Propaganda hier und dort


(31.8.1918)

 

1

Um zu militärischen Mitteln und Erfolgen zu gelangen, muß eine Regierung ihrem Volke die Gründe und Absichten ihres Willens verdeutlichen. Nur ein Volk, das vom moralischen Recht seines Kampfes überzeugt ist, wird auf die Dauer die nötigen Opfer bringen. Wo aber die unerläßlichen moralischen Voraussetzungen fehlen, ist eine Regierung, die das Wagnis eines Krieges unternimmt, gezwungen, eine moralische Grundlage in großem Maßstabe zu erfinden, ohne selbst vor den zynischsten Folgerungen zurückzuschrecken.

Studiert man die Vorgeschichte des Krieges, so kann man nicht verkennen, daß in Deutschland, wo man den Krieg großzügig plante und vorbereitete, nichts unterlassen blieb, auch die öffentliche Meinung zu bearbeiten und vorzubereiten. Und ohne Übertreibung kann man sagen, daß das Gegenteil etwa bei der englischen Regierung der Fall war.

Die englische Regierung war entschieden pazifistisch und verpönte jeden Teil ihres Volkes, der darauf bestand, sie vor der drohenden Gefahr zu warnen. Die Regierung ging so weit, den alten Lord Roberts, der für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht eintrat, in Parlament und Presse verhöhnen zu lassen; ja sie verbot sogar das Hissen der Nationalflagge in den Volksschulen am Empire day, um jedem Aufkommen eines schädlichen militärischen Geistes im Volke vorzubeugen. Hinter ihrer Auffassung stand der, wie man heute sagen könnte bolschewistische Glauben, eine Kriegsgefahr könne durch Ignorierung gebannt werden. Eine politische Christian science herrschte in England, und die Ereignisse von 1914 haben erwiesen, daß solche politische Christian science sich rächt. In allen Kreisen Englands, am meisten aber in den pazifistischen, war nicht nur der Kriegsgedanke, sondern sogar die prophylaktische Aufklärung der öffentlichen Meinung über die Kriegsgefahr von der liberalen Presse als kriegshetzerisch denunziert. Von jener Art methodisch durchdachter und großzügig organisierter Kriegspropaganda, wie sie in Deutschland betrieben wurde, konnte nicht die Rede sein. Noch heute gilt dem Durchschnitts-Engländer selbst eine berechtigte Propaganda, die Aufklärung über Wahrheiten und Tatsachen aufgrund wissenschaftlicher Feststellungen und im Interesse der Moral verbreitet, als unfair. Sein Individualismus sträubt sich gegen die Zumutung, sich einem über ihn verhängten, von einer Staatsautorität betriebenen Kollektivglauben, wie die deutsche Propaganda ihn darstellt, unterzuordnen.

Im Gegensatz zu diesem politischen Freisinn in England hat sich in Deutschland der kirchliche Propagandabegriff des Mittelalters in eine Staatsdoktrin der Neuzeit verwandelt, und der militärische Absolutismus brachte eine moralische Entmündigung mit sich, die an die finstersten Zeiten des Mittelalters gemahnt. Im Mittelalter war die Politik Mittel der geistlichen Macht. Im heutigen Deutschland ist die Religion zum Mittel der politischen Gewalt herabgesunken. Protestanten gegen dieses System sind ebensosehr der Verfolgung ausgesetzt, wie im Mittelalter die Ketzer. Die Tyrannei der Militärgewalt duldet keine Proteste mehr. Daher die für jeden freien Staatsbürger und freien Menschen empörende Tatsache skrupelloser Unterordnung von Moral und Religion unter die Staatsgewalt.

