Um Heine


Zur Begeisterung für ihn kann man sich erst bequemen, nachdem man sich der Vorstellung erwehrt hat, dass Herr Oskar Blumenthal »in nachdenklicher Einsamkeit« vor dem Denkmal auf Korfu »träumt«. (Was will die einsame Krokodilsträne?) Und zu einem Einwand gegen ihn kann man erst Mut gewinnen, nachdem man alle Urteutonen, die ihm die Denkmalswürdigkeit absprechen, beleidigt hat. Denn man baut aus deutschen Eichen keine Galgen für die Reichen — auch nicht für die Geistreichen.

Aber sollte die beschämende Denkmalsbettelei nicht doch einmal ihr Ende finden? Widerlich ist das Treiben dieser intellektuellen Komitees, die der Welt ernstlich einreden wollen, dass Heinrich Heines Seelenheil von der Errichtung jenes Steinbildes abhänge, das vom Sittenzorn eines teutonischen Lümmels viel empfindlicher lädiert werden kann als der schlechte Ruf des Dichters. Die nicht die Courage haben, den Spieß gegen die Spießer umzudrehen und ins Ausland zu rufen, dass das deutsche Volk, soweit es in Jäger-Wäsche für sittliche Ideale transpiriert, eines Heine-Denkmals unwürdig sei. Bejammernswerte Wehrlosigkeit der Toten, die sichs gefallen lassen müssen, dass man ihr Andenken jenen aufdrängt, die es zu ehren nicht wert sind! Verwünschte Perversion, die ein Publikum an eine Gruft zerrt, aus der noch immer drei Handvoll Erde gegen die Leidtragenden zu fliegen scheinen!

Wie viel Unaufrichtigkeit und Kulturlosigkeit doch dieser Kampf um Heine in Aktion bringt! Die deutsche Menschheit scheint in Schmöcke und Trottel geschieden. Man wird plötzlich gewahr, dass jene Fehler, die die Feinde an Heine tadeln, seine ureigentlichsten Vorzüge und dass jene Vorzüge, die die Freunde loben, seine ureigentlichsten Fehler sind. Der 'Simplicissimus' zeichnet eine deutsche Philistersippe, die sich vor Heine bekreuzigt, um gleich darauf in seliger Gemütsbesoffenheit die Lorelei zu singen. Die Gegenüberstellung verrät die ganze Armut liberaler Ästhetik. Ich bin der Meinung, dass die deutsche Philistersippe sich im zweiten Bild erst zum wahren Philisterbekenntnis erhebt, geführt von dem in literarischen Dingen gutbürgerlich gesinnten Bruder Simplicissimus. Und dass man Heine ablehnen und dabei doch die sentimentale Melodei summen kann. War's die Erkenntnis von dem lyrischen Wert eines Gedichtes, was den sentimentalen Gassenhauer, den einer dazu komponiert hat, populär werden ließ? Wie viel deutsche Philister — Hand auf den Bauch! — hätten die Lorelei zitiert, wenn sie nicht — ich glaube von Schilcher — in Musik gesetzt wäre? Immerhin vielleicht mehr deutsche Philister als deutsche Künstler! Die Sangbarkeit eines Gedichtes war stets ein Verdachtsgrund gegen seine Bedeutung als lyrisches Kunstwerk. Verschmäht es die Heine-Verehrung nicht, sich auf die Beliebtheit der Lorelei-Musik zu stützen? Dann ist am Ende Goethes: »Füllest wieder Busch und Tal« oder »Über allen Gipfeln ...« schlechtere Lyrik als: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«.

