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III. [Sinkende Substanzbedeutung und steigende Wertbedeutung des Geldes]

 

An der allgemeinen Zirkulationsbeschleunigung der Werte entwickelt sich nun auch unmittelbar das Verhältnis von Substanz und Funktion des Geldes. Gegenüber einer einseitigen Auffassung des Verhältnisses zwischen Geld und Geldsurrogaten hat man hervorgehoben, daß diese letzteren - Schecks, Wechsel, Warrants, Giro - das Geld nicht verdrängen, sondern nur zu schnellerer Umsetzung veranlassen. Diese Funktion gerade der Vertretungen des Geldes zeigt sich recht daran, daß die Noten von ihren großen und also schwerer beweglichen Werten zu immer geringeren herabsteigen: bis 1759 gab englische Bank keine kleineren Noten aus als zu 20 Pfund, die Bank von Frankreich bis 1848 nur solche von 500 Fr. Indem jene Surrogate an die Stelle der Barzahlung treten, ersparen sie es dem Einzelnen zwar, einen größeren Geldbestand in seiner Kasse zu haltet, allein der Vorteil davon liegt doch nur darin, daß das so frei werdende Geld anderwärts bzw. bei der Scheckbank arbeiten kann. Was erspart wird, ist also nicht eigentlich das Geld, sondern nur sein passives Daliegen als Kassenbestand. So ist auch sonst zu beobachten, daß Kredit- und Bargeld sich keineswegs nur einfach gegenseitig ersetzen, sondern daß eines das andere gerade in lebhaftere Bewegung bringt. Wenn das meiste bare Geld am Markte ist, steigt auch oft die Kreditwirtschaft ins Taumelhafte und bis zu pathologischen Erscheinungen: so im 16. Jahrhundert, das an die großen Metallimporte die größten und unsolidesten Kredite knüpfte, bis zu dem Gründungsfieber der Fünf-Milliardenzeit in Deutschland. Daß so Geld und Kredit ihre Bedeutung gegenseitig steigern, bedeutet nur ihr Berufensein zu demselben funktionellen Dienst; so daß, wenn er an der Entwicklung des einen stärker hervortritt, auch das andere zu der gleichen Lebhaftigkeit der Bewegung veranlaßt wird. Dies widerspricht also gar nicht der anderen Relation zwischen ihnen, wonach der Kredit das bare Geld überflüssig macht: so hören wir, daß in England schon 1838 trotz der ungeheuer gestiegenen Produktion weniger bares Geld vorhanden gewesen sei als 50 Jahre früher, ja in Frankreich weniger als vor der Revolution. Zwischen zwei Erscheinungen, die demselben Grundmotiv entsprießen, ist dieses Doppelverhältnis: sich einerseits gegenseitig zu steigern, sich andrerseits zu verdrängen und zu ersetzen - durchaus begreiflich und keineswegs selten. Ich erinnere daran, wie das Fundamentalgefühl der Liebe sich sinnlich und geistig äußern kann, und zwar derart, daß diese Erscheinungsweisen sich gegenseitig stärken, aber auch so, daß eine von ihnen die andere auszuschließen strebt, und daß oft gerade ein Wechselspiel zwischen diesen beiden Möglichkeiten das Grundgefühl am tiefsten und lebendigsten verwirklicht; ich erinnere daran, wie die verschiedenen Betätigungen des Erkenntnistriebes, sowohl wenn sie sich gegenseitig hervorrufen, wie wenn sie sich gegenseitig verdrängen, gleichmäßig die Einheit des grundlegenden Interesses bekunden; endlich, die politischen Energien in einer Gruppe verdichten sich je nach dem Naturell und Milieu der Einzelnen zu divergenten Parteien, aber sie zeigen ihr Kraftmaß ebenso in der Leidenschaft des Kampfes zwischen diesen, wie darin, daß das Interesse des Ganzen sie gelegentlich zu gemeinsamer Aktion zu vereinheitlichen imstande ist. So weist die Bedeutung des Kredits: einerseits mit der Bargeld-Zirkulation in einem Verhältnis gegenseitiger Anregung zu stehen, andrerseits dieselbe zu ersetzen, nur auf die Einheit des Dienstes hin, den beide zu leisten haben.

