Das Cabaret


Selig sind die Dichter der Gegenwart. Ihr goldenes Zeitalter ist zurückgekehrt. Wie in den Tagen des Minnesanges und der fahrenden Scholaren ziehen sie wieder von Ort zu Ort und künden ihr eigen Lied. Und die großen Herren und Frauen erlaben sich an ihrer Kunst und lohnen sie mit Speis' und Trank und geben dem Dichter ab von ihrem Überfluß.

Ein wenig anders ist's freilich geworden seit Heinrich von Ofterdingen und Wolfram von Eschenbach. Der Dichter ist kein fröhlicher Troubadour mehr, der mit schmetternder Stimme und sanfter Harfenbegleitung seiner Herzliebsten das neueste Geständnis seiner heiligen Minne ablegt. Seine Kehle ist heiser geworden, und sein Liebeslied weiß nichts mehr von sehnsüchtigem Verlangen und heißem Werben. Mit hohler Pathetik krächzt der Dichter von heute den Bericht verbuhlter Nächte und öder Enttäuschungen in die Ohren seiner Hörer. Auch geht er nicht mehr in die Höfe der Burgen und Schlösser, um den Besten, die er sich erwählt, seine Kunst zu zeigen, — sondern seine Gönner suchen ihn auf, wo er abwechselnd mit einer kreischenden Schnadahüpflerin und einem Cake-Walk-tanzenden Nigger gegen ein entsprechendes Entree seine Muse entblößt.

Die Tribüne des Dichters ist nicht mehr der Schloßhof eines kunstfreudigen Edelmannes, sondern das Cabaret, und der fahrende Sänger ist nicht mehr ein frohes Ereignis, sondern eine Programm-Nummer.

Die Gegenüberstellung der singenden Scholaren von ehedem und des Brettl-Dichters von heute wirkt einigermaßen schmerzlich. Nicht minder schmerzlich aber wirkt die Gegenüberstellung des ursprünglichen französischen Cabarets und seiner deutschen Nachbildungen, an denen nur noch der französische Titel der Einrichtung die Herkunft verrät.

Die Idee, die dem Cabaret zu Grunde liegt, ist gewiß nicht unkünstlerisch. Sie ging hervor aus dem Mitteilungsbedürfnis lustiger Künstler. Dichter, die fidele Verse machten, Maler, die groteske Bilder zeichneten, Musiker, die vergnügte Weisen fanden, vereinigten sich zu ihrer eigenen Erheiterung. Sie zeigten einander ihr neuestes Schaffen, und jede Zusammenkunft gab ein neues eigenartiges Bild künstlerischer Produktion. Fand einmal ein anderer Ton seinen Weg in diesen lustigen Kreis, so mochte er die fröhliche Geselligkeit weihen und die ganze, mehr oder weniger improvisierte Veranstaltung künstlerisch abrunden. Männer, die kamen, um sich mitzufreuen an den Gaben der hungrigen Brüder, mußten sie mit Wein und Eßwerk traktieren, und allmählich mag sich so das Pariser Cabaret zu einer regelmäßigen Zusammenkunft schaffender Künstler und kunstfroher Genießer herausgebildet haben. Dass man mit dem Teller sammeln ging, und schließlich wohl auch festes Eintrittsgeld erhob, tat den künstlerischen Darbietungen keinen Abbruch. Die Veranstalter waren und blieben die Künstler. Was sie gaben, waren Geschenke ihrer Muse. Dass sie reiche Leute zahlen ließen, war ein praktischer Notbehelf. Aber wem ihre Darbietungen nicht paßten, der mochte fortbleiben. Konzessionen wurden nicht gemacht.

Der Ruf vom »Chat noir« und anderen Pariser Cabarets drang über die Vogesen. Mit der plumpen Imitationswut, die den Deutschen auszeichnet, stürzte man sich auf die neue Idee — und pflanzte Palmen in Schneefelder.

Zuerst versuchte man es allerdings mit einer dem deutschen Wesen viel mehr entsprechenden Gründung. Man machte aus dem Cabaret ein Theater. So entstand Wolzogens Überbrettl. Das war an sich gar kein übles Gewächs. Jedenfalls lagen hier Möglichkeiten, heitere Kleinkunst zu popularisieren. Anspruchslose Verschen, anspruchslos vertont und niedlich gesungen - das war etwas, was zwar mit dem Wesen der Pariser Cabarets in ihrer Betonung künstlerischer Eigenart herzlich wenig gemein hatte, — aber dem deutschen Gemüt hat nie etwas besser gelegen, als die Klingklanggloribusch-Liedchen der Herren O. J. Bierbaum und Oskar Straus.

