a. Die Märtyrer


Die nächste Erscheinung, in welcher der Geist der Gemeine sich in dem menschlichen Subjekt als wirksam dartut, besteht darin, daß der Mensch an sich selbst den Reflex des göttlichen Prozesses abspiegelt und sich zu einem neuen Dasein macht der ewigen Geschichte Gottes. Hier verschwindet nun wieder der Ausdruck jener unmittelbar affirmativen Versöhnung, indem der Mensch sich dieselbe erst durch Aufhebung seiner Endlichkeit zu erringen hat.

Was daher auf der ersten Stufe den Mittelpunkt abgab, kehrt hier in einem durchweg verstärkten Maße wieder, da die Unangemessenheit und Unwürdigkeit der Menschheit die Voraussetzung ist, welche zu vertilgen als die höchste und einzige Aufgabe gilt.

α) Der eigentliche Inhalt dieser Sphäre ist deswegen die Erduldung von Grausamkeiten sowie die eigene freiwillige Entsagung, Aufopferung, Entbehrung, - auferlegt, um zu entbehren, um Leiden, Martern, Qualen jeder Art zu erwecken, damit in sich der Geist sich verkläre und sich als einig, befriedigt, selig in seinem Himmel fühle. Dies Negative des Schmerzes wird im Märtyrertum Zweck für sich selbst, und die Größe der Verklärung mißt sich nach der Abscheulichkeit dessen, was der Mensch erlitten, und der Furchtbarkeit dessen, dem er sich unterworfen hat. Das erste nun, was bei noch unerfülltem Innern an dem Subjekt zu seiner Entweltlichung und Heiligung kann negativ gesetzt werden, ist sein natürliches Dasein, sein Leben, die Befriedigung der nächsten, zur Existenz notwendigen Bedürfnisse. Den Hauptgegenstand dieses Kreises geben deshalb körperliche Martern ab, welche an den Gläubigen teils von den Feinden und Verfolgern des Glaubens aus Haß und Rachsucht verübt, teils zur Entsühnung aus eigenem Antriebe in aller Abstraktion vorgenommen werden. Beides nimmt der Mensch hier im Fanatismus der Duldung nicht als Ungerechtigkeit, sondern als Segen auf, durch den allein die Härte des von Hause aus als sündlich empfundenen Fleisches, Herzens und Gemüts zu brechen und die Versöhnung mit Gott zu erreichen ist.

Insofern sich nun aber in solchen Situationen die Konversion des Inneren nur in Gräßlichkeit und in der Mißhandlung des Äußeren darstellen kann, so wird dadurch leicht der Schönheitssinn verletzt, und die Gegenstände dieses Kreises sind deshalb ein sehr gefährlicher Stoff für die Kunst. Denn einerseits müssen die Individuen in einem ganz anderen Grade noch, als wir es in der Leidensgeschichte Christi forderten, als wirkliche einzelne Individuen mit dem Stempel der zeitlichen Existenz bezeichnet und in den Gebrechen der Endlichkeit und Natürlichkeit herausgestellt werden; andererseits sind die Qualen und unerhörten Abscheulichkeiten, die Verzerrungen und Verrenkungen der Glieder, die leiblichen Martern, die Henkeranstalten, das Köpfen, Rösten, Verbrennen, in Öl Sieden, aufs Rad Flechten usf., an sich selbst häßliche, widrige, ekelhafte Äußerlichkeiten, deren Entfernung von der Schönheit zu groß ist, als daß sie von einer gesunden Kunst sollten zum Gegenstande erwählt werden dürfen. Die Behandlungsweise des Künstlers kann zwar an sich der Ausführung nach vortrefflich sein, das Interesse für diese Vortrefflichkeit bezieht sich dann aber nur immer auf die subjektive Seite, welche, wenn sie auch kunstgemäß scheinen mag, sich dennoch vergeblich abmüht, ihren Stoff mit sich vollendet in Einklang zu bringen.

β) Deshalb bedarf die Darstellung dieses negativen Prozesses noch eines anderen Momentes, das über dies Quälen des Leibes und der Seele herausragt und sich gegen die affirmative Versöhnung hinwendet.

