Der ausgenagelte Hindenburg


(4.5.1918)

 

Sintemalen wir Deutsche sind, begreift man, daß Neuigkeiten aus Berlin uns interessieren. »Dank der Opferfreudigkeit der Berliner Bevölkerung ist die Benagelung des eisernen Hindenburg soweit gediehen, daß die ganze Figur nunmehr von dem Gerüst befreit werden konnte, so daß die Hünengestalt des Recken frei dasteht.« Haste Worte? »Nur ein kleiner Saum des Mantels ist noch zu benageln.« Nanu? »Nunmehr wird das Postament der Benagelung freigegeben. An den Sonntagnachmittagen findet Militärkonzert statt.«

Hübsch, nicht wahr? Unser aller Hindenburg, dastehste, die »Hünengestalt des Recken« sozusagen, ist ausgenagelt von oben bis unten, mit Ausnahme eines Stück Mantelsaums, der für die Inbrunstlippen etwa des Berliner Professorenkollegiums reserviert ist. Reicht der Mantelsaum aber nicht ganz bis zum Niveau der Sterblichen herab, so kann man ihn hopsend erreichen.

Warum ist dieses Stück Mantelsaum nicht auch noch benagelt worden? Gab's keine Nägel mehr? Ausverkauft? Oder mußten die Köpfe der Berliner Bevölkerung beim Vernageln bevorzugt werden? Was ist's mit dem Stück Mantelsaum? Wir vermissen Details. Weiß es das »Berner Tagblatt« vielleicht? Gleichviel: »die Figur konnte vom Gerüst nunmehr befreit werden; das Postament der Benagelung freigegeben.« Also Aufhebung des Benagelungszustandes. Mein Gott, mein Gott, warum hast du sie verlassen?

Die Sache indessen hat ihre zwei Seiten. Eine Vorder- und eine Rückseite. Und der perfide Untertanenverstand fragt sich: Wer hat dem Herrn Feldmarschall in den wertesten Mantel den Nagel getrieben an jener Stelle, an der auch der preußische Mensch seine runden Passagen hat? Und welch zarte Damenhand — um von der Kehrseite zu sprechen — hat den Lenden des Recken Schimpf angetan?

Zwei Seiten hat jeglich Ding, und ein Unten und Oben. Wer hat unserem Heiland die Nägel durch Stirne und Hände gejagt? Wer hat sich zu seinen Füßen herumgetrieben? Wer hat ihm das Herz eingehämmert und wer ihm die Knie zerschlagen? Silentium, christliche Seele, es ist nur ein Feldmarschall!

»Der das Denkmal umgebende weite Platz ist neu hergerichtet und mit Blumen bepflanzt.« Das gehört sich auch. Ich sehe Herrn Hindenburg mit Frau Hindenburg promenieren vor dem Denkmal des Recken. Frau von Hindenburg befällt eine schamhafte Lust, alle Nägel eigenhändig wieder herauszuziehen. Wie benimmt sich Herr von Hindenburg dabei? Hält er sie zurück, oder besorgt er eine Beißzange?

Und eine andere Zwangsvorstellung verläßt mich nicht: der große Generalstab vom Volk abkommandiert, unter den Klängen der Marseillaise die Schandnägel eigenhändig herauszuziehen. Ich sehe sie krabbeln und wimmeln auf dem zur Entnage-lung freigegebenen Postament. Der entnagelte Götze beleuchtet in Flammen das Reichstagspalais. Die Bismarcktürme in deutschen Landen wackeln und beben ...

Bis dahin hat's seine Zeit. Lessing prägte das Wort vom Sterben »zum Besten des Vaterlandes«: Das Schlachtfeld als Wohltätigkeitsveranstaltung. Und ein berühmter Freiheitsdichter sang: »Schlagt sie tot ... (die Franzosen nämlich) ... das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht.« Heute benageln sie die Hindenbürger. Eine feste Hindenburg ist unser Gott.

Welcher Meßbudenverstand hat solche Benagelung erfunden? »Bitte mein Herr, schießen Sie mal!« »Bitte die Herrschaften, nageln Sie mal!« Akkurat wie beim »Jägersalon«. Die patriotischen Hurrahyänen heulen durchs Land. Und da die Hyäne ein Raubtier ist, so nageln sie denn. Sie nageln bei Tag, und sie nageln bei Nacht: ein beflissenes Volk! Weit haben wir's gebracht in der Welt. Es ist an dem, daß man sich zu Tode lacht an uns.

Ein humorliches Volk! Wie wird man Karl Marxens hundertsten Geburtstag feiern? Der stammverwandte Herr Rathenau wird sprechen über das Thema »Sozialismus zum Besten des Staates«. Oder Herr Scheler über »Sozialismus zum Besten der Kirche«. Dank der Opferfreudigkeit der Berliner Bevölkerung. Wie viele Sozialisten mögen genagelt haben? Und wie hat man den Kriegskrüppeln Gelegenheit gegeben^ aufs Postament hinaufzukommen? Mittels Dampfkran, Aufzug oder Rutschbahn?


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