Das wahre Gesicht


Zur Berliner Gegenrevolution

(17. 3.1920)

 

Die Anstifter des Weltkriegs, die Mordbrenner und Zivilistenschänder von 1914 bis 1918, die Partei der alldeutschen Heldenseelen, die Hintermänner des Revolutionsschwindels, die Propagandisten des Weltbolschewismus sind hervorgetreten. Der Gründer der deutschen Vaterlandspartei, Dr. Kapp, hat sich als preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler nach bismarckschem Vorbild aufgetan, der General von Lüttwitz, schon vor Jahresfrist der mächtigste Mann in Deutschland, hat seine rotgefärbte Schlangenhaut Noske abgeworfen und sich als Reichswehrminister etabliert. Einen Jagow des Inneren und einen Jagow des Äußeren gibt es, Kultusminister ist der Panzerplattenpastor Traub.

Die Generale von Seeckt und von Lettow-Vorbeck haben das Komplott in Hamburg und Stuttgart vorbereitet, General Maercker in Sachsen. Ostpreußen hat sich unter seinem Oberpräsidenten Winnig und dem General v. Estorff, »gestützt auf die Arbeiterschaft«, der neuen Regierung angeschlossen, ebenso Stettin, Breslau, Kassel. In Kiel und Frankfurt kam es zu kurzen Kämpfen, ehe die beiden Städte für das preußische Deutschland gewonnen waren. Die Truppenverbände in Westfalen stellen sich auf den Boden der neuen Tatsache. Die süddeutschen Landesregierungen opponieren zwar, aber auch das wird voraussichtlich nicht lange dauern, denn alles hängt, auch in Süddeutschland, von der Haltung der Truppenverbände ab, die meistenteils von Studenten-Offizieren geführt werden und von der alldeutschen Agitation schlimmer durchseucht sind, als man noch immer zu glauben geneigt scheint.

Die vertriebene Regierung Ebert in Dresden kann noch immer das Flunkern nicht lassen. Sie behauptet in einem Aufruf an das deutsche Volk vom 14. März: Hinter dem »Putschversuche gewissenloser Abenteurer« ständen »keine ernsthaften Politiker« (als ob man die Ebertleute je ernst genommen hätte), und sie behauptet weiter: »dieses Abenteuer wird in wenigen Tagen an seiner inneren Unmöglichkeit zusammenbrechen«.

Dies Abenteuer wird aber aller Voraussicht nach keineswegs sehr rasch zusammenbrechen, sondern im Sturm ganz Deutschland in teutonische Hände bringen. Gekauft von der Schwerindustrie und vom Großgrundbesitz ist die wichtigste Presse, sind die wichtigsten Organisationen, ist der größte Teil des geschlagenen Heeres, ist das halbe Volk. Der alldeutschen Macht, in deren Händen nach einem vierjährigen Erschöpfungskriege und einer durch vollkommene Ohnmacht charakterisierten Revolution alle finanziellen und organisatorischen Mittel zusammenfließen, dieser alldeutschen Macht wird es ein Leichtes sein, mit der indifferenten und naiven Opposition aufzuräumen und das ganze verkappte Patriotentum, auch sozialdemokratischer Färbung, in ihren Bann zu ziehen.

Die alldeutschen Verschwörer haben, darauf kann man sich verlassen, ihre Tat gut vorbereitet. Es ist nicht nötig, die ganze Kette der Ereignisse, die zu dem Gipfel ihrer »neuen Regierung« führte, hier noch einmal aufzurollen. Mit unfehlbarem Geschick hat man besonders die Berliner Vertreter der amerikanischen und englischen Regierung zu täuschen verstanden. Die »Bolschewistengefahr«, die vorgetäuschte »Gefahr von links« war das Mittel, das wirkte. Erinnert sei nur an den sogenannten »blutigen Dienstag«, jenes Arrangement eines Volksaufstandes gelegentlich der Beratung des Betriebsrätegesetzes. Von den Herren Lüttwitz-Heine-Noske war dieser Tag als Provokation mächtiger Bolschewistenkämpfe gedacht, um den amerikanischen und englischen Regierungs-Vertretern in Berlin die Ordnungsliebe und preußische Zucht ad oculos zu demonstrieren. Es lag nicht an den Preußenministern, wenn der Versuch mißglückte, wenn es nicht gelang, die Alliierten noch mehr zu blenden. Es lag nur an der Ohnmacht der Linksradikalen, deren Streikkassen leer sind. Gelegentlich der Auslieferungsfrage erhielten die preußischen Militärs dann den vollkommenen Beweis, daß ihrem Hervortreten eher Jubel als Fluch begegnen würde.

Es wird jetzt alles davon abhängen, mit welcher Entschlossenheit und Vehemenz man in Paris zu handeln versteht, ehe es zu spät ist und die schwachen süddeutschen Staaten vor der preußischen Militärübermacht kapitulieren. Die Bewegung in Deutschland wächst bei dem immer noch herrschenden Gewaltglauben rapide, und die Reden sowohl des Generals von Seeckt in Hamburg wie des Generals von Lettow-Vorbeck in Stuttgart lassen keinen Zweifel darüber, daß der Tag, der demnächst folgen soll, der Tag der Revanche, rascher kommen kann, als man auch jetzt wieder glauben wird.

Im übrigen ist es gut, daß nun Klarheit in all die Verständigungsnebel gekommen ist. Klarheit über die Phrase französischer und deutscher »Clartisten«, über die Bannerträger der Verständigung, die Herren von der »Democratic Control« in England; Klarheit über jene deutschen Unabhängigen und Kommunisten, die von dem Gefängnisse der preußischen Junker aus den »westlichen Imperialismus« bekämpfen, über die »Hänse im Schneckenloch«, die jetzt alles haben, was sie wollen; Klarheit auch über die deutsche »Demokratie«, deren »Diktatur« jetzt abgetan ist, und nicht zuletzt auch über die Verteidiger der deutschen Mehrheitssozialisten, alle jene deutschen Einheitsapostel von Zentralisten, die wacker dazu beigetragen haben, die preußische Bürokratie aufzufrischen, das marode Heer zusammenzuhalten und der deutschnationalen Agitation, oder anders gesprochen den Herolden der preußischen Weltherrschaft, trotz unerhörtester Niederlage, die Wiederauferstehung zu ermöglichen.


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 21:31:43 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.05.2008 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright   Theater, Kunst und Philosophie  Geschichte und Politik