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I. [Entwicklung der Äquivalenzvorstellungen über dieses Stadium hinaus und auf den reinen Symbolcharakter des Geldes zu]

 

Ein Maßverhältnis zwischen zwei Größen nicht mehr durch unmittelbares Aneinanderhalten herzustellen, sondern daraufhin, daß jede derselben zu je einer anderen Größe ein Verhältnis hat und diese beiden Verhältnisse einander gleich oder ungleich sind - das ist einer der größten Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, die Entdeckung einer neuen Welt aus dem Material der alten. Zwei Leistungen ganz verschiedener Höhe bieten sich dar - sie werden vergleichbar, da sie im Verhältnis zu dem Kraftmaß, das jeder der Leistenden einzusetzen hatte, die gleiche Willensanspannung und Hingebung zeigen, zwei Schicksale stehen auf der Skala des Glücks weit voneinander ab - aber sie gewinnen sogleich eine meßbare Beziehung, wenn man jedes auf das Maß des Verdienstes hin ansieht, durch das sein Träger seiner würdig oder unwürdig ist. Zwei Bewegungen, die völlig verschiedene Geschwindigkeiten haben, gewinnen eine Zusammengehörigkeit und Gleichheit, sobald wir beobachten, daß die Beschleunigung, die jede von ihnen im Verhältnis zu ihrem Anfangsstadium erfährt, bei beiden die gleiche ist. Nicht nur für unser Gefühl spinnt sich eine Art von Zusammengehörigkeit zwischen zwei Elementen, die zwar in ihrer substanziellen Unmittelbarkeit einander fremd, deren Verhältnisse zu einem dritten und vierten Element aber die gleichen sind; sondern eben damit wird das eine zu einem Faktor für die Ausrechenbarkeit des anderen. Und nun weiter ausgreifend: so unvergleichbar zwei Personen in ihren angebbaren Eigenschaften sein mögen, so stiften Beziehungen zu einem je dritten Menschen doch eine Gleichheit zwischen ihnen; sobald die erste die gleiche Liebe oder Haß, Herrschaft oder Unterworfenheit einer dritten gegenüber zeigt, wie die zweite einer vierten gegenüber, so haben diese Relationen hier der Fremdheit des Fürsichseins jener eine tiefe und wesentliche Gleichheit untergebaut. Endlich ein letztes Beispiel. Die Vollendung verschiedenartiger Kunstwerke würden wir nicht miteinander vergleichen können, ihre Werte würden sich nicht in den Zusammenhang einer Stufenleiter ordnen, wenn nicht jedes zu dem eigentümlichen Ideale seiner Art ein bestimmtes Verhältnis hätte. Aus dem Problem, dem Material, der Stilart jedes Kunstwerkes wächst uns eine Norm heraus, und zu ihr hat seine Wirklichkeit eine fühlbare Relation von Nähe oder Abstand, die offenbar bei der größten Mannigfaltigkeit der Werke die gleiche oder vergleichbare sein kann. Durch diese mögliche Gleichheit solcher Relation erst wird aus den einzelnen, an sich einander ganz fremden Werken eine ästhetische Welt, eine genau gefügte Ordnung, ein ideelles Zusammengehören dem Werte nach. Und dies erstreckt sich nicht nur auf den Kosmos der Kunst, sondern daß überhaupt aus dem Stoff unserer isolierten Schätzungen eine Gesamtheit gleicher oder abgestufter Bedeutsamkeiten erwächst, daß auch das Disharmonische nur über der Forderung einer einheitlichen Ordnung und inneren Beziehung der Werte untereinander als solches empfunden wird - diesen wesentlichen Zug verdankt unser Weltbild allenthalben unserer Fähigkeit, nicht nur je zwei Dinge, sondern auch die Verhältnisse je zweier zu je zwei anderen gegeneinander abzuwägen und in der Einheit eines Gleichheits- oder Ähnlichkeitsurteils zusammenzufassen. Das Geld, als Produkt dieser fundamentalen Kraft oder Form unseres Inneren, ist nicht nur deren weitestes Beispiel, sondern sozusagen gar nichts anderes, als die reine Verkörperung derselben. Denn das Geld kann das im Tausch zu realisierende Wertverhältnis der Dinge zueinander doch nur so ausdrücken, daß das Verhältnis der singulären Summe zu einem irgendwie gewonnenen Nenner dasselbe ist, das zwischen der ihr entsprechenden Ware und der Totalität der für den Austausch in Frage kommenden Waren besteht. Das Geld ist seinem Wesen nach nicht ein wertvoller Gegenstand, dessen Teile untereinander oder zum Ganzen zufällig dieselbe Proportion hätten wie andere Werte untereinander; sondern es erschöpft seinen Sinn darin, das Wertverhältnis eben dieser ändern Objekte zueinander auszudrücken, was ihm mit Hilfe jener Fähigkeit des ausgebildeten Geistes gelingt: die Relationen der Dinge auch da gleichzusetzen, wo die Dinge selbst keine Gleichheit oder Ähnlichkeit besitzen. Da diese Fähigkeit sich aber erst allmählich aus der primitiveren entwickelt, die Gleichheit oder Ähnlichkeit zweier Objekte unmittelbar zu beurteilen und auszudrücken, so entstehen die oben berührten Erscheinungen, in denen man auch das Geld in eine unmittelbare Beziehung dieser Art zu seinen Gegenwerten zu bringen suchte.

