Und Pippa tanzt!*)


Pippa tanzt. Aber die Maßgebenden sind nicht zufrieden. Nämlich: la grande foule und die kleinen Rezensenten. Sie wird nicht nur ignoriert. Sie wird gehaßt.

Was hassen la grande foule und die kleinen Rezensenten? Die Ironie. Die ganze künstlerische Physiognomie Pippas ist ironisch. Das ist meine Empfindung. Ungewollte Ironie. Das heißt: eine Eigenschaft der Dichtung, nicht des Dichters. Wie denn überhaupt das Gewollte das Schlechteste an diesem und an jedem Drama ist. Pippas Schönheit ist ironisch. Alles Frühere von Hauptmann war bitterer literarischer Ernst. Darum war alles Frühere so beliebt. Darum erhielt Hauptmann so schöne Orillparzer- und andere Preise. Für Pippa bekommt er gar nichts. Sie ist der Pferdefuß. Eine kompromittierende Geschichte. Kurz gesagt: eine Dichtung.

Pippa hat ihre eigene Luft. Ein Königreich des Glases in Schlesien. Die Leute sind in der Glashütte beschäftigt oder leben von ihr mittelbar. Aber nicht die Arbeit gibt der Dichtung den Grundton (wie in den »Webern«), sondern das Material der Arbeit. Das ist das Charakteristische. Aus dem Gegensatze zwischen der häßlichen Arbeit und dem schönen Material ergibt sich das Leitmotiv des Ganzen. Das Glas stammt von Venedig wie Pippa, die Tochter des Glastechnikers Tagliazzoni. Und dieses »Venedig« — mehr eine Sehnsucht, als eine Stadt — gibt dem Stücke einen zweiten Hintergrund. Den«rein poetischen neben dem »Orte der Handlung«.

Rauhe Bauernhände erzeugen zarte Blumenwunder aus Glas. Ahnungslos. Hungrige Bauernaugen verschlingen die tanzende Pippa und leiden an ihr, aber sehen sie nicht. Sie tanzt vor ihnen, aber nicht für sie.

Pippa ist die echteste weibliche Schöpfung des früheren Literaten. Traurig echt in ihrem Schicksale.

Sie ist »die Schönheit auf Erden«. Sie ist das Weib. Jedenfalls ist sie dazu da, mißverstanden zu werden. Vor Männern zu tanzen, die sie aus Bewunderung zerreißen oder — heiraten möchten.

Zwei symbolische Tänze am Anfang und am Ende. Das erste Mal im Wirtshaus — eine »Produktion«. Und zum Schlüsse in der Hütte Wanns — eine höchst eigene sexuelle Angelegenheit. Zwei Bilder von einer imposanten Perspektive.

Im Wirtshaus. Unter den zuschauenden Bären ist auch der »Glashütten-Direktor«. Ein gewöhnlicher Mensch. Aber doch unter den Bären ein Weltmann. Seine Galanterie hat einige feinere Nuancen. Zuerst kommandiert er, das »verlauste« Mädel soll tanzen. Aber Pippa erscheint, und er behandelt sie zart wie Glas. Der Herr Direktor »liebt«. Hat sogar von Pippa Träume. Er sagt ihr, dass sie aus dem Glasofen stamme. So richtig träumt er von Pippa. Er sagt ihr: »Wenn die Weißglut aus dem Ofen bricht, sehe ich dich oft ganz salamanderhaft in den glühenden Lüften mit hervorzittern.« ... Da läßt sich plötzlich ein grotesker Riese vernehmen, ein früherer Glasbläser, »der alte Huhn«: »Vo dar hoa iich o schunn Träume gehott ...« Das ist unheimlich. Jenseits von Literarisch und Szenisch. Aus dem Schlesischen ins Wedekind'sche übersetzt: Ferdinand (ein Diener im letzten Akte des »Erdgeist«): Man ist auch nur ein Mensch ...

Pippa tanzt mit dem »alten Huhn«.

Man sehe, was aus dem Literaten Hauptmann geworden ist. Die putzigen »Spezialkorrespondenten«, die den Berliner Durchfall Pippas in die Welt telegraphierten, ließen den ersten Akt noch gelten. Nach meinem Gefühl mit Unrecht Denn dieser Akt ist auch von einem Dichter. Er spielt »in der Schenke des alten Wende in Rotwassergrund«, ist aber kein Akt aus Fuhrmann Henschel. Und die »handelnden Personen« reden zwar scheinbar das gewöhnlichste Schlesisch, aber jedes ihrer Worte hat einen gewissen Unterton, der ihre Zugehörigkeit zu einer unendlichen Welt verrät. Symbolische Fäden verbinden sie mit dem poetischen Hintergrunde und nicht nur gesprochene Alltäglichkeiten mit dem »Orte der Handlung«. Daher das prächtige Kolorit des scheinbar »realistischen« Dialogs: ein Wedekind'scher Dialog — von Hauptmann.

