Die Umgehung der Instanzen


(16.11.1918)

 

Die Tatsache, daß an dieser Stelle seit anderthalb Jahren die Ereignisse vorausgesehen wurden, die jetzt eintreffen, berechtigt uns, unsere Landsleute in der Heimat dringend zu warnen vor Maßnahmen, Depeschen und Manifesten, die dazu beitragen könnten, die schwere Krise, die Deutschland bevorsteht, zu verschlimmern, anstatt zu beheben.

Noch ist es schwer, im Auslande zu beurteilen, in welcher Gesinnung die Monarchie gestürzt und die Waffenstillstandsbedingungen akzeptiert wurden, in welcher Gesinnung man zu den Friedensverhandlungen zu kommen gedenkt. Man sagt, daß der Mangel an politischen Köpfen die neue Volksvertretung gezwungen hat, Männer des alten Systems als Fachminister zu übernehmen. Man sagt, daß die kaiserliche Gesandtschaft in Bern noch immer in Kraft ist, nachdem sie ihre Zustimmung zum neuen Regime »selbstverständlich« erklärt hat. Man vernimmt Hilferufe, mit deren Lancierung frühere Defaitisten betraut sind. Man konstatiert mit Besorgnis, daß sogar bei den Waffenstillstandsbedingungen weitergelogen wird, indem man nachträgliche Erleichterungen der Lebensmittelzufuhr melden läßt, während tatsächlich die erste deutsche Publikation der Bedingungen wohl wissentlich entstellt war, um die Unannehmbarkeit darzutun. Man meldet Verbrüderungen an der Front (Meldung aus Genf, redigiert von dem Dioskurenpaar Max Beer-Schlesinger auf der kaiserlichen Gesandtschaft?), um Hoffnungen auf bolschewistische Proteste in Frankreich zu erwecken und damit die neue Regierung zu Maßnahmen zu verleiten, die das revolutionäre Deutschland sofort wieder kompromittieren sollen.

Wogegen zu sagen ist: Wir sind skeptisch, noch immer, gegen die deutsche Revolution. Es hat nach allen ihren bisherigen Dokumentierungen den Anschein, daß die Schwerindustrie die sozialpolitischen Minderheiten vorschickt, um durch einen Druck auf die Opposition der feindlichen Länder bessere Bedingungen zu erwirken und sich nach Möglichkeit »aus der Affäre« zu ziehen. Es hat noch immer den Anschein, daß die Revolution »erlaubt« ist, nicht mehr von der Monarchie, aber von der Schwerindustrie und der ganzen konservativen und Junkerclique, die bis jetzt weder unschädlich gemacht noch hinlänglich (richterlich) desavouiert sind. Es hat den Anschein, als sei alle Welt in Deutschland sich einig, daß das Volk keine Konsequenzen aus den Sünden des alten Regimes zu ziehen habe, und mit einer kostenlosen Revolution nebst Jammern und Winseln »mildere Bedingungen« zu erreichen gedenke.

Worauf zweitens zu sagen ist: Der Krieg ist nicht um bessere oder schlechtere Geschäfte geführt worden, sondern um die Anerkennung der Gerechtigkeit und der Moral. Der Krieg ist nicht infolge materieller Überlegenheit der Gegner verloren worden, sondern infolge der schandbaren und skrupellosen deutschen Handlungen und Rechtsbrüche, die alle Welt zum Bündnis gegen uns trieben. Die Konsequenz also ist, daß man zunächst sich gegen sich selbst wendet, eindeutig und klar die Kriegsschuld anerkennt. Sühne verspricht und sich unter Entfernung Hindenburgs der Armee versichert zur Durchführung dieser moralischen Prinzipien. Gericht für die Schuldigen, Bezahlung der angerichteten Schäden aus dem Vermögen der Schuldigen, Einziehung der Latifundien, der Junker und der toten Hand, weitgehende staatliche Säkularisierung der Kriegsindustrie und -gewinne. Weitestgehende Besteuerung der Vermögen.

Das Bekenntnis zu diesen Maßnahmen wird das Vertrauen und den Enthusiasmus der Volksmassen finden — und dann auch das Vertrauen der siegreichen Mächte.

Falsch und kompromittierend ist die immoralische Hoffnung, durch Umgehung der feindlichen Regierungsinstanzen die Opposition der feindlichen Länder aufzureizen. Wir Deutsche haben keine Veranlassung, um Erleichterung der Waffenstillstands- und Friedensbedingungen uns zu bemühen, bevor wir uns enthusiastisch auf den Standpunkt der Gerechtigkeit stellen und durch Taten uns restituieren. Nur einem moralischen, wahrhaft freiheitlichen und neuen Deutschland, nicht aber einer auf Umsturz in den feindlichen Ländern bedachten Händlergesellschaft wird man entgegenkommen.

Nicht nur das kaiserliche System, auch der Bolschewismus ist besiegt. Es geht nicht an, die Methoden Ludendorffs weiter zu betreiben. Die Gesandtschaft in Bern muß verschwinden. Sie hat durch ihre Unterstützung der bolschewistischen Propaganda der Schweiz einen Generalstreik verschafft. Dem Bolschewismus bei uns selbst aber widerspricht jede ideelle Voraussetzung und jede Wünschbarkeit. Die Herren, die eine doktrinäre Zerstörung und allgemeine Enteignung planen oder befürchten, irren sich, oder sie lassen sich treiben. Wir können einen neuen Dreißigjährigen Krieg im Lande nicht brauchen. Wir brauchen, wenn die revolutionäre Disziplin unserer eigenen Armee versagt, die Hilfe der freien Völker, um soziale Maßnahmen im großen Stile durchzusetzen, die unerläßlich sind, die aber nicht aus Marxismus und Bolschewismus, sondern aus unserer verzweifelten Situation und unserem Willen zur Befreiung von einer skrupellosen nationalen Kapitalistenverschwörung entspringen.

Und noch eines: Man schickt anationale Israeliten vor, um eine möglichst vorteilhafte Liquidation zu erreichen. Auch das ist falsch. Der Boden einer israelitischen Republik ist das gelobte Land, nicht aber Deutschland. Wir arbeiten mit diesen Herren gerne, soweit sie sich unzweideutig zur moralischen Tat bekennen. Die Legende vom auserwählten Volk ist besiegt. Das alte Testament ist besiegt. Berlin ist nicht mehr Sinai. Wir wollen eine deutsche Nation, eine deutsche Republik, wir wollen eine deutsche Nationalversammlung, die die Geschäftemacher und Opportunisten desavouiert und sich zur Auferstehung einer großen, wahrhaft geläuterten Nation bekennt. So, nur so, gewinnen wir das Vertrauen der Welt zurück.


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