Die Idee war lebensfähig, und Herr von Wolzogen war wohl der Mann, sie unter Wahrung eines gewissen künstlerischen Niveaus am Leben zu erhalten. Woran das Unternehmen scheiterte, hat er selbst oft genug auseinandergesetzt: an der Profitgier konkurrenzsüchtiger Banausen, die nach der einen Seite die Distanz zwischen Überbrettl — die Bezeichnung war ausgezeichnet! — und Tingeltangel, nach der andern Seite die Distanz zwischen Überbrettl und Vorstadttheater nicht abzumessen verstanden. Wolzogen gab den Kampf mit den wohl pekuniär überlegenen Nachtretern auf, und diese sorgten dafür, dass die gesunde und dem flachen Verständnis des deutschen Bürgers trotz der Einhaltung künstlerischer Grenzen noch angepaßte Institution rasch zum Teufel fuhr.

Jetzt kamen die Neunmalklugen an die Reihe. Sie bewiesen mit scharfsinniger Logik, dass das Überbrettl selbstverständlich eine total verfehlte Idee war, und dass nur das Cabaret, wie es in Paris florierte, der Vermittler populärer Kleinkunst sein könne. Also wurden Cabarets gegründet.

Zuerst gings noch. Es traten Künstler zusammen, die wirklich etwas waren. Sie amüsierten sich in aller Harmlosigkeit mit ihren Vorträgen und sahen nicht viel auf die Zuschauer, die mit ihren billig erworbenen Eintrittskarten gerade die Unkosten deckten. Aber bald ward in den deutschen Künstlern der deutsche Krämer lebendig. Man setzte höhere Preise an, und das Cabaret ward für den jeweiligen Unternehmer ein einträgliches Geschäft. Damit hörte natürlich der Künstler auf, der Gastgeber zu sein, der den Besucher des Cabarets mit seinem Schaffen bekannt macht. Er mußte sich dem Geschmack des Publikums anpassen, und das heißt in Deutschland nichts anderes als: seine Kunst verkitschen. Das war natürlich das Ende des künstlerischen Cabarets. Hier war der Strich, der das deutsche Cabaret von seinen französischen Vorbildern grundsätzlich schied. Das Cabaret begab sich seiner Wesensart, als es anfing, der angstgemuten Schwerfälligkeit des deutschen Philisters Konzessionen zu machen.

Berlin ward jetzt übersät mit Cabarets, die die geschmacklosesten Namen trugen. Da war das Cabaret »zum Nachtomnibus«, »zum Klimperkasten«, »zur Schminkschatulle« (Herr Danny Gürtler!) usw. usw. Was da geboten wurde, kann man sich vorstellen. Fadester Dilettantismus, ödeste Zoterei, geistlosester Humbug. Dass hier und da doch immer wieder mal ein echter Künstler auftauchte, dass einzelne — sehr vereinzelte — Cabarets doch ein gewisses künstlerisches Niveau wahrten, vermochte den sicheren Niedergang nicht aufzuhalten. Denn zu aller blöden Schablonenhaftigkeit trat noch ein Faktor hinzu, der jeder künstlerischen Regung auf den Cabarets vollends den Todesstoß versetzte: die hohe Obrigkeit.

Aus dem Betrieb der Cabarets war naturgemäß mittlerweile ein sehr einträgliches Gewerbe geworden. Geschäftskundige Leute, die bis dahin mit irgendwelcher Kunst nicht das geringste zu tun hatten, gescheiterte Existenzen, die zu keiner andern Beschäftigung mehr anstellig waren, wurden plötzlich Cabaretiers. Sie fingen zum Teil mit recht erheblichen Kapitalien an, engagierten Leute, die als Humoristen bei Witzblättern einen gewissen Ruf hatten, für ungeheure Gagen und schufen dadurch auch so manchem Weinwirt reiche Nebeneinnahmen. Das erregte den Konkurrenzneid mancher anderen Gastwirte, die sich dann mit einer Denunziation an die Berliner Polizei wandten, weil da und dort öffentliche Schaustellungen ohne polizeiliche Konzession vorgenommen würden. Seitdem unterliegen auch die Cabaret-Darbietungen der behördlichen Zensur.

