§ 4. Xenophanes


Mehrere Gymnasialprogramme über ihn von Franz Kern, 1864-77. - J. Freudenthal, Über die Theologie des Xenophanes, Breslau 1886.

Zu den Ionier, welche durch den Einbruch der Perser aus ihrer Heimat fortgetrieben wurden, gehörte auch der um 570 zu Kolophon geborene Xenophanes. Nach einem überaus langen Wanderleben - er selbst gibt es auf 67 Jahre an! - ließ er sich in seinem Alter zu Elea, einer Kolonie der Phokäer in Unteritalien, nieder, wo er hochbetagt nach 480 gestorben ist.

Xenophanes ist nicht von der Naturwissenschaft, sondern von der Poesie und Reflexion her zur Philosophie gekommen; er war und blieb in erster Linie Dichter. Seine in verschiedenen Maßen verfaßten Gedichte soll er als wandernder Rhapsode, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, in vielen Städten von Hellas und Großgriechenland vorgetragen haben. Von seinem Lehrgedicht ›Über die Natur‹ sind nur eine Anzahl zerstreuter Verse erhalten; außerdem ein längeres Bruchstück eines heiteren Festgedichts. Sonst besitzen wir nur wenig sichere Mitteilungen über ihn. Die Zuverlässigkeit der pseudoaristotelischen Schrift De Xenophane Zenone Gorgia wird vielfach bestritten.

Die erhaltenen Verse des Xenophanes treten zum Teil Lieblingsanschauungen des griechischen Volkes schroff entgegen. Sie warnen vor Überschätzung der Körperkraft; selbst der Ruhm der Olympiasieger gilt ihm nichts, Besser als der Männer und Rosse Kraft dünkt ihm »unsere Weisheit« Er verwirft die ganze antike Mythologie und bekämpft Homer und Hesiod, weil sie den Göttern menschliche Laster wie Diebstahl, Ehebruch und Betrug angedichtet haben. Ja, er zeigt sogar Abneigung gegen deren plastische Darstellung. Wenn Rinder oder Löwen Hände zum Bilden von Gestalten hätten, würden sie die Götter wie Rinder und Löwen bilden. Begreiflich genug, dass solche Verse von Clemens von Alexandrien (§ 54) und anderen Kirchenvätern mit Vorliebe zitiert werden. Diese kühne Kritik des Volksglaubens, die wohl mit der religiösen Reformbewegung des 6. Jahrhunderts (§ 3) in Zusammenhang stand, scheint der Ausgangspunkt seiner religiös-philosophischen Lehre vom All gewesen zu sein.

Den vielen Göttern des Volksglaubens stellt Xenophanes den einen höchsten Gott gegenüber, »bei Göttern und Menschen den größten, weder an Gestalt den Sterblichen ähnlich noch an Gedanken« Er ist »ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr, bewältigt sonder Mühe alles mit seines Geistes Kraft« Nun aber wird der bis hierher religiöse Gedanke theoretisch gewendet. Diese Gottheit ist völlig unbeweglich und unwandelbar, »im selbigen bleibend«, ist »eines und alles« (hen kai pan). Sein Monotheismus ist also pantheistischen Charakters. »Auf das All hinblickend, nannte er das Eine Gott,« sagt Aristoteles und nennt ihn den ersten Einheitslehrer unter den Eleaten. Wenn er sich auch, wie Aristoteles an derselben Stelle (Metaph. I, 5) bezeugt, über das Wesen dieses Einen noch nicht deutlich aussprach, insbesondere ob die Einheit mehr als eine begriffliche (vgl. Parmenides) oder stoffliche (vgl. unten Melissos) zu fassen sei, so war doch sein Grundgedanke, den Kosmos überhaupt als Einheit aufzufassen, ein großer Fortschritt in der Geschichte des griechischen Philosophierens.

Die spezielle Naturforschung scheint bei unserem Dichter-Philosophen in den Hintergrund getreten zu sein; freilich ist nur wenig und Lückenhaftes erhalten. Von den physikalischen Sätzen, die ihm zugeschrieben werden, klingt derjenige, dass die Gottheit kugelförmig sei, nicht mehr so seltsam, wenn man für Gottheit Weltall einsetzt; andere wie die, dass die Gestirne feurige Wolken seien, beruhen auf dem unentwickelten Zustand der Wissenschaft seiner Zeit.

Merkwürdig sind einige Fragmente durch die in ihnen sich aussprechende kritische oder gar skeptische Stimmung: Volle Gewißheit über die Götter und das All hat noch keiner erlangt und wird keiner jemals erlangen; denn »Schein ist über alles gebreitetü; und »nicht von Anfang offenbarten die Götter den Sterblichen alles, sondern durch ihr Suchen finden diese im Laufe der Zeit Besseres.«


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