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III. [Entwicklung des Geldes von der Substanz zur Funktion]

[Geschichtliche Entwicklung des Geldes von der Substanz zur Funktion; soziologische Bedingtheit derselben. Die sozialen Wechselwirkungen und ihre Kristallisierung zu Sondergebilden; das gemeinsame Verhältnis von Käufern und Verkäufern zu der sozialen Einheit als soziologische Voraussetzung des Geldverkehrs. Größe und Kleinheit, Lockerheit und Konzentriertheit des Wirtschaftskreises in ihrer Bedeutung für den Substanzcharakter des Geldes. Der Übergang zum Funktionscharakter an seinen Einzeldiensten entwickelt: Verkehrserleichterung, Beständigkeit des Wertmaßes, Mobilisierung und Kondensierung der Werte. Sinkende Substanzbedeutung und steigende Wertbedeutung des Geldes.]

 

Es handelt sich jetzt um die historische Ausgestaltung des prinzipiell Konstruierten. Wesen und Bedeutung des Geldes treten nach ihren großen kulturphilosophischen Zusammenhängen an den Bewegungen hervor, die es auf seinen reinen Begriff zu und von seiner Fesselung an bestimmte Substanzen abführen - sowenig dieser Weg das Ziel erreichen kann, das ihm die Richtung gibt. Hiermit erst schließt sich das Geld der allgemeinen Entwicklung an, die auf jedem Gebiet und in jedem Sinn das Substanzielle in freischwebende Prozesse aufzulösen strebt; und zwar gewinnt das Geld diesen Anschluß in jeder überhaupt möglichen Form: einerseits als ein. Bestandteil jener umfassenden Entwicklung, andrerseits, wegen seines eigentümlichen Verhältnisses zu den konkreten Werten, als Symbol derselben; einerseits ferner als Wirkung der von jener Entwicklung regulierten Kulturströmungen, andrerseits als von sich aus wirksame Ursache derselben. Dieser Zusammenhang interessiert uns hier in derjenigen Richtung, in der er die Gestaltung des Geldes als die Folge der Verfassungen und der Bedürfnisse menschlichen Zusammenlebens bewirkt. Jene Einschränkung also, daß es sich um einen nicht zu vollendenden Weg handelt, ein für allemal vorbehalten, behandle ich nun die Funktionsbedeutung des Geldes und ihr Steigen bis zur Verdeckung seiner Substanzbedeutung.

