Majestät im Hauptquartier


(26.6.1918)

Hunden Jahre Unrecht

Machen noch keine Stunde recht.

(Alter deutscher Bauernspruch)

 

I

Am Tage seiner dreißigjährigen Regierungsfeier (15. Juni 1918) fühlt Wilhelm II. sich verpflichtet, seinem edlen Volke endlich zu offenbaren, worum es in diesem Kriege sich handelt. Zu Beginn des fünften Kriegsjahres, da man in Wien die Brotration auf eine Oblate reduziert, in Berlin Raubmorde, Diebstähle, Hochstapeleien und Selbstmorde sich zu geselligem Auftreten verbinden, und aus Deutschland und Österreich unter der Militärfuchtel langsam Weiberstaaten sich herausbilden, fühlt Wilhelm II. sich verpflichtet, den traurigen Kriegsüberresten der schwer geprüften deutschen Nation anzuvertrauen, worum es in diesem Kriege sich handelt. »Es handelt sich«, sagt Majestät, »nicht um einen strategischen Feldzug, es handelt sich um den Kampf von zwei Weltanschauungen. Entweder soll die preußisch-deutsch-germanische Weltanschauung, Recht, Freiheit, Ehre und Sitte in Ehre bleiben, oder die angelsächsische, das bedeutet: dem Götzendienst des Geldes verfallen. Das deutsche Volk ist beim Ausbruch des Krieges sich nicht darüber klar gewesen. Ich jedoch wußte es ganz genau.«

Unser Preußenkönig, des Deutschen Volkes kaiserliche Majestät, hätte es lieber genau wissen sollen, daß er mit solchen Reden beim Eintritt in den fünften Jahrgang des hemmungslosen Massenmordes das Erstaunen aller fünf Weltteile auf seine erhabene Gestalt vereinigen werde. Derselbe Preußenkönig, der sich nach seinem eigenen Geständnis sechsundzwanzig Jahre lang mit der Vorbereitung Seines Ihm von Seinem Großvater vererbten Heeres für den Krieg von 1914 beschäftigt hat; derselbe Preußenkönig, der wie kein anderer vorher sich mit Kasernen und Kasematten, mit Truppenübungsplätzen und Flottenstationen umgab: er wagt, von Recht, Freiheit, Ehre und Sitte zu sprechen und für solchen Zynismus das Wort »preußisch-deutsch-germanische Weltanschauung« zu prägen. »Und da danke ich dem Himmel«, fährt er fort, »daß er Eure Exzellenz (Hindenburg) und Sie, mein lieber General (Ludendorff) mir als Berater (in Weltanschauungsfragen?) zur Seite gestellt hat!« Und der dicke, etwas schwerfällige Hindenburg bückt sich, daß die Hosen knacken, und bittet submissest um die Erlaubnis Seiner Majestät »mein und des Feldheers ehrfurchtsvollste Glück- und Segenswünsche aller untertänigst zu Füßen legen zu dürfen.« Tolle Welt!

 

II

»Er kann nicht lügen, ohne daß man es merkt«, sagte Bismarck vom Großvater dessen, dem es gelungen ist, aus seinen Generälen Helden einer Tragi-Komödie zu machen. Bismarck mußte wohl die Familie kennen! Bei Wilhelm I. fühlte er sich »wie im Elternhause«; so toll ist Dero Majestät marxistische Wendung gegen den angelsächsischen Götzendienst, daß sogar »Berliner Tageblatt« und »Frankfurter Zeitung« nicht mehr mittun. Zwei der größten Tageszeitungen der deutschen Finanzwelt lachen auf, da Majestät vom Götzendienst des Geldes spricht, während große Teile des verblendeten Volkes im Börsentaumel das goldene Kalb umtanzen, auf dem der Kriegswucher von Berlin und Wien, von Hamburg, Essen, Leipzig und hundert anderen Städten reitet. Wer aber lachte bei dem Worte von der »preußisch-deutsch-germanischen Weltanschauung«? Majestät in Berlin, deren Dynastie sich mit Eisengerassel auf einer Hilfskonstruktion von Staatsstreichen, Ausnahmegesetzen und Vertragsbrüchen aus dem Mittelalter ins zwanzigste Jahrhundert schwang; Majestät im Hauptquartier, die mit Gas- und Schwefeldämpfen ihre wahre Gestalt verhüllt, versucht, uns vergessen zu machen, wessen wir uns wieder erinnern müssen: daß nämlich Bismarck die erste Kaiserkrönung eines Preußenkönigs eine »Farce« und einen »Kaiserscherz« nannte; vergessen zu machen, daß einer seiner Ahnen, Friedrich Wilhelm IV., die deutsche Kaiserkrone eine »Schandkrone« nannte; vergessen zu machen, daß seine Junker 1848 diese »Kaiserkrone« eine »schmutzige, von Revolutionären überreichte, unten wenigstens rot gefütterte Narrenkappe« nannten. Sie findet den Mut, nach Provokation eines Krieges wie des von 1914 und nach der Verwüstung von Belgien, Luxemburg und Frankreich, von Serbien, Polen, Estland, Livland und Finnland, von Recht, Freiheit, Ehre und Sitte zu sprechen, und diese Begriffe, von denen während der letzten siebzig Jahre preußischer Geschichte keiner nicht mißachtet, verhöhnt und entwürdigt worden ist, für die prusso-germanische Weltanschauung zu requirieren.

