Vom Tode Mariae


(Drei Stücke)

 

I

 

Derselbe große Engel, welcher einst

ihr der Gebärung Botschaft niederbrachte,

stand da, abwartend daß sie ihn beachte,

und sprach Jetzt wird es Zeit, daß du erscheinst.

Und sie erschrak wie damals und erwies

sich wieder als die Magd, ihn tief bejahend.

Er aber strahlte und, unendlich nahend,

schwand er wie in ihr Angesicht - und hieß

die weithin ausgegangenen Bekehrer

zusammenkommen in das Haus am Hang,

das Haus des Abendmahls. Sie kamen schwerer

und traten bange ein: Da lag, entlang

die schmale Bettstatt, die in Untergang

und Auserwählung rätselhaft Getauchte,

ganz unversehrt, wie eine Ungebrauchte,

und achtete auf englischen Gesang.

Nun da sie alle hinter ihren Kerzen

abwarten sah, riß sie vom Übermaß

der Stimmen sich und schenkte noch von Herzen

die beiden Kleider fort, die sie besaß,

und hob ihr Antlitz auf zu dem und dem...

(O Ursprung namenloser Tränen-Bäche).

 

Sie aber legte sich in ihre Schwäche

und zog die Himmel an Jerusalem

so nah heran, daß ihre Seele nur,

austretend, sich ein wenig strecken mußte:

schon hob er sie, der alles von ihr wußte,

hinein in ihre göttliche Natur.

 

 

II

 

Wer hat bedacht, daß bis zu ihrem Kommen

der viele Himmel unvollständig war?

Der Auferstandne hatte Platz genommen,

doch neben ihm, durch vierundzwanzig Jahr,

war leer der Sitz. Und sie begannen schon

sich an die reine Lücke zu gewöhnen,

die wie verheilt war, denn mit seinem schöne

Hinüberscheinen füllte sie der Sohn.

 

So ging auch sie, die in die Himmel trat,

nicht auf ihn zu, so sehr es sie verlangte;

dort war kein Platz, nur Er war dort und prangte

mit einer Strahlung, die ihr wehe tat.

Doch da sie jetzt, die rührende Gestalt,

sich zu den neuen Seligen gesellte

und unauffällig, licht zu licht, sich stellte,

da brach aus ihrem Sein ein Hinterhalt

von solchem Glanz, daß der von ihr erhellte

Engel geblendet aufschrie: Wer ist die?

Ein Staunen war. Dann sahn sie alle, wie

Gott-Vater oben unsern Herrn verhielt,

so daß, von milder Dämmerung umspielt,

die leere Stelle wie ein wenig Leid

sich zeigte, eine Spur von Einsamkeit,

wie etwas, was er noch ertrug, ein Rest

irdischer Zeit, ein trockenes Gebrest -.

Man sah nach ihr; sie schaute ängstlich hin,

weit vorgeneigt, als fühlte sie: ich bin

sein längster Schmerz -: und stürzte plötzlich vor.

Die Engel aber nahmen sie zu sich

und stützten sie und sangen seliglich

und trugen sie das letzte Stück empor.

 

 

III

 

Doch vor dem Apostel Thomas, der

kam, da es zu spät war, trat der schnelle

längst darauf gefaßte Engel her

und befahl an der Begräbnisstelle:

 

Dräng den Stein beiseite. Willst du wissen,

wo die ist, die dir das Herz bewegt:

Sieh: sie ward wie ein Lavendelkissen

eine Weile da hineingelegt,

 

daß die Erde künftig nach ihr rieche

in den Falten wie ein feines Tuch.

Alles Tote (fühlst du), alles Sieche

ist betäubt von ihrem Wohl-Geruch.

 

Schau den Leinwand: wo ist eine Bleiche,

wo er blendend wird und geht nicht ein?

Dieses Licht aus dieser reinen Leiche

war ihm klärender als Sonnenschein.

 

Staunst du nicht, wie sanft sie ihm entging?

Fast als wär sie's noch, nichts ist verschoben.

Doch die Himmel sind erschüttert oben:

Mann, knie hin und sieh mir nach und sing.



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