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Abteilung VIII.
 
Über Freiheit und Notwendigkeit.
Abschnitt I.

 

     Was den ersten Umstand, die feste und regelmäßige Verbindung gleicher Ereignisse anlangt, so werden die hier folgenden Betrachtungen genügenden Aufschluss gewähren. Man gesteht allgemein zu, dass eine große Regelmäßigkeit im menschlichen Handeln bei allen Völkern und zu allen Zeiten besteht, und dass die menschliche Natur in ihren Gesetzen und Vorgängen sich gleich bleibt. Die gleichen Beweggründe führen zu denselben Handlungen; die nämlichen Wirkungen folgen den nämlichen Ursachen. Die Ehrsucht, der Geiz, die Selbstliebe, die Eitelkeit, die Feindschaft, der Edelmut, der öffentliche Geist; all diese Leidenschaften haben in verschiedenen Mischungen und Austeilungen unter den Menschen von Beginn der Welt und noch heute die Quelle aller Handlungen und Unternehmen unter den Menschen gebildet. Will man die Gedanken, Neigungen und den Lebenslauf der Griechen und Römer kennen, so muss man sorgfältig das Temperament der Franzosen und Engländer studieren. Man wird wenig fehlgreifen, wenn man die meisten dieser Beobachtungen auf Jene überträgt. Die Menschen sind in allen Zeiten und Orten so sehr dieselben, dass die Geschichte uns hierin nichts Neues oder Fremdes bietet. Ihr Hauptnutzen liegt in der Aufdeckung der festen und allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur, indem sie die Menschen in den verschiedensten Verhältnissen und Lagen darstellt und so den Forscher mit Material versorgt, woraus man die Regeln ziehen und die Kenntnis der regelmäßigen Springfedern menschlichen Handelns und Benehmens gewinnen kann. Die Berichte über Kriege, Intrigen, Verteidigungen und Revolutionen sind ebenso viel Sammlungen von Versuchen, aus welchen der Staatsmann oder Moralphilosoph die Grundsätze seiner Wissenschaft ableitet; gerade wie die Naturforscher und Naturphilosophen durch die Versuche mit der Natur der Pflanzen, Mineralien und anderer Gegenstände bekannt werden. Die Erde, das Wasser und die anderen Elemente, welche Aristoteles und Hippokrates untersucht haben, sind den heutiges Tags untersuchten nicht ähnlicher, als die von Polybius und Tacitus geschilderten Menschen denen, welche jetzt die Welt regieren.

     Wenn ein Reisender aus einem fernen Lande zurückkehrte und uns von Menschen erzählte, die ganz verschieden von allen uns bekannten wären; die von Ehrsucht, Geiz und Rachsucht ganz frei wären; denen nur Freundschaft, Edelmut, Opferwilligkeit für das Allgemeine als Genuss gelte, so würde man sogleich an diesen Umständen die Unwahrheit erkennen und ihn für einen Lügner erklären, und zwar so gewiss, als wenn er seine Erzählung mit Geschichten von Centauren und Drachen, Wundern und Ungeheuerlichkeiten aufgeputzt hätte. Will man irgend eine Verfälschung der Geschichte herausbringen, so kann man kein überzeugenderes Mittel benutzen, als nachzuweisen, dass die der Person zugeschriebenen Handlungen geradezu gegen den Lauf der Natur sind, und dass unter solchen Umständen kein menschlicher Beweggrund zu einem solchen Benehmen geführt haben könne. Die Wahrhaftigkeit von Quintus Curtius ist ebenso verdächtig, wo er den übernatürlichen Mut Alexanders beschreibt und ihn allein auf große Massen losstürzen lässt, als wo er die übernatürliche Kraft und Behändigkeit beschreibt, mit der er seinen Gegnern zu widerstehen vermochte. So leicht und allgemein erkennt man an, dass in den Beweggründen und Handlungen des Menschen dieselbe Gleichförmigkeit wie in den Bewegungen der Körper besteht.

