Weltbild


Zwei Triebe lenken die Bahnen und Schicksale der Gestirne: ein vereinsamender, nach innen ziehender, zentripetaler — und ein auflösender, ins Weite schweifender, zentrifugaler. Vom Stern zum Kosmos und vom Kosmos zum Stern flutet der große und ewige Kreislauf der Kraft. In ewiger Verwandlung wirkt die Kraft, die in Wahrheit niemals ruht. Sie sammelt sich um ein Zentrum, kreist um eine Sonne, verdichtet sich und fließt im Moment der höchsten Spannung wieder ins Meer der Allkraft über jede gebundene, zentralisierte Kraft strebt nach Erlösung und Wiedervereinigung mit der All kraft. In Bindung und Lösung der Kräfte besteht das Spiel des Lebens. Ohne die zentralisierenden Triebe, ohne das principium individuationis wäre die Welt ein totes, unbewegliches Meer, »ruhende Kraft«, Nirwana. Ohne die zentrifugalen, auflösenden Triebe wäre die Welt eine Wüste erstarrter Sonnen und toter Atome. In beiden Fällen wäre sie ein Grab ihrer selbst, ein erfülltes Nichts. Erst im Widerspiel zweier Triebe, eines abgrenzenden, einschließenden und eines verbindenden, überfließenden, eines atomisierenden und eines kosmischen, eines individuellen und eines genialen, erst im Widerspiel dieser Triebe gebiert sich das Leben. Stern und All, Welt und Ich sind die Angeln dieses Spiels — und all unser Denken und Tun ist dieses Spieles unbewußter Mittler, in meinem Tun denkt die Erde, im Denken der Erde wirkt das All ...

Das Streben des Individuums ist es, »sich« aus dem Zusammenhange des Ganzen loszulösen und der »Welt« als abgeschlossenen Teil entgegenzustellen. Zwischen dem Individuum und der Welt steht trennend und schützend die Haut. Welt und Zelle sind durch die Zellwand geschieden. Durch die Poren dieser Wand aber findet jenes Ringen statt, das wir das Leben nennen Die Porosität ihrer Membran gestattet der Zelle, Kräfte aus ihrer Umgebung an sich zu ziehen, sich zu nähren. Die Festigkeit und. Dehnbarkeit der Membran ermöglicht es der Zelle, den Raub an der Welt in sich festzuhalten, zu wachsen. In der Loslösung und Einhäutung, in Isolation und Inkrustation, betätigt sich der individualisierende Trieb der Zelle. In der Einverleibung und Assimilation der Außenwelt offenbart sich ihr geniales Wesen, ihr Zusammenhang mit dem All; denn indem sie die Welt sich einverleibt und wächst, — wächst auch die Anziehungskraft der Welt und lockt sie, in ihr sich aufzulösen. Wenn nämlich die Haut im weitesten Sinne (als Summe aller zentripetalen Kräfte) und die von ihr umschlossenen assimilierenden, mehr und mehr zentrifugal wirkenden Kräfte das Maximum von Spannung und Druck erreicht haben, dann ist die Lebensfähigkeit der Zelle als solcher erschöpft — und das Ich ist von der Welt überwunden. In der Kulmination seiner Entfaltung verliert das Individuum seine ursprünglichen Triebe. Der Trieb zur Isolierung weicht dem Trieb der Auflösung und der Trieb der Assimilation potenziert sich zum Trieb der teilenden Zeugung. Unter dem Drucke der sprengenden, zentrifugalen Kräfte gibt das Individuum sein Selbst preis und teilt sich in zwei Zentren. Das Mutterindividuum hat sich im Genieakte der Zeugung verbraucht und ist — unsterblich in seinem genialen Wesen — ohne Hinterlassung eines Leichnams gestorben. Und in zwei neuen Individuen ist die gelöste Kraft neuerdings gebunden ... In der Auflösung der Mutterzelle wirkte ihre geniale Kraft, in der Abschnürung der Zwillingszelle und Inkrustation der Tochterzellen wirkten wieder die isolierenden, um ein Zentrum kreisenden Instinkte des Individuums. Auf dieser Polarität der Triebe beruht die Eroberung der unorganischen Welt durch die organisierte, die Einverleibung und Belebung des Toten durch das Lebendige.