Nun tritt an die Stelle der Vermehrung der Geldsubstanz, die durch die Steigerung des Umsatzes erfordert scheint, immer mehr die Vermehrung seiner Umlaufsgeschwindigkeit. Ich führte früher an, daß schon im Jahre 1890 die französische Bank auf Kontokorrent das 135fache der tatsächlich darauf eingezahlten Gelder umgesetzt hat (54 Milliarden auf 400 Millionen Francs), die deutsche Reichsbank sogar das 190fache. Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wie unglaublich wenig Substanz das Geld seine Dienste leistet. Die auffällige Erscheinung, daß bei Ausbruch eines Krieges oder sonstiger Katastrophen das Geld verschwindet, als ob es in die Erde gesunken wäre, bedeutet doch nur die Stockung der Zirkulation, die durch die Ängstlichkeit des Einzelnen, sich auch nur momentan von seinem Gelde zu trennen, veranlaßt oder verstärkt ist. In normalen Zeiten läßt die Schnelligkeit der Zirkulation seine Substanz viel ausgedehnter erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist - wie ein glühendes Fünkchen, das im Dunkeln rasch im Kreise bewegt wird, als ein ganzer glühender Kreis erscheint, - um in dem Augenblick, wo seine Bewegung aufhört, sofort wieder in seine substanzielle Minimität zusammenzuschmelzen. Am heftigsten tritt dies bei einem schlechten Gelde auf. Denn das Geld gehört in jene Kategorie von Erscheinungen, deren Wirksamkeit sich bei regulärer Form und Verlauf in angebbaren Grenzen und determiniertem Umfang hält, während sie bei Ablenkungen und Verschlimmerungen einen unübersehbaren und kaum begrenzten Schaden anrichten. Die Typen dafür sind die Mächte des Wassers und des Feuers. Da das gute Geld nicht mit so vielen Nebenwirkungen belastet ist wie das schlechte und deshalb nicht so viel Erwägungen, Vorsicht und sekundäre Maßregeln bei seiner Benutzung verlangt, so kann es leichter und flüssiger als dieses kursieren. In je präziserer Form es die Dienste des bloßen Geldes leistet, desto geringer braucht sein Quantum zu sein, desto leichter ist es durch seine Bewegung zu ersetzen. Auch kann die Vermehrung der Umsätze statt durch eine Vermehrung der kursierenden Geldsubstanz durch Verkleinerung der Stücke erzielt werden. Die Entwicklung der Münze geht im allgemeinen von großen zu kleinen Stücken und ich erwähne aus derselben hier des bezeichenden Falles: in England war lange Zeit der Farthing (gleich 0,12 gr Silber) das geringste Münzstück; erst von 1843 an wurden halbe Farthings geschlagen. Bis dahin waren also alle Werte, die unter ein Farthing galten, vom Geldverkehr ausgeschlossen, und für alle, die zwischen zwei ganzen Zahlen von Farthings standen, der Verkehr erschwert. Ein Reisender erzählt aus Abessinien (1882), wie außerordentlich es den Handel behindere, daß nur eine ganz bestimmte Münze, der Maria-Theresia-Taler von 1780, anerkannt werde, das Kleingeld aber so gut wie ganz fehle. Wenn jemand also für einen halben Taler Gerste kaufen wolle, so müsse er für den Rest des Geldes irgend sonstige Gegenstände in Kauf nehmen. Wogegen aus Bornu in den sechziger Jahren von einem besonders leichten Verkehr berichtet wird, da der Wert jenes Talers in zirka 4000 Kaurimuscheln zerlegt sei und der Arme deshalb ein Geld für die kleinsten Warenmengen besitze. Freilich hat die Verkleinerung der Münze die Folge, daß nicht mehr so viel umsonst geleistet wird, das Leihen und Aushelfen, das in primitiven Verhältnissen Regel ist, fällt fort, sobald für den allerkleinsten Dienst ein Geldäquivalent zur Verfügung steht und eben deshalb auch gefordert wird. Aber jene Hingabe ohne Äquivalent, die zuerst soziale Notwendigkeit, dann moralische Pflicht oder freie Freundlichkeit ist, bedeutet noch keine eigentliche und entwicklungsfähige Wirtschaft, sowenig wie umgekehrt der Raub. Zu dieser wird die Hingabe erst mit der Objektivation des Verkehrs und seiner Gegenstände. Jenes subjektive Verfahren ist sicher von hohem, auch ökonomischem Werte - aber es setzt der Wirtschaft sehr enge Grenzen; und diese können erst durch die Maßregeln gesprengt werden, die freilich jene Werte unmittelbar vernichten und zu denen die Einführung möglichst kleiner Münze gehört. Die Verflüchtigung des Geldstoffes sozusagen in Atome hebt den Verkehr außerordentlich; indem sie das Tempo der Geldumsätze beschleunigt, vermehrt sie ihre Zahl; d.h. also, die bestimmte Art, in der das Geld funktioniert, ist imstande, die quantitativen Mehrungen seiner Substanz zu ersetzen.

 


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