c. Ägyptische Tempelbauten


Solche selbständige Gestaltungen bleiben nun überhaupt nicht nur vereinzelt stehen, sondern werden zu großen tempelartigen Bauten, Labyrinthen, unterirdischen Exkavationen vervielfältigt, in Massen benutzt, mit Mauern umschlossen usf.

Was nun erstlich die ägyptischen Tempelbezirke angeht, so besteht der Hauptcharakter dieser großen Architektur, mit der wir neuerdings hauptsächlich durch die Franzosen näher sind bekannt gemacht worden, darin, daß es offene Konstruktionen sind, ohne Bedachung, Tore, Gänge zwischen Wandungen, vornehmlich zwischen Säulenhallen und ganzen Wäldern von Säulen, Werke vom größten Umfange und innerer Vielseitigkeit, die für sich in selbständiger Wirkung, ohne zur Behausung und Umschließung eines Gottes oder der anbetenden Gemeine zu dienen, ebensosehr durch das Kolossale ihrer Maße und Massen die Vorstellung in Erstaunen setzen, als die einzelnen Formen und Gestalten für sich das ganze Interesse in Anspruch nehmen, indem sie als Symbole für schlechthin allgemeine Bedeutungen aufgerichtet sind oder auch die Stelle der Bücher vertreten, insofern sie die Bedeutungen nicht durch deren Gestaltungsweise kundgeben, sondern durch Schriften, Bildwerke, die in die Flächen eingegraben sind. Einesteils kann man diese riesenhaften Bauten eine Sammlung von Skulpturbildern nennen, doch kommen dieselben meist in solcher Anzahl und Wiederholung ein und derselben Gestalt vor, daß sie zu Reihen werden und eben ihre dadurch architektonische Bestimmung nur in dieser Reihe und Ordnung erhalten, die dann aber wiederum ein Zweck für sich ist und nicht etwa nur Gebälke und Bedachungen trägt.

Die größeren Bauten dieser Art fingen an mit einem gepflasterten Wege, hundert Fuß breit - wie Strabo erzählt - und drei- bis viermal so lang. Zu jeder Seite dieses Ganges (dromos) standen Sphinxe, in Reihen von fünfzig bis hundert, in der Höhe von zwanzig bis dreißig Fuß. Nun folgt ein großartiges Prachttor (propylon), oben schmäler als unten, mit Pylonen, Pfeilern von ungeheurer Masse, zehn-bis zwanzigmal höher als die Höhe eines Menschen; teils frei und selbständig, teils in Mauern, Prachtwänden, die ebenfalls frei für sich bis zu der Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß, unten breiter als oben, schief hinaufsteigen, ohne in Verbindung mit Quermauern zu stehen, Balken zu tragen und so ein Haus zu bilden. Im Gegenteil zeigen sie im Unterschiede senkrechter Mauern, welche mehr auf die Bestimmung des Tragens hindeuten, daß sie zur selbständigen Architektur gehören. Hin und wieder lehnen sich Memnonen an solche Mauern, welche auch Gänge bilden und ganz mit Hieroglyphen oder ungeheuren Steingemälden bedeckt sind, so daß sie den Franzosen, die sie neuerdings sahen, wie gedruckter Kattun vorkamen. Man kann sie wie Bücherblätter betrachten, welche durch diese räumliche Umgrenzung wie Glockentöne Geist und Gemüt zum Staunen, Sinnen, Denken unbestimmt erwecken. Die Tore folgen mehrfach aufeinander und wechseln mit Reihen von Sphinxen; oder ein offener Platz, von der allgemeinen Mauer umschlossen, tut sich auf, mit Säulengängen an diesen Mauern. Dann kommt ein bedeckter Platz, der nicht zur Wohnung dient, sondern ein Säulenwald ist, dessen Säulen keine Wölbung, sondern Steinplatten tragen. Nach diesen Sphinxgängen, Säulenreihen, Wandungen, mit Hieroglyphen übersät, nach einem Vorbau mit Flügeln, vor denen sich Obelisken aufgerichtet finden und Löwen hinlagern, oder auch wieder erst nach Vorhöfen oder mit schmäleren Gängen umgeben, schließt sich dem Ganzen der eigentliche Tempel, das Heiligtum (sêkos) an, nach Strabo von mäßiger Größe, das entweder ein Bild des Gottes in sich hatte oder nur eine Tiergestalt. Dies Gehäuse für die Gottheit war hin und wieder ein Monolith, wie Herodot z. B. (II, 155) vom Tempel zu Buto erzählt, er sei aus einem Stück in die Höhe und Länge gearbeitet, das bei gleichen Wänden überall vierzig Ellen messe, und auch als Schlußdecke liege wieder ein Stein darauf mit einem vier Ellen breiten Gesimse. Im allgemeinen aber sind die Heiligtümer so klein, daß eine Gemeine nicht Platz darin hat; eine Gemeine aber gehört zum Tempel, sonst ist derselbe nur eine Büchse, eine Schatzkammer, ein Aufbewahrungsort heiliger Bildnisse usf.