Die Absicht, Überschwang und Dummheit abzuwehren, muß nicht zur kritischen Obduktion des Lyrikers Heine — ihm zumal soll ja das Denkmal gesetzt und versagt sein — verleiten. Auch ruhige Prüfung bedürfte erst des Vergleiches zweier Standpunkte. Wer die Seelenstimmung des Lyrikers auf der Suche nach Symbolen und Bildern und beim Anknüpfen von Beziehungen zur Außenwelt zu betreten wünscht, wird Heine für einen größeren Lyriker halten als Goethe, Lenau, Mörike, Storm, die Droste und Liliencron. Wer aber die andere, ich möchte sagen: die induktive Methode für die ausschließlich lyrische hält, wer das Gedicht als Offenbarung des im Anschauen der Natur versunkenen Dichters und nicht der im Anschauen des Dichters versunkenen Natur begreift, wird sich bescheiden, Heine als geistreichen und formgewandten Bekleider seiner Stimmungen zu schätzen. Wie über allen Gipfeln Ruh ist, teilt sich Goethe, teilt er uns in so groß'empfundener Unmittelbarkeit mit, dass die Stille sich als eine Ahnung hören läßt. Dass aber ein Fichtenbaum im Norden auf kahler Höh' steht und von einer Palme im Morgenland träumt, ist eine besondere Artigkeit der Natur, die der Sehnsucht Heines mit sinnigen Symbolen entgegenkommt. Wer je eine so kunstvolle Attrape im Schaufenster eines Konditors oder eines Feuilletonisten gesehen hat, mag — wenn er ein Dichter ist — in Stimmung kommen. Aber ist ihr Erzeuger deshalb ein »Lyriker«? Sel.bst die bloße Plastik einer Naturanschauung, von der sich zur Psyche kaum sichtbare Fäden spinnen, scheint mir, weil sie eben ein Sichversenken voraussetzt, lyrischer zu sein, als das Einkleiden fertiger Stimmungen. In diesem Sinne ist Goethes »Meeresstille«, sind Liliencrons Zeilen: »Ein Wasser schwatzt sich selig durchs Gelände — Ein reifer Roggenstrich schließt ab nach Süd — Hier stützt Natur die Stirne in die Hände — Und ruht sich aus, von ihrer Arbeit müd« ein Meisterstück, das von Lyrik dampft. Der nachdenklichen Heidelandschaft im Sommermittag entsprießen tiefere Stimmungen als jene sind, denen Fichtenbäume und Palmen entsprossen, weil ein Künstler die Stirne in die Hände oder — die Hand an die Wange gedrückt hatte ...

Erst Heines »echt jüdischer Zynismus und französelnde Frivolität« — mit denen er bekanntlich die lyrische Stimmung »zerreißt« — scheinen mir die Disharmonien zwischen dem Dichter und der Anschauungswelt in Wohlklang aufzulösen. Den deutschen Mann geniert es gar nicht, die in Sentimentalität erweichte Empfindung Heine'scher Liebeslyrik beim Juden zu kaufen: erst wenn dieser ehrlich wird und mit einem gottlosen Wort den Gefühlshandel beschließt, fühlt sich jener beschummelt. Es sind nicht die schlimmsten Geringschätzer Heines, die ihm vom deutschen Wald bloß den Spottvogel, der darin nistet, glauben. Und ist sein Ton nicht melodisch, sein Gefieder nicht farbenprächtig?... Neuere Sünder mögen stärkere Gifte brauen, appetitlicher als er hat keiner sie bereitet. Gewiß hätte Heinrich Heine sich um Deutschland verdienter gemacht, wenn er ein unfehlbares Mittel gegen Schweißfüße erfunden hätte. Trotzdem sollten die Pfaffen und Literaturprofosen nicht allzu grausam sein. Auf dass ihnen nicht geschehe, was dem unerbittlichen Aurelius Polzer in Graz geschah. Der ließ sich nämlich am 4. des Lenzmondes (März) in seinem Wochenblatt wieder einmal vom Ekel über den echt jüdischen Zynismus und die französelnde Frivolität Heines überwältigen und wies diese Eigenschaften an einem »Schandgedicht« nach, das den Titel »Die Beichte« führt und dessen Verfasser tatsächlich im Heine-Ton versichert, dass er die feurigsten seiner Küsse nie geküßt habe, und schließlich bekennt:

Die Sünden, die ich begangen,

Wird mir der Himmel verzeih'n,

Doch die ich versäumt zu begehen,

Die werden mich ewig gereu'n.