Auf die letzten Grundlagen hin angesehen ist die so bezeichnete Auflösung des Geldbegriffes viel weniger radikal, als es scheint. Denn genau genommen ist auch der Substanzwert des Geldes nichts als ein Funktionswert. So sehr man die Edelmetalle als bloße Substanzen schätzen mag, so schätzt man sie doch etwa nur, weil sie schmücken, auszeichnen, technisch verwendbar sind, ästhetische Freude gewähren u. ähnl. - also, weil sie gewisse Funktionen ausüben; niemals kann ihr Wert in ihrem in sich ruhenden Sein bestehen, sondern immer nur in dem, was sie leisten; ihre Substanz, wie die aller praktischen Dinge, ist uns rein als solche und abgesehen von dem, was sie leistet, das Gleichgültigste von der Welt. Von der Mehrzahl der Objekte kann man sagen: sie sind nicht wertvoll, sondern sie werden es - denn dazu müssen sie fortwährend aus sich heraus und in Wechselwirkung mit anderen treten; es sind nur Wirkungen ihrer, an die sich ein Wertgefühl knüpft. Denn selbst wenn eine ästhetische Stimmung die Edelmetalle jenen objektiven Werten zurechnete, durch deren bloßes Dasein, jenseits alles Anerkannt- und Genossenwerdens, die Welt an und für sich wertvoller und bedeutsamer wird - so würden sie doch mit diesem Werte keinesfalls in die Wirtschaft eintreten. Hier vielmehr bleibt aller Wert an ihre Leistung geheftet, und es ist eine bloß willkürliche und den wahren Sachverhalt verhüllende Ausdrucksweise, daß sie einen Substanzwert besäßen, der von ihren Leistungen als Geld prinzipiell geschieden wäre; denn jener Substanzwert der Metalle ist gleichfalls Funktionswert, nur nicht der ihrer Funktion als Geld. Alle Werte des Edelmetalls vielmehr bilden eine Reihe, die nichts anderes ist als eine Reihe von Funktionen. Dies verbirgt sich natürlich der Erkenntnis um so mehr, je weniger lebhaft diese Funktionen in der Wirklichkeit sind. Die ganzen Bedenken des Mittelalters gegen das Zinsennehmen gehen darauf zurück, daß das Geld viel starrer, substanzieller, den Dingen geschlossener gegenüberstehend erschien und war als in der Neuzeit, in der es vielmehr dynamisch, fließend, sich anschmiegend wirkt und erscheint. Die Adoption der Aristotelischen Lehre: es sei unnatürlich, daß Geld Geld gebäre, und die Verurteilung des Zinses als Diebstahl, da ja das zurückerstattete Kapital schon so viel sei wie das entliehene; die Begründung ebendesselben durch Alexander von Haies: daß das Geld sich doch durch den Gebrauch nicht abnütze, und daß es nicht, wie die Objekte eines Mietsvertrages, dem Gläubiger einen Nutzen abwerfe; die Lehre des hl. Thomas, daß beim Geld, weil es von vornherein zum Weggeben bestimmt sei, Gebrauch und Verbrauch zusammenfielen und man deshalb jenen nicht, wie etwa bei einem Wohnhaus, gesondert verkaufen könne - all diese Lehren zeigen, wie starr, den Fluktuationen des Lebens unverbunden, wie wenig als Produktivkraft das Geld erschien. Die tatsächliche Geringfügigkeit seiner Wirkungen verdeckte seinen funktionellen Charakter überhaupt. Das ist aber dasselbe Grundgefühl dem Gelde gegenüber, das sein Wesen an eine Metallsubstanz als solche gefesselt meint. Auch diese Meinung stellt es, wie das Mittelalter, den Bewegungen der wirtschaftlichen Objekte als ein ens per se gegenüber, statt es in sie einzubeziehen und zu erkennen, daß es, welches auch sein Träger sei, als Geld nicht sowohl eine Funktion hat, als eine Funktion ist.

Den Gegenpol zu der Anschauungsweise des Mittelalters bildet die Kreditwirtschaft, in der die Anweisung den Gelddienst versieht. Für jene ist die Substanz des Geldes, aber nicht seine Wirkung die beherrschende Idee - wodurch, sowenig diese Wirkung tatsächlich auszuscheiden war, sie auf ihr Minimum herabgedrückt wurde -, in der an das Metall gebundenen Geldvorstellung der neueren Zeit ist die wirkende Substanz der Kernpunkt, die Kreditwirtschaft endlich tendiert auf Ausscheidung der Substanz, nur deren Wirkung als das übrig lassend, worauf es ankommt.

Zu jener oberflächlichen Anschauung hat wohl das alte Schema mitgewirkt, das die Erscheinungen durchgehends in Substanz und Akzidenzen teilen ließ. Gewiß war dies historisch von unermeßlicher Bedeutung; daß man jede Erscheinung in einen substanziellen Kern und relative, bewegliche Äußerungsweisen und Eigenschaften zerlegte, war eine erste Orientierung, ein erster fester Leitfaden durch die rätselhafte Formlosigkeit der Dinge, ein Gestalten und Unterwerfen ihrer unter eine durchgehende, unserem Geiste adäquate Kategorie; die bloß sinnlichen Unterschiede des ersten Anblicks gewinnen so eine Organisation und Bestimmtheit des gegenseitigen Verhältnisses. Es ist aber das Wesen solcher Formen, wie der sozialen Organisationen, unter dem Anschein und dem Anspruch ewiger Dauer zu bestehen. Wie es deshalb bei der Vernichtung einer Gesellschaftsverfassung zugunsten einer anderen scheint, als ob es mit aller Ordnung und Verfassung überhaupt vorbei wäre, so ruft die Umbildung der intellektuellen Ordnungen den gleichen Eindruck hervor: die objektive Festigkeit wie das subjektive Verständnis der Welt scheint zerbrochen, wenn eine Kategorie fällt, die bisher gleichsam zu dem Rückgrat des Weltbildes gehörte. Der Geldwert wird aber der Reduktion auf einen Funktionswert so wenig widerstehen können, wie das Licht, die Wärme und das Leben ihren besonderen substanziellen Charakter bewahren und sich der Auflösung in Bewegungsarten entziehen konnten.

 


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