Das ist natürlich schon an und für sich absurd genug. Die Originalität der Pariser Cabarets besteht eben darin, dass die Künstler bei jeder Zusammenkunft mit irgend einem neuen Beitrag überraschen, dass die Vorträge unter Umständen ganz improvisiert werden. Das war nun für Berlin unmöglich. Aus der fröhlichen Veranstaltung künstlerischer Geselligkeit war eine programmatisch abgezirkelte, behördlich sanktionierte, künstlerisch wertlose bürgerliche Abendunterhaltung geworden.

Aber damit nicht genug. Die Berliner Polizei zeichnet sich dadurch aus, dass ihr Rotstift mit unnachahmlicher Sicherheit all das zu treffen weiß, was durch eine satirische Note oder durch die formale Gestaltung oder durch andere Qualitäten sich von dem Kitsch der übrigen Darbietungen künstlerisch abhebt. Sexuelle Themata sind natürlich in der Satire garnicht zu vermeiden, und es gehört schon eine ganze Portion verbohrten Muckertums dazu, solche Themata eo ipso anstößig zu finden. Das tut auch die Polizei nicht. Wo es sich um nackte, unverfälschte Zote handelt, ist sie garnicht zimperlich. Witzlose, lüsterne Sächelchen dürfen, soweit sie grade Ausdrücke vermeiden, getrost passieren. Aber wehe der Derbheit, wenn sie boshaft ist! Ohne Gnade verfällt sie der Konfiskation. — Von sozialen Thematen garnicht zu reden. Kritisch ist polizeiwidrig.

Kunstlos, poesielos, kastriert vegetiert so in Berlin das Cabaret weiter. Sehr vermögende Unternehmer, die die Prätention haben, das Publikum trotz allem in dieser oder jener »Nummer« mit Kunst zu füttern, geraten dabei natürlich nach der andern Seite hin auf Abwege. Bald indem sie einen Künstler aufs Brettl zerren, der seinen ganzen Qualitäten nach auf die Bühne oder in den Konzertsaal gehört, bald indem sie einen Vortragenden in ein abenteuerliches Kostüm stecken und ihn so zu einer Zirkus-Attraktion degradieren. Das übrige Repertoire setzt sich dann aus Tingeltangel- und Variété-Nummern höchst abgeschmackt zusammen, aus denen sich das Programm der anderen Cabarets, die auch nach außen hin keinen Anspruch mehr auf eine künstlerische Note machen, ausschließlich rekrutiert.

Wie lange sich die Rudimente des französischen Cabarets in Berlin noch halten werden — das kann kein Mensch wissen. Sicher nicht länger, als bis das liebe Publikum, dem zu Gefallen sich die Künstler derart entwürdigt haben, selbst angeödet ist von der Einrichtung. — —

In Wien beginnt sich das Cabaret-Leben eben erst zu regen. Der Anfang ist von einem Franzosen gemacht worden, noch dazu von einem, der das beste Cabaret, das Deutschland je besessen, geleitet hat, und zwar in München, wo das Volkstemperament dem französischen schon sehr viel ähnlicher ist als in Berlin. Vorläufig kann Wien also zufrieden sein.

Wenn ich trotzdem trübe Auspizien stelle, so geschieht das aus meiner intimen Kenntnis der Entwicklung des Berliner Cabarets heraus. Eine Polizei-Zensur brauchte in Wien nicht erst dem Cabaret auf den Hals gehetzt zu werden; die hat's hierzulande stets und bei jeder Gelegenheit gegeben. Das Publikum aber ist schon jetzt ein wichtiger Faktor für die Zusammenstellung des Programms. Und es werden Konkurrenten entstehen, die, wie in Berlin, langsam aber sicher die Kunst zum Tempel hinausjagen werden, um die Cabaret-Kunst durch das — intime Variété zu ersetzen.

Paris — Berlin — Wien. Ob das eine Steigerung ist?

Erich Mühsam.

 

 

Nr. 199, VII. Jahr

23. März 1906


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