Dies ist die Versöhnung des Geistes in sich, die als Zweck und Resultat der durchduldeten Greuel gewonnen wird. Die Märtyrer sind nach dieser Seite die Bewahrer des Göttlichen gegen die Roheit äußerer Gewalt und die Barbarei des Unglaubens; um des Himmelreichs willen erdulden sie Schmerz und Tod, und dieser Mut, diese Stärke, Ausdauer und Beseligung muß daher ebensosehr an ihnen erscheinen. Dennoch ist auch diese Innigkeit des Glaubens und der Liebe in ihrer geistigen Schönheit keine geistige Gesundheit, welche den Körper gesund durchdringt; sondern es ist eine Innerlichkeit, die der Schmerz durchgearbeitet hat oder die im Leiden zur Darstellung kommt und selbst noch in der Verklärung das Moment des Schmerzes, als das eigentlich Wesentliche, enthält. Besonders die Malerei hat sich solche Frömmigkeit häufig zum Gegenstande gemacht. Ihre Hauptaufgabe besteht dann darin, die Seligkeit der Marter, den widerwärtigen Zerfleischungen des Fleisches gegenüber, einfach in den Zügen des Gesichts, dem Blick usf. als Ergebung, Überwindung des Schmerzes, Befriedigung im Erreichen und Lebendigwerden des göttlichen Geistes im Innern des Subjekts auszudrücken. Will dagegen die Skulptur den gleichen Inhalt vor die Anschauung bringen, so ist sie die konzentrierte Innigkeit in dieser vergeistigten Weise darzustellen weniger fähig und wird deshalb das Schmerzliche, Verzerrte, insofern es sich entwickelter im leiblichen Organismus kund- gibt, herauszuheben haben.

