1. Die Selbständigkeit des individuellen Charakters


Die subjektive Unendlichkeit des Menschen in sich, von welcher wir in der romantischen Kunstform ausgingen, bleibt auch in der jetzigen Sphäre die Grundbestimmung. Was dagegen in diese für sich selbständige Unendlichkeit neu hereintritt, ist einesteils die Besonderheit des Inhalts, welcher die Welt des Subjekts ausmacht, anderenteils das unmittelbare Zusammengeschlossensein des Subjekts mit dieser seiner Besonderheit und deren Wünschen und Zwecken; drittens die lebendige Individualität, zu der sich der Charakter in sich abgrenzt. Wir müssen deshalb unter dem Ausdruck „Charakter« hier nicht das verstehen, was z. B. die Italiener in ihren Masken darstellten. Denn die italienischen Masken sind zwar auch bestimmte Charaktere, aber sie zeigen diese Bestimmtheit nur in deren Abstraktion und Allgemeinheit, ohne subjektive Individualität. Die Charaktere dagegen unserer Stufe sind jeder für sich ein eigentümlicher Charakter, ein Ganzes für sich, ein individuelles Subjekt. Sprechen wir deshalb hier dennoch von Formalismus und Abstraktion des Charakters, so bezieht sich dies nur darauf, daß der Hauptinhalt, die Welt solchen Charakters einerseits als beschränkt und dadurch abstrakt, andererseits als zufällig erscheint. Was das Individuum ist, wird nicht durch das Substantielle, in sich selbst Berechtigte seines Inhalts, sondern durch die bloße Subjektivität des Charakters gehalten und getragen, welche daher, statt auf ihrem Inhalt und für sich festen Pathos, nur formell auf ihrer eigenen individuellen Selbständigkeit beruht.

Innerhalb dieses Formalismus lassen sich nun zwei Hauptunterschiede voneinander sondern.

Auf der einen Seite steht die energisch sich durchführende Festigkeit des Charakters, welche sich zu bestimmten Zwecken begrenzt und die ganze Macht einseitiger Individualität in die Realisation dieser Zwecke hineinlegt; auf der anderen Seite erscheint der Charakter als subjektive Totalität, die aber unausgebildet in ihrer Innerlichkeit und unaufgeschlossenen Tiefe des Gemüts verharrt und sich nicht zu explizieren und zur vollständigen Äußerung zu bringen imstande ist.



Inhalt:


a. Die formelle Festigkeit des Charakters
b. Der Charakter als innerliche, aber unausgebildete Totalität
c. Das substantielle Interesse bei Aufstellung der formellen Charaktere


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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