Pippa tanzt mit Huhn, den sie haßt und fürchtet, vor Männern, die sie verachtet und fürchtet. Bis auf Einen. Dieser Eine ist ein »wandernder Handwerksbursche«. Der junge Michael Hellriegel, der in die Welt zieht, um »etwas ganz Besonderes« zu erlernen und zu erleben. Spuckt Blut. Aber hat die Jugend und den Märchenglauben. Also ein König ... Und nun weiß man, dass Pippa für ihn tanzt. Für den Dichter tanzt »die Schönheit auf Erden«.

Vorläufig wird aber diese Schönheit von einem Stärkeren entführt. Der alte Huhn benützt einen günstigen Augenblick, stürzt sich, wie ein Raubtier, auf Pippa und trägt sie davon, hinauf in die Berge, in seine Hütte.

Und nun, in einer luftigeren »wildromantischen Umgebung« (wo die Wirklichkeit und das Verständnis der kleinen Rezensenten aufhören), die Fortsetzung der Tragikomödie vom irdischen Spießrutenlaufen der Schönheit.

Der verrückte Poet Michael kommt von ungefähr in die Höhle des Riesen. Das Raubtier ist in dem Momente »nicht zu Hause«. Wohl aber seine Beute. Ein kostbares tête à tête mit Pippa. Eine der schönsten Szenen. Quasi »Liebesszene«, aber so wie man im Märchen liebt. Er — wie Peer Gynt — Lügner und Poet, Kind und Prahler. Glaubt am liebsten an diejenigen Dinge, die es nicht gibt — und ist jeder Heldentat fähig, wenn sie unsinnig ist. Und sie eine Perle in der Galerie der deutschen »Naiven«. Aber zwischen ihr und einem Gretchen liegt ein Ab-grund oder — Lulu von Wedekind. Auf die Nachricht von der Ermordung ihres Vaters, der sie prügelte und überhaupt molto cattivo war, fällt sie nicht in Ohnmacht, sondern ihrem Michel lachend um den Hals. »Ach, so hab' ich ja Niemand mehr in der Welt! Niemand als Dich!« Und der Poet beschließt natürlich sofort, das arme Mädchen bis ans Ende der Welt zu tragen.

Wenn sie auf dieser Reise nach »Venedig« über Berge und Gletscher nicht zugrunde gehen, so verdanken sie es einer »mythischen Persönlichkeit«, dem greisen Wann, der in einer Baude auf dem Kamm des Gebirges wohnt, die Welt liebt und von der Vogelperspektive sieht. Er lockt die Beiden in sein Haus, und rettet sie so vor dem Tode. Wer ist Wann? Sicher nicht der — Herrgott (wie die scharfsinnigsten Rezensenten meinen). Mir genügt es, dass er hoch oben wohnt und (wie der Dichter des Glasmärchens Pippa) die Welt von der Vogelperspektive sieht. Vielleicht ist er keine »Persönlichkeit«, sondern — ein Standpunkt.

Wann nimmt Jugend und Schönheit zu sich auf und bewirtet sie wie königliche Gäste. Und die Beiden danken ihm nicht, sondern begegnen ihm mit Trotz und Stolz, wie es der Jugend geziemt. Dafür spielt er mit ihnen wie mit Kindern. Er lacht über den Poeten, der »auf praktische Weise« nach Venedig reisen will ... Nein, »so kommst du wahrscheinlich niemals hin. Aber ...« und er zeigt ihm das kleine Modell einer venetianischen Gondel: »... wenn du mit diesem Schifflein reisest, mit dem schon die ersten Pfahlbauern in die Lagunen hinausfuhren und aus dem, wie aus einer schwimmenden Räucherschale phantastischer Rauch: der Künstlertraum Venedig quoll ... so kannst du mit einemmal alles erblicken, wonach deine Seele strebt. .« Ja, das ist unsinnig genug und Michel ist einverstanden. Er nimmt das Spielzeug in die Hand, und Wann versetzt ihn in einen hypnotischen Schlaf — mittels einer Zauberformel, die er Pippa nachsprechen läßt, wobei er ihren Finger um den Rand eines venezianischen Glases herumführt. Das Glas erschauert und erklingt unter der Berührung Pippas, die Töne werden immer stärker und auf den Wellen dieser Musik reist Michel im Traum nach »Venedig«. Aus seinen im Schlafe gesprochenen Worten erfährt man, dass er »alles erblickt, wonach seine schmachtende Seele strebt«.

