Der Neckar


In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf

   Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,

      Und all der holden Hügel, die dich

         Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

 

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft

   Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Tal,

      Wie Leben aus dem Freudebecher,

         Glänzte die bläuliche Silberwelle.

 

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,

   Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,

      Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen

         Städten hinunter und lustgen Inseln.

 

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht

   Verlangend nach den Reizen der Erde mir,

      Zum goldenen Paktol, zu Smyrnas

         Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

 

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad

   Nach deinen Säulen fragen, Olympion!

      Noch eh der Sturmwind und das Alter

         Hin in den Schutt der Athenertempel

 

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,

   Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,

      Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen

         Inseln Ioniens! wo die Meerluft

 

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald

   Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstock wärmt,

      Ach! wo ein goldner Herbst dem armen

         Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

 

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht

   Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum

      Von Harze träuft und Pauk und Cymbel

         Zum labyrinthischen Tanze klingen.

 

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch

   Mein Schutzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn

      Auch da mein Neckar nicht mit seinen

         Lieblichen Wiesen und Uferweiden.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 14:43:47 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
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