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Abteilung V.
 
Skeptische Lösung dieser Zweifel.
Abschnitt II.

 

    Es ist bereits erwähnt, dass die Natur einzelne Vorstellungen verknüpft hat, und dass, wenn die eine in das Denken eintritt, sie sofort die ihr zugehörige mit einführt und ihr unsere Aufmerksamkeit durch eine leise und unfühlbare Bewegung zuwendet. Die Regeln für diese Verknüpfungen oder Vergesellschaftungen haben wir auf drei zurückgeführt, nämlich: Ähnlichkeit, Berührung und Ursachlichkeit. Sie sind die einzigen Bande, welche unsere Vorstellungen vereinigen und jenen regelmäßigen Lauf des Denkens oder Sprechens erzeugen, welcher mehr oder weniger unter allen Menschen stattfindet. Hier erhebt sich nun eine Frage, von deren Lösung die vorliegende Schwierigkeit abhängt. Geschieht es bei all diesen Verbindungsformen, dass, wenn ein Gegenstand den Sinnen oder Gedächtnis zugeführt wird, die Seele nicht bloß die andere zugehörige sich vorstellt, sondern dies auch in einer stärkern und festern Weise tut, als sie es sonst vermocht hätte? Dies scheint mit dem Glauben, welcher aus der Beziehung von Ursache und Wirkung entspringt, der Fall zu sein. Ist dies nun auch mit den beiden andern Verbindungsformen der Fall, so muss es als ein allgemeines Gesetz für alle Tätigkeiten der Seele gelten.

     Als erster Versuch kann für unsern Zweck der Fall dienen, dass bei dem Anblick des Bildes eines abwesenden Freundes unsere Vorstellung von ihm durch die Ähnlichkeit offenbar lebhafter wird, und dass jedes von dieser Vorstellung wachgerufene Gefühl, sei es Freude, sei es Sorge, dadurch neue Kraft und Stärke erhält. Bei der Hervorbringung dieses Erfolges wirken sowohl die Beziehung, wie der gegenwärtige Eindruck.

     Wäre das Bild nicht ähnlich oder nicht von ihm abgenommen, so würde es nie unsere Gedanken zu ihm hinleiten; und wäre es ebenso abwesend, wie die Person, so würde die Seele, wenn sie auch an das eine oder andere dachte, ihre Vorstellungen durch diesen Wechsel eher geschwächt als gestärkt fühlen. Wir sehen gern das gegenwärtige Bild eines Freundes; ist es aber nicht da, so denken wir lieber geradezu an ihn als vermittelst eines Bildes, was ebenso fern und dunkel ist.

     Auch die Gebräuche der katholischen Religion können als hierhergehörende Beispiele gelten. Die Anhänger dieser Religion führen gewöhnlich zur Verteidigung der Zeremonien, die man an ihr tadelt, an, dass sie die guten Wirkungen dieser äußeren Bewegungen, Stellungen und Handlungen fühlen; dass ihre Andacht dadurch tiefer und ihr Eifer stärker werde; während diese sinken würden, wenn sie bloß auf entfernte und unsichtbare Gegenstände gerichtet würden. Wir machen, sagen sie, einen Schattenriss von diesen Glaubensgegenständen, wir machen wahrnehmbare Formen und Bilder und vergegenwärtigen durch diese Formen jene uns mehr, als wir durch rein geistige Beschauung und Betrachtung vermögen. Sichtbare Dinge haben immer eine größere Wirkung auf das Vorstellen als andere; dieser Einfluss geht schnell auf die Vorstellungen, auf die sie sich beziehen, und denen sie gleichen, über.

     Ich will an diesen Gebräuchen und ihrer Rechtfertigung nur darlegen, dass die Wirksamkeit der Ähnlichkeit auf die Verstärkung der Vorstellungen sehr häufig ist. Da in jedem Falle eine Ähnlichkeit und ein gegenwärtiger Eindruck zusammentreffen müssen, so hat man für den Beweis der aufgestellten Regel Beispiele die Menge.

     Die Stärke dieser Gründe kann durch verschiedene andere erhöht werden, wenn man die Wirksamkeit der Berührung in Betracht zieht. Die Entfernung mindert offenbar die Stärke jeder Vorstellung; nähern wir uns dem Gegenstande, so wirkt er, obgleich, er sich den Sinnen noch nicht darstellt, schon einen Einfluss auf die Seele, welcher einem unmittelbaren Eindruck ähnelt. Die Vorstellung irgend eines Gegenstandes führt die Seele sofort zu dem ihm Angrenzenden; aber nur die wirkliche Gegenwart eines Gegenstandes tut dies mit größerer Lebhaftigkeit. Wenn ich nur wenige Meilen von meinem Hause entfernt bin, so ergreift mich alles darauf Bezügliche mehr, als wenn ich zweihundert Meilen davon entfernt bin; wenngleich selbst bei dieser Entfernung die Vorstellung jener Äußerlichkeiten die Vorstellung meiner Freunde oder Familie wach ruft. Im letzten Falle sind beide Gegenstände nur Vorstellungen, und obgleich der Übergang von der einen zur andern leicht geschieht, kann er doch der einen dieser Vorstellungen keine größere Lebendigkeit geben, weil der unmittelbare Eindruck fehlt.3 Die Ursachlichkeit hat ohne Zweifel denselben Einfluss wie die beiden andern Beziehungen der Ähnlichkeit und Berührung. Abergläubische Leute halten auf Reliquien von Heiligen und frommen Männern aus demselben Grunde, weshalb sie nach ihren Gestalten und Bildern verlangen; sie wollen ihre Andacht steigern und den Gedanken an deren exemplarisches Leben, was sie nachahmen wollen, tiefer und kräftiger machen. Offenbar ist eine der besten Reliquien, welche ein Andächtiger sich verschaffen kann, die Handarbeit eines Heiligen; wenn seine Kleider und Geräte ebenso geschätzt werden, so geschieht es, weil sie einst zu seiner Verfügung standen und von ihm getragen und gebraucht wurden. Sie gelten als eine unvollständige Wirkung und erscheinen durch eine kürzere Kette von Folgen mit ihm verbunden, als alles Andere, woraus man die Wirklichkeit seiner Existenz abnehmen könnte.

 

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3 Cicero sagt in seinem Werke »Von den Zwecken,« Buch V.: Ist es Anlage der Natur oder Folge einer Täuschung, dass wir bei dem Anblick der Orte, wo berühmte Männer viel verkehrt haben, lebhafter erregt werden, als wenn wir nur von ihren Taten hören oder in ihren Schriften lesen? So werde ich jetzt erschüttert. Denn ich dachte an Plato, der hier zuerst gelehrt haben soll; sein anstoßender Garten weckt nicht bloß die Erinnerung an ihn, sondern stellt ihn mir gleichsam vor Augen. Hier wandelte Speusippus, hier Xenokrates, hier sein Zuhörer Polemo, dessen Sessel wir sehen. So pflegte ich auch bei dem Anblick unseres Rathauses (ich meine das Hostilische und nicht das Neue, was zwar grösser, aber mir nur kleiner scheint) an Scipio, Cato und Laelius, aber vorzüglich an unsern Grossvater zu denken. So stark ist die erweckende Kraft, die an Orten haftet, dass man mit Recht die Lehre vom Gedächtniss davon abgeleitet hat.

 


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