5. Ethisches


In ausgedehnterem Maße als die Naturphilosophen vor ihm hat sich Demokrit mit ethischen Fragen beschäftigt; nicht weniger als 230 Fragmente, die meisten freilich nur kurze Sittensprüche, werden ihm zugeschrieben, und nur ganz wenige davon scheinen unecht. Wenn auch die Ethik sich bei ihm von der theoretischen Philosophie noch nicht losgelöst hat, geht doch durch sie, so scheint uns im Gegensatz zu Zeller und anderen, ein gleichmäßiger Zug, der ebensowenig wie seine Erkenntnislehre rein sensualistischen oder materialistischen Charakter trägt. Demokrit geht zwar von Lust und Unlust als dem nächstgegebenen Regulator aus, aber als Endziel (telos) gilt ihm nicht die sinnliche Lust (hêdonê), sondern die Wohlgemutheit (euthymia), die Wohlbestelltheit (euestô), die Unerschütterlichkeit (ataraxia). Neben der psychophysischen Grundlage tritt ebenso scharf und deutlich, wie in seiner Naturphilosophie, ein rationaler Zug hervor. Er bleibt nicht bei der Unbestimmbarkeit der Triebe stehen, sondern erhebt sich zu dem Gedanken eines gemeinsamen Guten und Wahren für alle Menschen, das ausdrücklich vom Angenehmen unterschieden wird. Die Lust soll sich nicht auf Sterbliches richten, die sinnlichen Triebe sich beugen unter die Herrschaft von Norm und Gesetz, wie das sturmbewegte Meer zur Windstille besänftigt wird. Das Sittliche liegt in der Gesinnung, sein Kriterium ist die Einsicht (phronêsis). Aus solcher hohen und edlen Denkart fließen seine ethischen Reflexionen, die sich nach ihrer prinzipiellen Seite auf die in der Seele ruhende Einsicht, das Verhältnis von Seele und Körper, die Moral der Gesinnung, die Mäßigung der Leidenschaften und Begierden, die Herrschaft der Vernunft beziehen, um sodann auf alle Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens, Reichtum und Armut, Wort und Tat, Bildung und Erziehung, Alter und Geschlecht, Freundschaft, Ehe und Gesellschaft Anwendung zu finden. Wir können es uns nicht versagen, aus der Fülle edler Gedanken wenigstens eine Auswahl charakteristischer Proben hierher zu setzen.

Glückseligkeit und Elend liegen in der Seele (9). Gut ist nicht das Nicht-Unrechttun, sondern das nicht einmal Unrecht- Wollen (38). Auch, wenn du allein bist, sage und tue nichts Niedriges; lerne vielmehr dich weit mehr als vor den anderen vor dir selbst zu schämen (42). Wer Unrecht tut, ist unseliger als wer Unrecht leidet (48). Mannhaft ist nicht nur, wer die Feinde bezwingt, sondern auch, wer seiner Lüste Herr wird (63). Wanderschaft lehrt Genügsamkeit der Lebensweise; denn trocken Brot und Strohsack sind die süßeste Arznei für Hunger und Ermüdung (66). Den herrenlosen Schmerz der im Krampf erstarrten Seele banne durch Vernunft (89). Dem freien Mann ist Freimut eigen, schwierig aber ist die Wahl des richtigen Augenblicks (111). Mannesmut macht das Unheil gering (127). Den frischen Tag beginne mit frischen Gedanken (129). Eine gute Staatsleitung soll man für das Wichtigste von allem halten (134). Dem Weisen steht jedes Land offen, denn die Heimat einer edlen Seele ist die ganze Welt (168). Die Bildung ist für Glückliche eine Zierde, für Unglückliche eine Zufluchtsstätte (183). Auf hohen Verstand, nicht hohe Gelehrsamkeit soll man es absehen (191). Die Freundschaft eines Verständigen ist mehr wert, als die aller Toren (211). Hochsinnig ist es, die Fehler anderer mit Sanftmut zu ertragen (218). Wohltaten annehmen soll man, wenn man Aussicht hat, einst bessere Vergeltung dafür zu üben (228). Unvernunft ist es, sich in das Unvermeidliche nicht zu fügen (91).

Dass diese hohe und reine Ethik von keinen persönlichen Unsterblichkeitshoffnungen oder -befürchtungen begleitet war, beweist fr. 92: »Einige, die von der Auflösung der sterblichen Natur nichts wissen, der Übeltaten aber in ihrem Leben sich bewußt sind, bringen ihre ganze Lebenszeit in Verwirrung und Ängsten zu, indem sie sich lügenhafte Märchen über das Leben nach dem Tode vorspiegeln.« Für das Staatsleben fordert er strenge gesetzliche Ordnung, scheint ihm aber im ganzen weniger Interesse geschenkt zu haben.

Bedeutendere Schüler hat Demokrit anscheinend nicht besessen. Metrodor von Chios und Anaxarch, die als »Demokriteer« genannt werden, sind für uns wenig mehr als bloße Namen. In gegnerischem Sinne knüpft Aristoteles, in freundlichem Epikur und die Skeptiker an ihn an. Im ganzen aber zeigte sich für sein Prinzip mechanischer Naturerklärung die Zeit noch nicht reif. Es wurde durch die teleologischen Systeme in den Hintergrund gedrängt und sollte erst nach zwei Jahrtausenden in den Begründern der modernen Naturwissenschaft zu neuem Leben erwachen.

Alles, was an wertvollen und unverlierbaren philosophischen Gedanken in dem gesamten bisher behandelten Zeitraum entstand, ist beinahe ausschließlich in der Betrachtung der Natur gewonnen worden. Um die Mitte etwa des 5. Jahrhunderts aber erfolgt im Zusammenhange mit der historischen Gesamtentwicklung eine deutliche Wendung des philosophischen Interesses, von der Natur zum Menschen. Wir kommen damit zur zweiten Periode der griechischen Philosophie: der vorzugsweise anthropologischen.

 

Literatur: P. Natorp, Die Ethika des Demokritos. Texte u. Untersuchungen. Marburg 1893. K. Vorländer, Demokrits ethische Fragmente ins Deutsche übertragen. Ztschr. f. Philos. u. philosoph. Kritik 1896 (Band 107), S. 253-272. Vgl. auch Diels, Fragm. der Vorsokratiker, S. 416-459.


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