Aufgabe für einen deutschen Philologen


Zur Reformationsfeier

(26.9.1917)

 

Aufgabe für einen jungen Philologen wäre es, zur 4. Jahrhundertfeier der Reformation eine in lesbarem Deutsch geschriebene, vollständige und genaue Biographie Thomas Münzers herzustellen. Vor mir hängt ein kleiner Kupfer aus dem 16. Jahrhundert:

 

Thomas Munzer

Stolbergensis Pastor Alsted

Archifanaticus Patronus et Capitaneus

Seditiosorum Rusticorum

Decollatus Anno 1525

 

Wenige wissen, wie verdienstlich sich dieser Mann, von dem die konsistorialrätliche deutsche Reichsgeschichtsschreibung wenig zu berichten weiß, um die Freiheit bemühte. Als es sich anfangs des 16. Jahrhunderts darum handelte, ob Europa im Katholizismus eine einheitliche christliche Form behalten solle, deren Inhalt von den Päpsten nahezu völlig verweltlicht, versachlicht, humanisiert worden war, gab es zwei verschiedene Auffassungen. Thomas Münzer war der Ansicht, man müsse die Fürsten samt der Hierarchie (also Staat und Kirche zugleich) abschaffen. Martin Luther glaubte, kirchliche Reformen (also heute staatliche) genügten, und mit Hilfe der Fürsten könne man die Freiheit eines Christenmenschen sehr wohl garantieren und gegen die Hierarchie behaupten. Es ist klar, wer radikaler gedacht hat, und es ist nicht erst heute, sondern war schon im 16. Jahrhundert evident, daß die Freiheit von Christenmenschen bei Fürsten schlecht aufgehoben ist. Luther war es, der Deutschland durch seine auf Innerlichkeit, Weltabgeschiedenheit und Abstraktion gestellte Reform jäh isolierte. Luther war es, der den Pakt des Gewissens mit den Fürsten einging und sich gemeinsam mit ihnen gegen die halbverhungerten Bauern-Proletarier wandte. Er verhinderte dadurch die deutsche Bauern- und Volksrevolution. Er zerschnitt damit den Lebensnerv der deutschen Universalität. Er wurde der erste Begründer des heutigen deutschen Reiches, des Gottesgnadentums, der Selbstversenkung und Selbstüberhebung, Begründer der Staatsreligion, auf der die heutige Dynastie ruht (man unterschätze sie nicht!), Begründer sogar noch des Herrn Dr. Michaelis, der so sehr fromm ist, daß er den »Marne«-Rückzug unlängst komischerweise als ganz besondere Fügung des höchsten Herrn zur Einkehr anempfahl. Die aufständischen Bauern aber, skorbutmäulige, ausgehungerte, ausgesogene Kreaturen, die sich gar nicht so sehr gegen die Ablässe, als gegen die ganze Kutten- und Junkerwirtschaft zugleich wandten, führte Thomas Münzer. Man weiß, daß er »spurlos versenkt« wurde durch eine Intrige Luthers (man weiß, daß die Deutschen stets durch Intrige, nicht durch Diskussion zu beseitigen belieben, weiß es von Luther an über Marx bis zu Luxemburg); man weiß, daß Thomas Münzer seinen Streit gegen das »geistlose Fleisch von Wittenberg«, wie er Luther nannte, so prinzipiell führte, wie nur etwa Bakunin seinen Kampf gegen das geistlose Fleisch der Staatssozialisten; man weiß, daß hier ein Fall theologischer Staatsraison von wichtigster historischer Bedeutung vorliegt. Sollten das nicht Gründe genug für einen jungen, sozialistisch geschulten Philologen sein, die Akten auszugraben und endlich dem Manne ein Denkmal zu setzen, der wie kein zweiter Deutscher die Religion in der Freiheit (nicht in der gottgewollten Abhängigkeit), im Aufstand (nicht im Augenaufschlag) und in der Begeisterung (statt in der Gnade) sah. Die Resultate eines solchen Münzer-Buches würden zeigen, woher die religiös gestimmte Verlogenheit und Korruption des gegenwärtigen offiziellen Deutschland stammt. Und dies Buch gegen Luther, das wichtiger werden könnte als heute Resolutionen einer Reichstagsmehrheit, würde vielleicht einen Anfang des Beweises liefern, daß eine radikale Lösung der politischen Frage nicht möglich ist, ohne die Lösung der religiösen.


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