Sein zweites Wunder wirkt der geniale Trieb der Auflösung und teilenden Zeugung in der Schöpfung der Individuen höherer Ordnung, der Zellverbände, die im neuen Wechselspiel der individualisierenden und genialen Triebe zu immer höheren Idividualkomplexen fortschreiten. Die teilende Zeugung entwickelt sich zur geschlechtlichen, der geniale Trieb wird ein sexueller und endlich — in der Schaffung der Gesellschaftsverbände — ein sozialer. Je höher organisiert aber das Individuum ist, desto mächtiger sind (der gleichfalls stärkeren zentrifugalen Triebe wegen) die Instinkte des Individuums in ihm, desto kunstvoller wird die Kruste, in die es sich einschließt. Die Haut erhält Bewegungs- und Schutzorgane, Greifwerkzeuge, Stacheln, Haare, Giftdrüsen, Nägel, Krallen, Hufe und Zähne. Aber auch die Sensibilität raffiniert sich. Die Haut erhält immer mehr und immer feinere Sinnesorgane, sie wird fühlend, schmeckend, riechend, hörend und sehend. Und als Intellekt endlich wird sie ein geistiger Schutzpanzer, der den körperlichen ergänzt und künstlich vollenden hilft. Kleidung und Wohnung, Wall und Graben, die chinesische Mauer, die Festungsgürtel, die die Reiche umschließen, sind künstliche Haut. Unsere Werkzeuge und Waffen sind künstliche Hautorgane, die Bahnen sind künstliche Beine, die Schiffe sind künstliche Flossen, die Luftschiffe sind künstliche Flügel, die Telegraphen und Telephone sind künstliche Augen und Ohren ...

Der Intellekt ist nur gesteigerte Hautsensibilität. Er spiegelt die Welt nach der Optik des Individuums und gibt diesem das Bewußtsein des abgeschlossenen Ichs. Mit dem Ich-Bewußtsein aber ist die Inkrustation des Individuums vollendet. Der Intellekt schließt das Ich vom Nicht-Ich, von der Welt, hermetisch ab. Und alle Reflexion und Wissenschaft ist auch eine Bestätigung des Ichs und Isolation des Individuums vom unmittelbaren Zusammenhang des Ganzen. »Ich denke, — also bin Ich!« Die Intellektualität ist der letzte Triumph des Atoms über das Universum. »Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor«, sagt Kant mit anerkennenswerter Kühnheit — und stellt damit die Welt buchstäblich auf seinen Kopf.