     Darauf beruht der Nutzen der Erfahrungen, die man durch ein langes Leben und manigfache Tätigkeit und Gesellschaft sammelt; sie lehrt uns die Gesetze der menschlichen Natur und regelt unser künftiges Benehmen und unsere Pläne. Mit diesem Führer lernen wir die Neigungen und Beweggründe der Menschen aus ihren Handlungen Reden und Gebärden erkennen; vermittelst der Kenntnis ihrer Beweggründe und Neigungen unternehmen wir die Erklärung ihrer Handlungen. Die Regeln, welche man aus langer Erfahrung sich bildet, geben den Schlüssel zur menschlichen Natur, und mit ihnen kann man ihre Verwickelungen entwickeln. Vorwände und Schein täuschen dann nicht mehr. Öffentliche Erklärungen gelten dann für Beschönigung des Sachverhalts. Und obgleich man der Tugend und Ehre ihren Wert und ihre Geltung zugesteht, sucht man doch diese so oft vorgeführte vollkommene Selbstlosigkeit nicht in der Menge und in den Parteien, nur selten in ihren Führern und kaum hie und da in einzelnen Männern von Rang und Bedeutung. Bestände nicht diese Gleichförmigkeit im menschlichen Handeln, und wäre jeder hier angestellte Versuch regellos und ungleich, so könnte man keine allgemeine Regeln über Menschen aufstellen, und selbst die noch so sehr durchdachte Erfahrung hätte keinen Nutzen. Weshalb ist der alte Bauer geschickter in seinem Geschäft als der junge Anfänger? nur weil eine gewisse Regelmäßigkeit zwischen den Wirkungen der Sonne, dem Regen, der Erde und dem Wachstum der Pflanzen besteht, und weil die Erfahrung dem alten Praktiker die Regeln gelehrt hat, wodurch dieser Einfluss bestimmt und geleitet werden kann.

     Man darf indes nicht meinen, dass diese Regelmäßigkeit menschlichen Handelns so weit gehe, dass Alle unter denselben Umständen genau in gleicher Weise handeln, ohne Rücksicht auf den Unterschied des Charakters, der Vorurteile und Meinungen. Eine solche bis in das Kleinste reichende Regelmäßigkeit zeigt sich in keinem Teile der Natur. Man kann aber aus der Mannigfaltigkeit des Benehmens Mehrerer eine größere Anzahl von Regeln bilden, welche immer noch einen Grad von Gleichförmigkeit und Regelmäßigkeit beweisen.

     Sind nicht die Sitten der Menschen in verschiedenen Zeiten und Ländern verschieden? Daraus erhellt die große Macht der Gewohnheit und Erziehung; sie bearbeiten die Seele von der Kindheit ab und bilden sie zum festen Charakter. Ist das Benehmen und die Aufführung der Männer nicht sehr von der der Frauen verschieden? Dies zeigt den Unterschied der Charaktere, welche die Natur den beiden Geschlechtern erteilt hat, und die sie beharrlich und gleichmäßig beibehält. Sind nicht die Handlungen desselben Menschen sehr verschieden nach den verschiedenen Perioden seines Lebens, nach Kindheit und Alter? Daraus können viele Kegeln über den allmählichen Wechsel unserer Empfindungen und Neigungen abgeleitet werden, und über den Unterschied der Grundsätze, welche in den verschiedenen Lebensaltern des Menschen die Oberhand haben. Selbst der individuelle Charakter zeigt Regelmäßigkeit in seiner Wirksamkeit, sonst könnte man aus der Kenntnis der Personen und der Beobachtung ihres Benehmens nicht auf ihre Absichten schließen und das eigene Benehmen danach einrichten.

     Ich gebe zu, dass man Handlungen aufzeigen kann, welche keine regelmäßige Verbindung mit einem bekannten Beweggrunde haben und eine Ausnahme zu allen Regeln des Benehmens bilden, welche für die Leitung des Menschen aufgestellt worden sind. Wenn man aber die Urteile über solche unregelmäßige und ausnahmsweise Handlungen kennen lernen will, so muss man auf die Ansichten zurückgehen, die über unregelmäßige Erfolge sich bilden, welche im Laufe der Natur und bei den Vorgängen der äußeren Gegenstände sich zeigen. Alle Ursachen sind nicht mit gleicher Regelmäßigkeit mit ihren Wirkungen verknüpft. Ein Handwerker, der nur einen rohen Stoff verarbeitet, kann in seiner Absicht ebenso irregeführt werden als ein Staatsmann, der die Wirksamkeit geistiger und empfindender Kräfte leitet.

 


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