Phrasen


Die Machthaber von einst waren naiv und hatten ein gutes Gewissen. Die Machthaber von heute sind wissend und brauchen ein gutes Gewissen. Einst schien es dem Mächtigen natürlich, dass er unterdrückte und Willkür übte, heute scheint es ihm unnatürlich — und zur Überkleisterung dieses fatalen Konfliktes zwischen Gewissen und Interesse erfand er die moderne Ethik: die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Sklaverei wurde abgeschafft, erstens weil der »freie« Arbeiter billiger ist, zweitens weil die Freiheit auch besser klingt und ein gutes Gewissen macht. Der Sklave kostet Geld und man muß ihn überdies anständig nähren; denn stirbt er vorzeitig, so verliert man das durch ihn repräsentierte Kapital. Der freie Arbeiter verursacht keine Anschaffungskosten und darf unterernährt sein, weil er in jedem Augenblicke kostenlos ersetzt werden kann. Außerdem sind Hunger und Feigheit bessere und billigere Aufseher als die mit der Nilpferdpeitsche.

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Die »Freiheit.« bedeutet recht verschiedene Wünsche. Der Proletarier will frei sein von Hunger und Zwangsarbeit, der Besitzende will frei sein von der Furcht, dass man ihm seinen Besitz nehmen könnte. Und weil diese beiden Freiheiten sich schlecht vertragen, führen Proletariat und Kapital einen unerbittlichen Kampf. Die Waffe des Proletariats ist die Organisation, die Waffe des Kapitals ist die offizielle Macht. Diese klare Sachlage wird nun von beiden Seiten durch ein ekelhaftes, moralischtuendes Phrasentum verwirrt und vertuscht. Die einen schreien nach »Gerechtigkeit«, wenn sie Brot und freie Zeit haben wollen, die anderen verheißen »Rechte«, wenn sie knechten und ausbeuten wollen. Was geht aber uns das feige Gewissen des Kapitalismus an, der sich mit frommen Lügen Mut zum Gebrauch der eigenen Macht machen muß! Der gute Geschmack fordert vom Machthaber, dass er hart und ehrlich sei. Aber noch widerlicher als die kapitalistischen Phrasen sind die sozialdemokratischen. Wenn sich die Proletarier mit »Rechten« abspeisen lassen, verdienen sie kein besseres Schicksal. Ein Sklaventum ist die Grundlage jeder Kultur und naturnotwendig, automatisch, überall dort vorhanden, wo ein Mächtigerer es über einen Schwächeren verhängen kann — ganz unabhängig von Ethik, Kulturstufe und Regierungsform. (Ethik ist und war immer nur ein Nebenher und Nachher, eine Beschönigung der Willkür oder eine Bemäntelung der Schwäche. Die Höhe der Kultur verhindert die Sklaverei nicht nur nicht, sondern verschärft sie noch. Zu allen Zeiten einer Hochkultur war auch die Bedrückung am härtesten, weil die Macht am verlockendsten war. Die kapitalistische Sklaverei ist durch jede Regierungsform geschützt, durch eine liberale sogar noch besser als durch eine absolute.) Wenn nun die Proletarier, anstatt ihre Kräfte auf den wirtschaftlichen Kampf zu konzentrieren, sich in einen politischen einlassen, wenn sie in unglaublicher Verblendung politische Rechte anstatt besserer Bezahlung fordern, dann fahren die Besitzenden am besten. Politische Rechte können die Besitzenden ruhig verleihen; wenn die Parlamente die Macht des Besitzes antasten wollen, führen sie sich selbst ad absurdum. Das Recht des Stimmzettels kann man den Besitzlosen gönnen, denn »die Macht des Stimmzettels« ist nur eine Phrase. Von der Phrase leben allerdings zwei unerfreuliche Spezies von Menschen: die Schmöcke und die Demagogen.

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Es war eine Stunde, in der das Schicksal der Menschheit sich in leiser Angel drehte. Unhörbar schloß ein Tor sich zu, unhörbar brach ein anderes auf — und der Strom des Geschehens wälzte sich in ein neues Bett ... Am lieblichen Gestade eines kleinen Sees im Judenlande aber sprach in dieser Stunde ein sanfter, dunkeläugiger Verzückter in wunderlicher, wirrer und bilderreicher Sprache zu Fischern und Handwerkern, Herumlungernden und Neugierigen, zu Geringen und Deklassierten. Von einem Reich sprach er, das nicht ein Reich der »Welt« sei, von einem Reich der Armen und Verkannten und von einem Vater, in dessen Wohnung die Hungernden und Müden einen festlich gedeckten Tisch fänden, von einem Vater, der alle »Kinder« mit seiner Liebe umfange, und von einem Gericht, das der Vater über die Harten und Stolzen halten würde, die seine Kinder geärgert. Wer gering sei vor der Welt, werde vom Vater erhöht werden, die Reichen aber werden ausgestoßen werden aus der Wohnung des Vaters, und eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr, ehe ein Reicher ins Himmelreich käme. So wenigstens verstanden es die groben Ohren, zu denen der verzückte Symboliker sprach, und trugen es weiter als frohe Botschaft für die Darbenden und Geplagten, für die Brüder und Schwestern, für die Kinder des guten Vaters. Der Verkünder starb am Kreuze, die frohe Botschaft aber breitete sich aus und zu Damaskus fiel es einem jüdischen Demagogen von Genie wie Schuppen von den Augen und er erkannte, dass die »Welt« nichts anderes sei, als die römische Aristokratie, welche das Reich usurpiert habe, das der Vater den Kindern versprochen. Auf ausgedehnten Agitationsreisen organisierte er die »Kinder« aller Länder, und Rom selbst ward zum Zentrum der ersten internationalen Demokratie. Gleich Maulwürfen hausten die »Kinder« in unterirdischen Grüften und untergruben den Boden der »Welt«. Verzweifelt und grausam wehrte sich der Geist des Imperiums — aber das Auge des Menschen war verwandelt worden. Es sah, was es bisher nicht gesehen hatte, und es sah anders, als es bisher gesehen hatte. Es sah plötzlich das ungeheure Leiden des Menschen und konnte den Anblick des Leidens nicht mehr ertragen: es war neurasthenisch geworden. Den Verfolgten und Geächteten wuchsen aus Blut und Martern neue Genossen und die Machthaber wurden feige und schauderten vor dem Blute. Der Imperator selbst ergriff das Symbol der Macht des Leidens — und der stolzeste Kulturbau der Menschheit versank in die Grüfte ... Der Vater hatte Gericht gehalten, aber das Reich war nicht den Kindern gegeben worden. Der Vater zu Rom verwaltete es für die Kinder, versprach den Kindern das Himmelreich im andern Leben und lenkte die Geschicke der Welt. Ein neuer Bau erhob sich über den Trümmern des alten, die Mächtigen, die »Welt«, waren wissender und furchtsamer geworden, sie gaben den »Kindern« das »Recht« und behielten nur den Besitz. Und sie sprachen es aus, dass die Menschen vor Gott und den Gerichten gleich seien ...

Karl Hauer.*)

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*) Der Verfasser der mit Lucianus unterzeichneten Aufsätze.

 

 

Nr. 200, VII. Jahr

3. April 1906.


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