In Wahrheit jedoch ist der Intellekt ein Kerker und das Individuum ein Gefangener im eigenen Ich. Genie aber ist das Durchbrechen und Zertrümmern der Individual-Intellektualität, Preisgebung des Ichs, Gehorsam gegen unbewußte Gewalten und Verbrauch und Auflösung des Individuums im Leben des Ganzen. Genie ist — bildlich gesprochen — das Individuum ohne Haut. Sein Wesen ist unmittelbar an die Welt angeschlossen und das Leben der Welt flutet ungehindert hindurch. Während das Individuum einen isolierten Teil der allgemeinen Kraft darstellen will, ist das Genie bereit, dem Ganzen zurückzugeben, was des Ganzen ist. Emerson nennt das Genie »eine Substanz von unendlichen Affinitäten«. Mit allem verwandt, wird es von allem gelenkt und ist ohne Selbst. Selbstlosigkeit (natürlich nicht im Sinne ethischer Güte) ist das Merkmal aller genialen Naturen. Alle, die wir so gerne »Individualitäten« nennen, waren und sind von dem Empfinden erfüllt, dass sie von Gewalten gemeistert werden, die nicht in ihnen als Individuen sind. Immer finden wir den genialen Menschen im Dienste einer »höheren Macht«. Diese höhere Macht zu erklären, ist die Velleität seiner Individual-Eitelkeit. Moses und Mahomet sind Sprachrohre Gottes, Dante ist der Visionär supranaturaler Gesichte, Dichter und Künstler lauschen den Musen und inneren Stimmen, Sokrates gehorcht dem Daimonion, Napoleon wird von seinem Stern geführt, Wallenstein von den Gestirnen, Cromwell kommt am weitesten, »wenn er nicht weiß, wohin er geht«, Ulrich von Lichtenstein kämpft und leidet für Frau Venus, Robespierre für die Gerechtigkeit, Galilei für die Wahrheit, Washington für die Freiheit. Jeder nahm im Drange, sich zu verbrauchen, die Aufgabe auf sich, die die Umstände ihm zuwiesen. Das Individuum in allen großen Männern ist uninteressant und der »intime« Napoleon bietet dem Psychologen weniger als vielleicht der intime Kunz oder Müller. Alle »Ausnahmsmenschen« sind nur Beispiele für die Verleugnung des Individuums unter dem Drucke einer stärkeren Kraft. Casanova verführte die Weiber und ward selbst verführt vom Weibe. »Das Weib« wurde seine höhere Macht, und indem er sich im Dienste des Weibes verbrauchte, erfüllte er seine Bestimmung« und gab sich dem All zurück. Jede Selbstvergeudung ist in gewissem Sinne Genialität und der Mensch der Passion gehört nicht minder zum Typus des genialen Menschen als der Mensch der Produktion. Der eine wie der andere erfüllt im gleichen Maße seine einzige Bestimmung, die im Individuum gebundene Kraft zu lösen. Das Individuum sammelt und bindet die Kräfte, das Genie löst und verwandelt sie. Individualität und Genialität sind die beiden Phasen des Lebens, die beiden Seiten desselben Phänomens. Das Individuum ist die Voraussetzung und Vorstufe des Genies. Es ist der Akkumulator der Kräfte, die später — nach Generationen — im Genie wirksam werden. Das Individuum ist latente Elektrizität, Genie ist Blitz und Entladung, das Individuum ist das Kapital des Lebens, Genie ist Verbrauch.

Die Aufeinanderfolge der Individuen in der geschlechtlichen Zeugung ist ein System verzweigter Evolution und das Genie ist die Unsterblichkeit der Individuen. Was vom Individuum stirbt, ist nur die Haut, die Hülle im weitesten Sinne: das Ich. Nur die dem einzelindividuellen Leben dienenden Zellen des Individualkomplexes sind a priori dem Tode geweiht. Jene Zellen jedoch, die zur Fortpflanzung des Individuums bestimmt sind, gehen wohl in ungeheurer Majorität durch äußere Einflüsse zugrunde, sind aber mit Unsterblichkeitsmöglichkeit ausgestattet. Die konjugierenden Ei- und Spermazellen schließen die sukzedierenden Individiuen zu einer organischen Kette. Und durch diese Kette der Individuen läuft die erworbene und gebundene Kraft wachsend und schwellend dem Meere zu, in das sie sich verlieren will. Das Genie ist als solches das letzte Glied einer Kette und der Erbe alles Erworbenen. Für das Genie arbeiteten die Individuen, das Genie selbst erwirbt nichts und arbeitet nicht. »In unseren höchsten Augenblicken arbeiten wir nicht,« sagt Nietzsche, »Arbeit ist nur ein Mittel zu diesen höchsten Augenblicken.« Im Genie verschwendet sich der Fleiß der Generationen, in ihm ist alles reife Frucht ...