γ) Drittens nun aber betrifft die Seite der Selbstverleugnung und Duldung auf dieser Stufe nicht nur die natürliche Existenz und unmittelbare Endlichkeit, sondern führt die Richtung des Gemüts nach dem Himmlischen bis zu dem Extrem hin, daß überhaupt das Menschliche und Weltliche, auch wenn es in sich selbst sittlicher und vernünftiger Art ist, zurückgestellt und verschmäht wird. Je mehr nämlich der Geist, der hier die Idee der Konversion seiner in sich lebendig macht, zunächst noch ungebildet ist, um desto barbarischer und abstrakter wendet er sich mit seiner konzentrierten Kraft der Frömmigkeit gegen alles, was dieser in sich einfachen Unendlichkeit der Religiosität als das Endliche gegenübersteht, gegen alle bestimmte Empfindung der Menschlichkeit, gegen die vielseitigen sittlichen Neigungen, Beziehungen, Verhältnisse und Pflichten des Herzens. Denn das sittliche Leben in der Familie, die Bande der Freundschaft, des Bluts, der Liebe, des Staats, Berufs, dies alles gehört zum Weltlichen; und das Weltliche, insofern es hier noch nicht von den absoluten Vorstellungen des Glaubens durchdrungen und zur Einigkeit und Versöhnung mit denselben entwickelt ist, erscheint jener abstrakten Innigkeit des gläubigen Gemüts, statt mit in den Kreis ihrer Empfindung und Verpflichtung aufgenommen zu sein, im Gegenteil als in sich nichtig und dadurch der Frömmigkeit feindlich und schädlich. Der sittliche Organismus der menschlichen Welt wird deshalb noch nicht geachtet, weil die Seiten und Pflichten desselben noch nicht erkannt sind als notwendige, berechtigte Glieder in der Kette einer in sich vernünftigen Wirklichkeit, in welcher sich zwar nichts Einseitiges zu isolierter Selbständigkeit erheben darf, doch ebensosehr als gültiges Moment erhalten und nicht aufgeopfert werden muß. In dieser Rücksicht bleibt hier die religiöse Versöhnung selbst wie abstrakt und zeigt sich in dem in sich einfachen Herzen als eine Intensität des Glaubens ohne Exten-sion, als die Frömmigkeit des mit sich einsamen Gemüts, das sich noch nicht zu allgemeiner, entwickelter Zuversicht und zu einseitiger, umfassender Gewißheit seiner selbst fortgebildet hat. Wenn nun die Kraft eines solchen Gemütes sich gegen die nur als negativ behandelte Weltlichkeit in sich festhält und sich gewaltsam von allen menschlichen Banden, und wären es die ursprünglich festesten, loslöst, so ist dies eine Roheit des Geistes und eine barbarische Gewalt der Abstraktion, die uns zurückstoßen muß. Wir werden daher, dem Standpunkte unseres heutigen Bewußtseins nach, jenen Keim der Religiosität in dergleichen Darstellungen ehren und hochschätzen können; geht jedoch die Frömmigkeit so weit, daß wir sie bis zur Gewaltsamkeit gegen das in sich selbst Vernünftige und Sittliche gesteigert sehen, so können wir mit solchem Fanatismus der Heiligkeit nicht nur nicht sympathisieren, sondern diese Art des Entsagens muß uns sogar, da sie das von sich abweist, zertrümmert und zertritt, was an und für sich berechtigt und geheiligt ist, als unsittlich und der Religiosität widerstreitend erscheinen. - Von dieser Art gibt es viele Legenden, Geschichten und Dichtungen. Zum Beispiel die Erzählung von einem Manne, der voll Liebe für sein Weib und seine Familie und von allen den Seinigen wiedergeliebt sein Haus verläßt, umherpilgert und, als er endlich in Bettlergestalt zurückkehrt, sich nicht entdeckt; es werden ihm Almosen gereicht, unter der Treppe ein Plätzchen ihm aus Mitleiden zum Aufenthalt angewiesen; so lebt er ein zwanzig Jahre lang in seinem Hause, sieht den Kummer seiner Familie um ihn mit an, und erst im Sterben gibt er sich zu erkennen. - Es ist dies ein gräßlicher Eigensinn des Fanatismus, den wir als Heiligkeit verehren sollen. Diese Ausdauer der Entsagung kann an das Abstruse der Peinigungen erinnern, welche sich die Inder gleichfalls freiwillig zu religiösen Zwecken auferlegen. Doch haben die Duldungen der Inder einen ganz anderen Charakter. Dort nämlich versetzt sich der Mensch in Stumpfheit und Bewußtlosigkeit, hier aber ist der Schmerz und das absichtliche Bewußtsein und die Empfindung des Schmerzes der eigentliche Zweck, der sich um so reiner zu erreichen meint, je mehr das Leiden mit dem Bewußtsein des Werts und der Liebe zu dem aufgegebenen Verhältnisse und mit der fortwährenden Anschauung des Entsagens verbunden ist. Je reicher das Herz, das sich solche Prüfungen aufbürdet, ist, je mehr edlen Besitz es in sich trägt und doch diesen Besitz als nichtig zu verdammen und als Sünde zu stempeln sich gedrungen glaubt, desto härter ist die Versöhnungslosigkeit und kann die furchtbarsten Krämpfe und den rasendsten Zwiespalt erzeugen. Ja, unserer Anschauung nach muß uns ein solches Gemüt, das nur in intelligibler und nicht in weltlicher Welt als solcher zu Haus ist und deshalb auch in den an und für sich gültigen Gebieten und Zwecken dieser bestimmten Wirklichkeit sich nur sich verlierend fühlt und, obschon es mit ganzer Seele darin gehalten und gebunden ist, dies Sittliche doch als negativ gegen seine absolute Bestimmung betrachtet, - ein solches Gemüt muß uns in seinen selbsterzeugten Leiden wie in seiner Ergebung als verrückt erscheinen, so daß wir weder Mitleiden dafür empfinden noch Erhebung daraus schöpfen können. Dergleichen Handlungen fehlt ein inhaltsvoller, gültiger Zweck, denn was sie erreichen, ist nur ganz subjektiv, ein Zweck des einzelnen Menschen für sich selber, für das Heil seiner Seele, für seine Seligkeit. Es liegt aber eben wenigen viel daran, ob gerade dieser eine selig werde oder nicht.


 © textlog.de 2004 • 06.12.2020 02:05:10 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright