Die neue Zeit


(1.1.1919)

 

So heißt der Titel einer Broschüre, die soeben aus München (Verlag Georg Müller) eintrifft. Sie enthält die Reden Kurt Eisners, Ministerpräsidenten des bayerischen Volksstaates, vom Ausbruch der Revolution, 8. November, bis zur Versammlung der bayrischen Soldatenräte am 30. November, und ist das erste authentische Programm einer größeren Gruppe Sozialisten und Demokraten, die die provisorische Regierung einer deutschen Provinz übernommen haben.

Ein sehr sympathisches Programm, um es gleich vorweg zu sagen, voller Vertrauen und Güte zur breiten Masse des Volkes, voll eines lebhaften und arbeitsfreudigen Optimismus, stolz auf jede, wenn auch kleine, so doch positive Leistung; ein wenig tolstoianisch in seiner Nachsicht gefährlichen Intrigen gegenüber, doch stellenweise auch recht aggressiv und energisch, wenn es Rechte zu wahren gilt. Was besagen denn alle Bedenken gegen die eine Tatsache, daß hier ein Idealist, endlich ein Idealist und Volksfreund am Werke ist! Er soll auf der Hut sein und sich von den schwarzen und goldenen Hyänen nicht übertölpeln lassen, dann ist er vielleicht der Mann, dessen gutes und liebendes Herz die deutsche Nation zu retten vermag.

Ist es nicht ein wahres Evangelium, daß einer sich gefunden hat, der in der Stunde der Not die Dogmen beiseite läßt und sich an die Tatsachen halten will? Wo nichts zu sozialisieren da ist, da hört der Marxismus von selbst auf. Diese so einfache Wahrheit ist keineswegs Allgemeingut, und man braucht nur nach Berlin zu sehen, um keinen Augenblick darüber im Zweifel zu sein, daß man, wie Eisner sagt, in Berlin zwar radikaler redet, in München aber radikaler handelt. Eisner kennt keine Angst vor dem Bolschewismus. In Süddeutschland liegen ja wohl die Verhältnisse auch anders als in Berlin, dem eigentlichen Herde der Intelligenz. »Meine Herren«, sagt Eisner, »Bolschewismus! Ich will Ihnen sagen, worin der Gegensatz der äußersten Linken mit mir besteht. Wenn einmal die Not groß ist, und wenn Hunger ist, und Arbeitslosigkeit, dann nimmt sich eben jeder seinen Unterhalt, wo er glaubt, ihn zu finden. Der Verhungernde plündert die Bäckerläden. Das ist aber kein Bolschewismus, weder theoretisch, noch praktisch, das ist die Verzweiflung vor dem Untergang. Der theoretische Unterschied zwischen mir und den Bolschewisten besteht darin, daß ich mir gar kein Hehl daraus mache, daß es mir utopisch erscheint, wenn wir im gegenwärtigen Augenblick des Zusammenbruchs die Produktion, die Industrie und die Produktionsmittel zu vergesellschaften anfangen. Das ist kein Abtrünnigwerden vom Sozialismus, sondern nüchterne, ruhige Praxis.« Eisner sieht die Sache anders. Er fühlt einen neuen Enthusiasmus des Schaffens rings im Lande, als ob die Millionen nur darauf gewartet hätten, um, befreit vom Druck, nun mitzuhelfen. »Wir sind Sozialisten, d. h. wir wollen die Hemmungen der wirtschaftlichen Ordnung beseitigen, die auf die Massen wie auf die einzelnen drücken, und erreichen, daß jeder Mensch, der geboren ist, sein Leben entfalten kann, um in verbürgter Sicherheit des Daseins die kärglichen Jahre irdischen Lebens, erfüllt von Idealen, beglückt von Arbeit, zu erschöpfen. Wir rufen über unser Land hinaus zu den Völkern, die gestern noch unsere Feinde waren: Wir bekennen unsere Schuld! Und bahnen damit den Weg zu innerer Verständigung und Versöhnung. Alle, die reinen Herzens, klaren Geistes und festen Willens sind, sind berufen, am neuen Werke mitzuarbeiten.« Er hofft, ohne Gewalt und Katastrophen auszukommen und eine neue Form der Demokratie zu entwickeln. »Wir wollen die ständige Mitarbeit aller Schaffenden in Stadt und Land.« Die Korporationen sollen sich parlamentarisieren und Abgeordnete schicken. Die Regierung arbeitet in engstem Zusammenhang mit den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten. Eisner ist sich bewußt, in seiner Person die besten und menschlichsten Interessen dieser Räte zu verkörpern, und darauf beruht seine Autorität, die Ausgangspunkt eines neuen Glaubens in Deutschland werden kann. Eisners Überzeugung ist: daß nur in vollkommener Freiheit die neue Freiheit reift. Er läßt die fauchende Presse und den nicht allzu stürmischen »Bolschewismus« gleicherweise gewähren, und seine revolutionäre Initiative bürgt dafür, daß sie ihm nicht über den Kopf wachsen werden. In der selbstlosen Hingabe und Aufrichtigkeit liegt seine Kraft. Wenn man ihn nicht mehr haben will, wird er »stillvergnügt« beiseite gehen. Vorerst aber will man ihn haben, und das ist ein guter Instinkt seiner Räte, denn das Herz macht die Politik, nicht jene Presse-Intriganten, die den Eindruck zu erwecken suchen, »als ob in Bayern das Chaos herrsche, als ob niemand in Bayern Vertrauen genieße, als ob hinter keiner Regierung die Macht und der Wille des Volkes steht«. (Rede vor den bayerischen Soldatenräten, 30. November.)

Unter solchen Umständen muß es Eisner im Grunde gleichgültig sein, ob die Nationalversammlung früher oder später stattfindet. Denn wer kann ihn zwingen, sich zentralisieren zu lassen? Sein Prinzip ist hilfreich und gut. Die Gelehrten und Professoren haben lange und allzu lange mit ihrer Herrschaft das Volk verdorben. Sie sollen den Massen jetzt Freiheit lassen, sie sollen »ins Volk gehen«, das lange genug unter einer volksfeindlichen, abstrakten und isolierten Gelehrtenkaste gelitten hat. Eisner ist für die Nationalversammlung »nach Erledigung der notwendigen Vorarbeiten«, und mit Recht. Denn die notwendigen Vorarbeiten, die er meint, sind das Notwendigste überhaupt, was geschehen muß. Aufklärung, Erörterung, Sicherung der prinzipiellen Errungenschaften, bis das gesamte Volk von den Tatsachen unterrichtet ist und sie in tüchtiger, klarer, unzweideutiger Weise begriffen hat. Schade, daß es nicht sechsundzwanzig solche Eisner gibt, für jeden der sechsundzwanzig Bundesstaaten einen. Dann wäre es eine Lust, zur Nationalversammlung zu gehen.

Eisner wird fordern, daß die Masse vom neuen Parlament nicht ausgeschaltet werde. Das ist gut und vernünftig, denn gerade die Masse ist verwahrlost worden, und sie, die Masse des Volkes, bewahrt heute allein noch die Möglichkeit einer Moral, die Vernunft der Nation, wenn sich Männer finden, die dieses Bewußtsein zu wecken wissen. Eisner versucht es und sieht, wie die Einsicht der Räte sich täglich entwickelt. Man darf nicht vergessen, daß so zu den Leuten noch niemand in Deutschland gesprochen hat. Nur die bankerotten Politiker haben es eilig mit der Konstituante, nur die Berliner Konfusion und die weite Bourgeoisie, die da glaubt, daß die Konfusion der Nationalversammlung über die Konfusion der Provinzen hinweghelfen kann, wenn man mit unklaren Köpfen nach Kassel oder nach Erfurt fährt. Eisner rechnet ganz richtig: Würden die Massen in Berlin erwachen — sie sind entkräftet und unterernährt, außerstande, zu handeln —, so ließe sich rasch eine Verständigung über ganz Deutschland im Eisnerschen Sinne erzielen. Aber die in Berlin machen Weltrevolution und haben nicht einmal die Kraft, das Auswärtige Amt auszuräuchern, bekämpfen den Weltkapitalismus und brauchen doch auswärtige Kredite, wenn sie nicht verhungern wollen.

Nun gehört ja gewiß das Kultusministerium nicht, wie Herr Eisner meint, in die Hände eines Herrn David, auch nicht in die Hände des Herrn Hänisch, überhaupt nicht in die Hände einer religionsfeindlichen Partei. Im ganzen aber stimmt es schon: ausräuchern soll man sie, und Eisner hofft, das wird auch geschehen, wenn erst aus dem neutralen Ausland in Hunderttausenden von Exemplaren die Schuldliteratur Eingang gefunden hat. Er läßt zunächst in Bayern das Schulwesen und die Finanz reformieren, er bringt den Leuten freiere Begriffe von Diplomatie und Staatsämtern bei, und er macht ihnen auch plausibel, daß man sich schließlich vor allem mit denen vertragen muß, von denen man nun einmal Lebensmittel erwartet. So soll zu seinem Lobe anerkannt werden, daß er als erster nicht nur den richtigen Weg geht, sondern als erster auch offen Versöhnung lehrt. »Sie mögen über die Entente denken, was Sie wollen. Sie mögen sie für mitschuldig halten, genau so wie ich sie für nicht schuldig halte, nicht einmal für mitschuldig. Wie gesagt, Sie mögen denken wie Sie wollen, jedenfalls müssen Sie zugeben, ohne die Entente können wir jetzt nicht weiterleben.« (Rede vor den bayerischen Soldatenräten am 30. November). Das ist akkurat die Meinung der »Freien Zeitung« seit bald zwei Jahren, und das sollte nach den Erfahrungen dieses Krieges endlich die Meinung jedes vernünftigen Menschen sein.

Eisner war Journalist, ehe die Revolution ihn emportrug. Der Presse gilt seine tiefste Verachtung, jener Presse, die noch heute die Einsicht bekämpft, auf Kosten des Volkes. Hier einige Sätze: »Meine Herren, man kann nicht über Nacht den politischen Sinn des Volkes aus dem Nichts hervorrufen, und so sehen wir denn heute, daß die bürgerliche verbrecherische Presse die Schuld hat an dem Kriege und der Verlängerung des Krieges, und daß auch heute noch in demselben Geiste der Verhetzung und des Verderbens gearbeitet wird.« »Die Presse kann in einer gewissen Hinsicht froh sein, daß ich durch die gegenwärtige aufreibende Tätigkeit verhindert bin, das große Buch fertig zu stellen über die Schandtaten der Presse, das ich im Gefängnis zur Vollendung bringen wollte, aber nicht konnte, weil man mich vorzeitig entlassen hat.« »Dieser Preßalkoholismus, der benebelt nur die Leute, die unglücklichen Menschen, die diese Presse lesen.« »Ein Teil der Presse wird jetzt zweifellos in Attel redigiert, dem schönen Ort am Inn, wo sich die größte Kretinenanstalt von Bayern befindet.« »Wenn drei gestürzte Abgeordnete durchaus wieder ein Mandat haben wollen, dann schreien sie wie dreitausend und das ist der Schrei nach der Nationalversammlung.« usw.

Alles in allem, aus diesen Reden spricht ehrliche sorgende Liebe zum Volk und zur Zukunft. Eisner ist sich bewußt, das demokratische Prinzip der Welt zu vertreten. Für die Nation erstrebt er die Kraftentfaltung der Glieder, nicht Lostrennung, für die Bundesstaaten weitgehende Autonomie. Er versteht es, der revolutionären Initiative der Führer das Primat zu wahren vor der Renommisterei des Soldatentums, und er bekämpft mit Erfolg die Zersplitterung in Parteien, das Erbübel der Deutschen. Das alles sind gute Dinge. Wir empfehlen das Buch unseren Freunden im Ausland, und auch unseren »Feinden«, die wir nach Jesus von Bethlehem lieben sollen, nicht fürchten.


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