Ein Brief


Von den vielen Zuschriften, die die 'Fackel' neulich erhielt, verdient eine den Lesern mitgeteilt zu werden, weil sie in mutigem und eigenartigem Ausdruck der österreichischen Erbitterung zeigt, wie drückend die eigenen Stützen — der Verfasser ist Staatsbeamter — den Bau empfinden:

Wien, den 5. April 1906.

Werter Herr Kraus!

Zur Nummer 200 Ihrer 'Fackel' die innigsten Glückwünsche! Just in dieser bewiesen Sie wieder, dass göttlicher Zorn, achilleischer Grimm zur Waffe, die er im Kampfe für neue Rechtsgüter schmiedet, schon im reinen Gefühl auch den besten, weil einfachsten »Stil« fand!

Wahrster Anteilnahme derer aber sind Sie sicher, die selbst unter all diesen Übeln leiden, doch nicht die Kraft, nicht den Mut finden, ihre einsame Klage in eine weithinschallende Anklage zu wandeln; die sich genug daran zu mühen haben, den Ekel vor dieser Zeit stündlich niederzukämpfen, ehe er sich zum Überdruß am Leben selbst steigere!

Gehen wir einmal keck daran, den großen Gewalten unserer Tage statt der alten toten Attribute die ewig lebendigen sexualen Kennzeichen aufzuprägen und einzubrennen:

Der Stiefvater Staat, mit der §§-Peitsche, ein alter, impotenter Sadist, einer der ärgsten »Kinderfreunde«! Sind wir aber trotz ihm Männer geworden, mißhandelt er uns mit größter Wollust — als Soldaten. Und wenn er uns dann entlassen muß, weiß er sich noch genug Mittel, uns zu schlagen, zu schrauben, mit und außer den »Staatsgrundgesetzen« stumm, blind, taub und lahm zu machen!

Die Presse — die Großmacht mit dem Krönungsmantel aus Lumpenpapier — eine durchseuchte Dirne, die nur mehr in die ekstatischen Verzückungen der Masochistin gerät, wenn ihre jüngere Schwester, die eselohrige, hundertäugige, tausendzüngige Sensation, sie coram publico blau prügelt!

Und dann sie, die Mutter! Nach Satanskult und Märtyrer-Nekrophilie erschöpft, kindisch lallend, zum Ursprung ihres Seins zurückgekehrt, hält sie in den erstarrten Händen den Fetisch!

Und bei diesen Perversitäten wundert man sich über die kleinen persönlichen »Irrungen« des »Individuums«! — Die Väter entarteter Söhne und Töchter jubeln: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin, wie dieser Zöllner da! und wissen wohl kaum, welcher Same aus ihren verderbten Lenden aufgegangen!

Mein Weltekel weicht diabolischem Behagen, wenn ich, unter »Normalen« sitzend, mit »Normalien« gefüttert, mir es ausdenke: In jener Zeit wird der schlechteste und dümmste Wucherer, der Staat, bankerott; in jenem Jahr wird die schlaueste der Seelenhändlerinnen Konkurs ansagen und alle Konkurrenzfirmen mitreißen; und dann — ach, wann? — wird die feige, feile Presse unter gräßlichen Flüchen im Schlamm ihrer Gemeinheit versinken!

Fackeln zum Feuer, Fackeln zum Feste!

Während der gestrigen Lektüre Emersons mußte ich bei dem folgenden Satze Ihrer gedenken:

»Ehre dem, dessen Leben ein beständiger Sieg ist; dem, der infolge geheimer Sympathie mit dem Wesentlichen und Unsichtbaren die Stütze in seiner Arbeit findet, anstatt im Lob; dem, der nicht glänzt und es auch gar nicht begehrt. Mit offenen Augen erwählt er die Sittlichkeit, die die Sittlichen empört, die Religion, die zu verbrennen und auszurotten die Kirchen ihre Streitigkeiten unterbrechen; denn die höchste Sittlichkeit ist immer gegen das Gesetz«. (The Conduct of Life, VI.)

Ihr dankbarer

. . .

k. k. Staatsbeamter

(folgt Adresse).

 

 

Nr. 201, VIII. Jahr

19. April 1906.


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