So wäre denn alles in schönster Ordnung, wenn nicht ein sozialdemokratisches Blatt entdeckt hätte, dass der alldeutsche Mann zwar das Gedicht richtig zitiert, sich aber im Dichter vergriffen hatte. Nicht Heine, sondern Hamerling, der einwandfreie lyrische Repräsentant der »Lage der Deutschen in Österreich«, hat jene Verse auf dem Gewissen. Dass er freilich sein Gewissen mit deutschem Mannesmut noch rasch, eh' ihm der Himmel seine Sünden und die Reue über seine Unterlassungssünden verzieh, entlastet hat, verschwieg die freisinnige Journalistik. Im III. Band der von Herrn Dr. Rabenlechner veranstalteten Volksausgabe der Werke Hamerling's, auf S. 340, kann man die Fußnote nachlesen, die der Dichter selbst zu der letzten Zeile seiner »Beichte« gemacht hat: »Zur Beruhigung Derjenigen, welchen dieses Gedicht Ärgernis gegeben, sei ausdrücklich bemerkt, dass das Wort Sünde hier nicht in seinem religiösen Sinn gemeint ist. Robert Hamerling.« Hätte man Herrn Polzer das Gedicht mitsamt der Fußnote eingesendet, er wäre gewiß nicht aufgesessen, hätte seinen Hamerling sofort erkannt und nimmer den Heine verdächtigt. Dass auch jene Sünde, die nicht im religiösen Sinne gemeint ist, im religiösen Sinn eine Sünde ist, hat Herr Hamerling wohl nicht bedacht; sonst hätte er seine Beichte abgelegt und nicht zum Druck befördert. Aber da er per Fußnote nach Canossa ging, war er bei Pfaffen und Philistern wieder lieb Kind. Hätte Heinrich Heine seine sämtlichen Ruchlosigkeiten mit Fußnoten versehen, er wäre vielleicht vor dem Richterstuhl der literarischen Nachwelt auch besser davon gekommen, und wer weiß, ob nicht Herr Aurelius Polzer in Graz manches seiner Gedichte als Werk des Herrn Hamerling wohlwollend beurteilt hätte...

Wie die wahre Schätzung Heines ihre Argumente erst vom Haß der Dunkelmänner bezieht, so setzt die Kritik erst beim Entzücken des liberalen Gelichters ein. Wenn nach Nietzsche Heine ein »europäisches Ereignis« war, so ward hier eben das Unzulängliche Ereignis. Und je höher in unseren Tagen die Wogen journalistischer Begeisterung schlagen, umso deutlicher wird das Bestreben, Heine als den Vater aller Feuilletongeister zu kompromittieren. Neben dem Konfetti-Stil einer Gedenkrede des Herrn Hevesi erscheint Heinrich Heines Prosa freilich als die Übung eines stilistischen Bombenwerfers, der der Urfeuilletonist in seinen persönlichsten Attacken nicht gewesen ist. Der Witz, der blitzendem Denken den Donner des Temperaments verbindet, hat ihm nicht geeignet, dessen beispiellos graziöse Feder Pathos zu Tränen destilliert und den Humor zum Lächeln gedämpft hat. Als dem Erzeuger, eines Geschlechtes pointenlausender Zierbengel, als dem Bereiter jener geistreichen Vorwände für schlechte Absichten, die aller literarische Aufputz der modernen Tagespresse darstellt, müßte man Heinrich Heine gram sein, wollte man ernstlich dem Talent die Fähigkeit lockender Wirkung als Mangel zurechnen. Wir werden diesen Odeur von Esprit und gebratener Gansleber — von Mütterchen hatte er sie nebst der Lust zu fabulieren — aus den Garküchen der literarischen Unterhaltung nicht so bald loskriegen.

Aber der Ahnherr hat's nicht verschuldet, wenn wir die erschreckende Familienähnlichkeit plötzlich entdecken: In träumerischer, Kaffeehausnische sitzt Jüngstdeutschland, nach und nachdenklich, und hält — Gespenster! — die Hand an die Wange gedrückt... Es sinnt über seine Temperamentlosigkeit Die kunstvolle Frisur, die eine sentimentale Locke in die Stirn sendet, wird dabei nicht zerrauft. Was will die einsame Strähne? ...

Sprechen wir trotzdem getrost den deutschen Philistern die Denkmalswürdigkeit im Fall Heine ab! Wir wollen nicht ungerecht gegen ihn werden, weil uns seine Grazie amoralischer Tugend heute im Zerrbild journalistischer Verkommenheit entgegentritt, weil seine künstlerischen Vorzüge an den Nachfolgern als sittliche Mängel wirken, an seinen künstlerischen Mängeln eine Generation schmarotzt, die noch immer unter Heines Tränen lächelt.

 

 

Nr. 199, VII. Jahr

23. März 1906


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