Wörter-Ökonomie


[B 142] Er wußte wenigstens 10000 Wörter im Deutschen und konnte sie alle, insofern es anging, deklinieren und konjugieren, aber wenigstens 8000 davon hatten sich in seinem Gehirn so von den eigentlichen Begriffen, die sie bezeichnen sollten, weggeschoben, dass sie öfters auf ganz andere zu liegen kamen oder dass sie doch über die Hälfte drüber oder drunter weg lagen, daher kamen die sonderbaren Vorstellungen von den Wissenschaften, wovon er doch täglich die Bücher unter Händen hatte. Manche Wörter waren bei ihm von einem abscheulichen Umfang, dass sie nicht allein zwei drei Geschlechter, sondern jede Gattung und jedes Individuum besonders bezeichneten, so werden wir eine besondere Bedeutung von dem Wort belles lettres bei ihm finden. Das Wort Beruf druckte bei ihm die Begriffe Hang Neigung und Leidenschaft aus. Kurz in einem Kopf, wo die Wörter nicht recht liegen, da ist eine ganz andere Denkungs-Art, ein anderes Jus naturae, andere Belleslettres, die ganze Haushaltung muß sich ändern, man wird Fremdling in seinem eigenen Vaterland und in der Welt. Also wollte ich allen jungen Leuten raten, alle neue Wörter fein zu ordnen und so wie die Mineralien in ihre Klassen zu bringen, damit man sie finden kann, wenn man darnach fragt oder sie selbst gebrauchen will. Dieses heißt Wörter-Ökonomie, und ist dem Verstand eben so einträglich, als die Geld-Ökonomie dem Beutel.

 


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