Aberglaube

Aberglaube (auch Afterglaube, Mißglaube, lat. superstitio, gr. deisidaimonia) heißt allgemein jeder falsche Glaube. Er entsteht, indem niedere religiöse Vorstellungen zur Zeit des religiösen Fortschritts festgehalten werden. Im engeren Sinne ist der Aberglaube eine den Gesetzen der Erfahrung und des Denkens zuwiderlaufende Ansicht von dem ursächlichen Zusammenhange der sinnlichen Welt mit der nichtsinnlichen. Es ist z. B. abergläubisch, einen Krieg aus dem Erscheinen eines Kometen, oder den Tod eines Menschen aus dem Zusammensein von dreizehn Personen an einer Tafel abzuleiten. Der Aberglaube beruht hauptsächlich auf dem Fortleben der Vorstellungen der Naturreligionen und des Volksglaubens, die teils der Unwissenheit, teils dem ungeschulten Schlußvermögen, teils der Phantasie entsprungen sind. Er ist theoretisch, wenn er unsere Weltanschauung bestimmt, praktisch, wenn er unsere Handlungsweise regelt (Magie). Manche abergläubische Ansicht ist ziemlich harmlos, manche gefährlich, manche führt sogar zum Fanatismus. Die verschiedenen Formen des Aberglaubens sind belehrend für die Erkenntnis der menschlichen Natur und der menschlichen Kulturgeschichte, daher auch oft für den Dichter anregend und stoffgerecht, wie Goethe wohl wußte. Der aus dem Altertum und Mittelalter ererbte Aberglaube ist durch die Tätigkeit der Reformation und der Aufklärung wesentlich beschränkt, aber keineswegs völlig beseitigt, dagegen im volkstümlichen Lied neu belebt und psychologisch vertieft worden. Der Aberglaube der Gegenwart gipfelt im Spiritismus. Vgl. Wuttke, der deutsche Volksaberglaube, 1869. Pfleiderer, Theorie des Aberglaubens, 1872. Lippert, Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, Berlin 1882. C. Meyer, der Aberglaube des Mittelalters, Basel 1884. Strümpell, der Aberglaube, 1890.


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