voraus,


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 21:53:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
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