Innerhalb der modernen Wirtschaft setzt der fragliche Übergang z.B. an das Merkantilsystem an. Das Bestreben der Regierungen, möglichst viel bares Geld ins Land zu bekommen, wurde zwar auch noch von dem Prinzip: viel hilft viel geleitet; allein der schließliche Zweck, zu dem es helfen sollte, war doch schon die funktionelle Belebung der Industrie und des Marktes. Der Fortschritt darüber hinaus bestand in der Einsicht, daß die diesem Zwecke dienstbaren Werte der substanziellen Geldform nicht bedürften, vielmehr das unmittelbare Produkt der Arbeit schon als solches den entscheidenden Wert darstellte. Das verhält sich ungefähr wie mit den Zielen früherer Politik: nur möglichst viel Land zu gewinnen und es mit möglichst viel Menschen zu »peuplieren«: bis tief in das 18. Jahrhundert hinein fiel es kaum einem Staatsmann ein, daß die eigentliche nationale Größe anders als durch den Gewinn von Land gefördert werden könnte. Die Berechtigung solcher Ziele unter gewissen historischen Umständen hat doch die Einsicht nicht verhindert, daß alle diese substanzielle Fülle nur als Grundlage dynamischer Entwicklungen bedeutsam ist, daß diese letzteren aber schließ lieh nur eine sehr begrenzte Unterlage jener Art fordern. Es hat sich gezeigt, daß für die Steigerung der Produktion und des Reichtums die physische Gegenwart des Geldäquivalents immer entbehrlicher wird und daß, selbst wenn das »viele« Geld nicht mehr um seinethalben, sondern um bestimmter funktioneller Zwecke willen erstrebt wird, diese gleichsam in freischwebenden Prozessen, unter Aus Schaltung jenes erreicht werden können - wie insbesondere der moderne internationale Warenaustausch erweist. Die Bedeutung des Geldes, die relativen Werte der Waren auszudrücken, ist nach unseren obigen Ausführungen von einem an ihm bestehenden Eigenwert ganz unabhängig; wie es für eine Skala zur Messung von Raumgrößen gleichgültig ist, ob sie aus Eisen, Holz oder Glas besteht, weil nur das Verhältnis ihrer Teile zueinander, bzw. zu einer dritten Größe, in Betracht kommt - so hat die Skala, die das Geld für die Bestimmung von Werten darbietet, mit dem Charakter seiner Substanz nichts zu tun. In dieser seiner ideellen Bedeutung als Maßstab und Ausdruck für den Wert von Waren ist es ganz ungeändert geblieben, während es als Zwischenware, Wertaufbewahrungs- und Werttransportmittel seinen Charakter teils geändert hat, teils noch weiter zu ändern im Begriff steht: aus der Form der Unmittelbarkeit und Substanzialität, in der es diese Obliegenheiten zuerst erfüllte, geht es in die ideelle über, d.h. es übt seine Wirkungen als bloße Idee, welche sich an irgendein vertretendes Symbol knüpft.

 


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