 

2

Im Laufe des Krieges ist soviel Fragwürdiges mit dem Begriff Propaganda verbunden worden, daß es notwendig ist, die vielfach verworrenen Begriffe durch eine klare Definition zu läutern. Das Wort selbst stammt aus der altkirchlichen Institution »Collegium de propaganda fide« und wurde als Gerundium in den Sprachgebrauch übernommen. Der Verbreitung des Glaubens diente dieses Collegium und dem Worte der Heiligen Schrift. Heute ist es nicht mehr die Kirche, sondern der Staat, der es für wichtig hält, Prinzipien durch eine organisierte Verbreitung zur Geltung zu bringen. Und nicht Gottes und der Völker, sondern abkommandierter Skribenten Stimme ist es, die den Begriff der Propaganda in Verruf gebracht. hat. Moral oder Unmoral der Propaganda hängen von den moralischen oder unmoralischen Absichten des Staates ab.

Erst dieser Krieg hat bewiesen und wird es immer mehr beweisen, wie leicht es für eine Autokratie und den Absolutismus ist, die Propaganda im schändlichen Sinne zu handhaben. In einer Demokratie, wo die Staatsform einen Ausgleich darstellt zwischen einer Anzahl Parteien und Meinungen, die gleicherweise das Recht haben, sich zu äußern, ist es der Regierung unmöglich, dem Recht und der Ehre widersprechende Richtlinien auszugeben, ohne daß das Volk sein moralisches Gegengewicht zur Geltung bringt; unmöglich, das ganze Volk mit verbrecherischer Absicht zu leiten. Denn Voraussetzung wäre, daß ganze Völker in bewußt verbrecherischer Absicht handeln können. Niemals in der Geschichte war das der Fall. Es ist ein unergründliches Gesetz der Menschheit, ein Gesetz, das die Grundlage aller Demokratie bildet: Daß das Verbrechen verworfen wird in dem Augenblick, da das Volk es als System erkennt.

Gerade die lebhafte Erkenntnis dieser Tatsache ist es, die dem heutigen deutschen Regime seine planmäßige Verheimlichung der Kriegsschuld und die dämonisch entschlossene Irreleitung vorschreibt. Ganz klar sah die Reichsleitung von Anfang an ein, daß sie vor der Alternative stand: entweder alles zu gewinnen, um, im Rausche des materiellen Erfolges vergöttert, über die Schuldfrage hinwegzukommen, oder, nach einer Niederlage in ihrem Betruge durchschaut, unterzugehen. Deshalb von Anfang an die Behauptung, Deutschland führe einen Verteidigungskrieg. An einen Mittelweg kann und konnte diese Regierung nicht denken. Deshalb auch ist ein Verständigungsfrieden nicht möglich. Er würde gewisse Freiheiten bringen, die für das alte System verhängnisvoll wären. Wenn die hermetisch verschlossenen Landesgrenzen wieder geöffnet, der Belagerungszustand mit all seinen Unfreiheiten aufgehoben wären; wenn die Zensur und die Bedrohung mit Schutzhaft wegfielen: die brutal und mit allen Mitteln unterdrückte Wahrheit würde sich elementar einen Weg zum Lichte schaffen. Kein Friede ist möglich, der nicht einen vollständigen Sieg der Moral oder Unmoral mit sich bringt.

So bitter diese Erkenntnis ist, so muß man sie doch entschlossen ins Auge fassen. Niemand weiß besser als die deutsche Regierung, wie illusorisch die pazifistischen Hoffnungen auf einen Verständigungsfrieden sind. Niemand ist entschlossener, alle solche pazifistischen Pläne zu vereiteln. Es liegt in ihrem zynischen System begründet, diese große Sehnsucht der Menschheit als defaitistische Kriegswaffe zu benützen, indem sie die pazifistischen Organisationen in ihrem Interesse ausspielt.

Die deutsche Regierung wird den erwählten Weg zu Ende gehen müssen. Die Ereignisse treiben sie ohne Erbarmen und schreiben ihr mehr wie je ihre Handlungen vor. In diesem Fatum liegt die Erklärung für das verzweifelte Bemühen des deutschen Propagandasystems, nicht nur das eigene Volk, sondern auch das Ausland weiter zu täuschen, nachdem es mit Trug begonnen hat. Nie in der Weltgeschichte ist eine so böswillige Unwahrheitspropaganda für denkbar gehalten worden.


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