Alles ist verkettet. Es gibt in Wirklichkeit keine Isolierung, kein Individuum. Das vollkommene, in sich abgeschlossene Individuum ist ein theoretisches Schema, das nur im lndividualbewußtsein existiert (und seinen exaktesten theoretischen Ausdruck im Fichte'schen Solipsismus und in Stirner's »Einzigem« gefunden hat). Durch die Poren jedes Individuums sickert das Geschehen der Welt und in jedem ist die ganze Vergangenheit seiner Antezedenten lebendig und wirksam. Nur die sterblichen Hüllen wurden von seinen Vorgängern abgestreift, die unsterbliche Kraft aber wanderte von einem ins andere — und in jedem Individuum reift etwas zur Frucht, was in anderen nur Keim, Knospe oder Blüte war, und in jedem sind Keime, Knospen und Blüten, die in anderen Früchte werden können, in jedem ist ein Versprechen und eine Erfüllung. Aller Sinn des Lebens liegt in der Kette und erfüllt sich an einem ihrer vielen Enden, — denn jedes Glied der Kette (ausgenommen das erste und das letzte) ist Anfang und Ende zugleich ...

Vom Standpunkt des Individuums aus gesehen, hat das Leben keinen Sinn. Es erscheint sodann als grausame und unlogische Farce. Der Leidende weiß nicht, warum und wozu er leidet, der Glückliche weiß nicht, warum sein Glück endet. Schmerz und Tod sind für das Individuum die beiden großen Widersprüche des Lebens. In der Einverleibung in die sozialen Gebilde findet das Individuum zuerst eine Lösung dieser Widersprüche. Die Unterordnung des Einzelnen unter das Wohl des Ganzen als des höheren Individuums erklärt zum Teil die Notwendigkeit des Leidens, und je fester das Gemeirgefühl (der Egoismus des höheren Individuums) sich ausprägt, desto mehr schwindet der Schutz- und Machttrieb des Einzelnen. Im Paroxysmus patriotischer Begeisterung geht das Individuum sogar freudig in den Tod. Das höhere Individuum — die Polis — folgt seinen Individual- und Genietrieben auf Kosten der Einzelnen; es schützt sich, wächst, erobert und teilt sich mit dem erreichten möglichen Machtmaximum durch Zersplitterung oder Kolonisation.

Dennoch aber wird der Einzelne durch die Polis nicht so völlig absorbiert, dass nicht immer wieder jene Widersprüche sich geltend machten. Religionen und Philosophien unternahmen es, diese Widersprüche radikal zu lösen. Der Trost, den sie dem Individuum spenden wollten, bestand stets darin, dass sie den Einzelnen an die Kette oder das All anschlossen. In der ältesten aller Religionen, im Ahnenkultus, liegt die Unterordnung des Individuums unter das Leben der Kette. Das Schicksal des Einzelnen erklärt sich darin aus vergangener, ererbter Schuld oder aus vergangenem, ererbtem Verdienst und der Tod erscheint durch die Nachkommenschaft besiegt. Im Glauben an den Übermenschen — der jüngsten aller Religionen — wird das Individuum zum bewußten Kettenschmied und lebt dem Enkelkultus. Das »tat-twam-asi« der alten Inder — die tiefste aller Religionen — lehrt den Zusammenhang des Individuums mit dem All-Einen ... Dass der Sinn des Lebens in der Kette sich offenbart, und dass die Kette in das All mündet, dies ist der esoterische Inhalt aller Religion und Philosophie. Das egozentrische Denken des Individuums aber deutet diesen Inhalt in seinem Sinne um und versteht unter der Ewigkeit des Seins die — Personalunsterblichkeit. Gerade das Sterblichste an ihm, seinen Hautsinn, das Ichbewußtsein will das Individuum als »unsterbliche Seele« vor dem Tode retten. Diese Seele aber stirbt in Wahrheit schneller als der Leib, der noch viele Stunden zu leben vermag, wenn bereits jede Spur des persönlichen Bewußtseins entflohen ist ...

Karl Hauer (Lucianus).

 

 

Nr. 201, VIII. Jahr

19. April 1906.


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