 

III

»Er kann nicht lügen, ohne daß man es merkt«, sagte Bismarck damals. Warum aber muß heute die Weltanschauung heran? Warum greift Majestät zuletzt, da nichts anderes verfängt, zur prusso-germanischen Kabinettsreligion und spielt die ahnungslose Sklaverei und Despotie als Weltanschauung aus? Bis Brest-Litowsk verkündete man dem Volk, es handle sich um einen Verteidigungskrieg. Jetzt, nachdem man in Finnland preußische Offizierschulen errichtet, in der Ukraine Getreide raubt und sich bereits die Finger leckt nach Paris, soll der »Sieg der Weltanschauung« die Phrase vom Verteidigungskrieg ablösen, die keine Zugkraft mehr besitzt? Worum handelte es sich 1914? »Ich wußte es ganz genau«. Ja, gewiß, Majestät. Sie wußten wohl ganz genau, worum es sich handelte. Wir wissen es auch. Alle Welt weiß es heute, und auch »Ihre« Armee wird eines Tages dahinterkommen. Es handelte sich wohl um die Frage, ob die prusso-germanische Weltanschauung Ihrer Dynastie und der junkerlichen Ritterschaft, die Ihren Thron stützt und Ihre Armee beherrscht, sich würde behaupten können gegen die wahre angelsächsische Weltanschauung, die der Demokratie: daß nämlich Verträge nicht ungestraft gebrochen werden dürfen? Und einige Jahre vor der Kriegserklärung handelte es sich wohl darum, der unaufhaltsamen inneren Demokratisierung auszuweichen und lieber einen Krieg zu provozieren, als die preußisch-teutschen Vorurteile und Privilegien nebst dem Rost- und Rumpelkammersystem Ihres Junkerstaates zu verabschieden? Handelte es sich wohl darum, dem Volke von der deutsch-jüdischen Presseverschwörung und der Universitätskamarilla den Verteidigungskrieg einreden zu lassen und so überraschend loszuschlagen, daß die Welt nicht zur Besinnung kam, eh' es geschehen war? Wer hätte damals denken können, daß England, wo nach Majestät der Götzendienst des Geldes herrschen soll, die »harmlose« Verletzung der belgischen Neutralität so krumm nehmen würde? Sagen Sie auch hier Majestät: »Ich wußte es genau?« Wer konnte beim Entwurf dieses Planes denken, daß der Krieg sich ein halbes Jahrzehnt hinschleppen würde? Wußten Sie auch das genau? Der Generalstab Ihres Heeres war wohl auf alle Eventualitäten gefaßt? Hindenburg nennt das Eurer Majestät »weiten Blick«. Wir nennen es Eurer Majestät vorbedachte Absicht und Responsebilität.

 

IV

Der »weite Blick« preußischer Könige zeigt eine bemerkenswerte Kurzsichtigkeit, wenn es sich um Fragen der moralischen Verantwortung oder auch nur um reine Wirtschaftsfragen (Fragen außerhalb des Kriegsrayons) handelt. Das weitblickende Auge Seiner Majestät hat am denkwürdigen Tage seines Jubiläums Dankesgrüße nicht nur an Kanzler und Kronprinz, sondern auch an die Stadt Hamburg depeschiert, und zwar verwies es frisch-fröhlicherweise die »freie Hansestadt« Hamburg auf den »deutschen Willen« als auf den letzten Rohstoff, der in Hamburg »nicht ausgehen wird«. Hier wäre es ebenso ersprießlich wie angebracht, einen Abriß der Entwicklung Preußen-Deutschlands und den Nachweis zu liefern, daß nicht nur die Humanität, sondern auch die profane Wirtschaftsexistenz unter preußischen Königen und Kaisern notwendig schlecht aufgehoben sein müssen, auch wenn jahrzehntelang der Schein widerspricht. Den verranntesten Verehrern des Hauses Hohenzollern würde endlich die Erleuchtung dämmern, daß unter einer Soldatendynastie die Humanität gleicherweise wie eine auf Aventüren verzichtende Wirtschaftsentwicklung unmöglich sind. Leider verfügt die Zeitung nicht über den dazu nötigen Raum. Aber soviel möchte ich sagen: einer der Hauptpunkte der politischen Testamente aller Hohenzollern vom großen Kurfürsten bis zu Wilhelm II. war die Verpflichtung, sich »formidabel« zu machen, und formidabel macht man sich nicht durch Frieden, sondern durch Rüstung, durch Losschlagen, nicht durch Versöhnlichkeit, und am meisten formidabel durch das Losschlagen um seiner selbst willen. Die Förderung des Industriekapitals durch Bismarck war nur sein Köder für die Bourgeoisie, sich mit Haut und Haaren dem »Militärschutz« anzuvertrauen. 1870 hatte der Junker Glück. 1914 fliegt der ganze Bettel wieder in die Luft. Sie haben sich formidabel gemacht, die Hohenzollern. Der letzte Hohenzoller hat alle seine Vorfahren darin übertroffen. Das ist seine Bedeutung im Generalstab. Er hat sich formidabel gemacht in einem Maße, daß sein formidables Kaiserreich ein neues Reich der Mystik heraufbeschwört; ein Reich kämpfenden Christentums, eine Ecclesia militans gegen sein infernalisches Gewaltsystem; einen Aufruhr der Welt gegen Den, der da wagt, vor Leichenhaufen so formidabel zu sprechen. Und das sind die beiden »Weltanschauungen«, die heute gegeneinander kämpfen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die alten Prinzipien von 1789, geläutert in einem neuen Demokratiebegriff, gegen den prusso-germanischen Luziferkult. Güte, Mitleid und tragischer Heroismus gegen die versteckte Heuchelei einer der verschlagensten Kasten, die die Weltgeschichte erlebte, aber auch überstehen wird, trotz jener uniformierten Dreifaltigkeit im Hauptquartier.


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