Er reist also — allein. Dies kleine Detail ist wichtig. Dies tragikomische Detail, dass »die Schönheit auf Erden« nur für Einen ist, für den Dichter, und auch für diesen Einen — nicht ist. Nur darum macht der alte Ironiker sein seltsames Experiment mit der Gondel. Aus purem Vergnügen an einem schönen »Beweise«. An dem Beweise, dass Michel seine Pippa in der Seele hat — und erblinden könnte — und Pippa doch hätte. Die Rolle Pippas, der »irdischen Schönheit« beschränkt sich darauf, dass sie in der Seele des Poeten Michel jene Klänge hervorruft, die ihn in das Wunderland der Phantasie tragen. Aber sonst ist Pippa für Michel — nicht. Sie tanzt wohl für ihn. Aber nicht mit ihm. Sie tanzt mit demjenigen, den sie haßt. In diesem Stück und — immer. Sie tanzt mit dem brutalen Huhn. Und zu diesem Tanze treibt sie der starke, ewige Instinkt, der alles Lebendige in die Arme des Todes treibt.

Dieser zweite und letzte Tanz, der Todestanz der Schönheit mit der Kraft, bildet den Schluß des Dramas. Der Riese schleicht sich in die Hütte Wanns ein und versteckt sich hinter dem Ofen. Wann weiß es zuerst nicht (zur großen Freude der »Spezialkorrespondenten«, die ihn für ein Symbol des Allwissenden halten) und entdeckt den Eindringling erst Nachts, als Michel und Pippa schlafen. Ein kurzes, fast stummes Ringen der Weisheit mit der Kraft, und es siegt die Weisheit. Huhn sinkt ... aber lebt noch. Und mit dem Reste seines brutalen Lebens tötet er später Pippa, die sich in Abwesenheit Wanns und mit dem Einverständnis Michels von ihm zum Tanze verleiten läßt.

Dieser Tanz ist das schönste Finale, das ich kenne. Erinnert mich an das herrliche Ende Lulus in der »Büchse der Pandora«. Der »alte Huhn« spielt hier die Rolle des Jack the ripper. Es ist wie ein riesiges, lustig brennendes Opferfeuer zu Ehren des »mors imperator«. Drei Glieder des Tanzes: die »Einladung«, das Flehen des totkranken Raubtieres, schwere, prächtige Urworte, heiße Lavastücke; dann das »Mitleid« des Mädchens für den Sterbenden und die göttliche Naivetät des Poeten Michel, der Pippa zuredet zx tanzen; schließlich das große »Feuer«, der Tanz ... Während des Tanzes zerbricht das Weinglas; das Huhn in der Hand hält, und ... Pippa stirbt. Dann stürzt der Riese.

Ein sozusagen retrospektives Symbol ist die nun wirklich eintretende — Blindheit Hellriegels. Er weiß nichts vom Tode seiner »Geliebten«, so wie er früher nichts von ihrem Leben wußte. Er ist glücklich; er hat Pippa in sich. —

Das Glasmärchen vom irdischen Spießrutenlaufen der Schönheit erleidet hienieden das gleiche Schicksal wie die Schönheit selbst. Und das ist sozusagen die äußere Ironie des jüngsten Hauptmann'schen Stückes. Es vereinigten sich alle Spezial-Barbaren, die in Kritik machen, denn es handelte sich um den Angriff auf einen gemeinsamen Feind — den Dichter. Sie vereinigten sich Alle, um ihn und das Werk, das »Niemand verstehen kann«, mit ihrem Hasse zu krönen. Und Pippa tanzt ... Ave poeta!

Thaddäus Rittner.

 

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*) Ich freue mich, dieser von einem Dichter besorgten Ehrenrettung einer Dichtung Raum geben zu können, an der die Rationalisten der deutschen Kritik — von Harden bis Goldmann — den Zorn der eigenen Ratlosigkeit ausgelassen haben. Anm. d. Herausgeb.

 

 

Nr. 200, VII. Jahr

3. April 1906.


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