In solcher Weise gehen solche Bauten mit Reihen von Tiergestaltungen, Memnonen, immensen Toren, Mauern, Kolonnaden von den stu-pendesten Dimensionen, bald weiter, bald enger, mit einzelnen Obelisken usf. stundenweit fort, auf daß man zwischen so großen staunenswürdigen menschlichen Werken, die zum Teil nur einen spezielleren Zweck in den verschiedenen Akten des Kultus haben, herumwandle und sich von diesen aufgetürmten Steinmassen, was das Göttliche sei, sagen und offenbaren lasse. Denn näher sind zugleich diesen Gebäu-lichkeiten überall symbolische Bedeutungen eingewebt, so daß sich die Anzahl der Sphinxe, Memnonen, die Stellung der Säulen und Gänge auf die Tage des Jahres, die zwölf himmlischen Zeichen, die sieben Planeten, die großen Perioden des Mondlaufes usf. beziehen. Teils hat sich die Skulptur hier noch nicht von der Architektur losgemacht, teils ist wiederum das eigentlich Architektonische, die Maße, Abstände, Anzahl der Säulen, Mauern, Stufen usf., so behandelt, daß diese Verhältnisse nicht ihren eigentlichen Zweck in sich selbst, ihrer Symmetrie, Eurhythmie und Schönheit finden, sondern symbolisch bestimmt werden. Dadurch zeigt sich dies Bauen und Schaffen als Zweck für sich, als selber ein Kultus, zu welchem sich Volk und König vereinen. Viele Werke, wie Kanäle, der See des Möris, überhaupt Wasserbauten, bezogen sich zwar auf den Ackerbau und die Überschwemmungen des Nils. So ließ z. B. Sesostris, wie Herodot (II, 108) berichtet, das ganze Land, das bisher beritten und befahren worden, des Trinkwassers wegen mit Kanälen durchschneiden und machte dadurch Pferde und Wagen unnütz. Die Hauptwerke aber blieben jene religiösen Bauten, welche die Ägypter instinktartig, wie die Bienen ihre Zellen bauen, emportürmten. Ihr Eigentum war reguliert, die übrigen Verhältnisse gleichfalls, der Boden unendlich fruchtbar und bedurfte keiner mühsamen Kultur, so daß die Arbeit fast nur in Säen und Ernten bestand. Andere Interessen und Taten, wie sie sonst die Völker vollbringen, kommen wenige vor; außer den Erzählungen der Priester von Sesostris' Unternehmungen zur See finden sich keine Nachrichten von Seefahrten; im ganzen blieben die Ägypter auf dieses Bauen und Konstruieren in ihrem eigenen Lande beschränkt. Die selbständige symbolische Architektur aber gibt den Haupttypus ihrer großartigsten Werke ab, weil sich hier das menschliche Innere, das Geistige in seinen Zwecken, Außengestalten noch nicht selbst erfaßt und zum Objekt und Produkt seiner freien Tätigkeit gemacht hat. Das Selbstbewußtsein ist noch nicht zur Frucht gereift, noch nicht fertig für sich, sondern treibend, suchend, ahnend, fort und fort produzierend, ohne absolute Befriedigung und deshalb ohne Rast. Denn erst in der dem Geiste gemäßen Gestalt befriedigt sich der in sich fertige Geist und begrenzt sich in seinem Hervorbringen. Das symbolische Kunstwerk dagegen bleibt mehr oder weniger grenzenlos.

Zu solchen Gebilden der ägyptischen Baukunst gehören nun auch die sogenannten Labyrinthe, Höfe mit Säulengängen, umher Wege zwischen Wandungen, rätselhaft verschlungen, doch nicht zu der läppischen Aufgabe, den Ausgang zu finden, durcheinandergewirrt, sondern zu einem sinnvollen Umherwandeln unter symbolischen Rätseln. Denn diese Wege sollten, wie ich schon früher angedeutet habe, in ihrem Laufe den Lauf der Himmelskörper nachbilden und vorstellig machen. Sie sind teils über, teils unter der Erde gebaut, außer den Gängen mit ungeheueren Kammern und Sälen versehen, deren Wände mit Hieroglyphen bedeckt sind. Das größte Labyrinth, das Herodot selber gesehen hat, war das unweit des Sees Möris. Er sagt (II, 148), er habe es größer gefunden, als es mit Worten zu beschreiben sei, und es übertreffe selbst die Pyramiden. Den Bau schreibt er den zwölf Königen zu und schildert ihn folgendermaßen. Das ganze Gebäude, von ein und derselben Mauer umgeben, bestehe aus zwei Stockwerken, einem unter und einem über der Erde. Zusammen enthielten sie dreitausend Gemächer, fünfzehnhundert jedes. Das obere Stockwerk, das Herodot allein besichtigen durfte, war in zwölf nebeneinanderliegende Höfe geteilt, mit gegenüberstehenden Toren, sechs gegen Norden und sechs gegen Süden, und jeder Hof war mit einem Säulengang umgeben aus weißem, genau behauenem Gestein. Aus den Höfen, sagt Herodot ferner, geht es in die Gemächer, aus den Gemächern in die Säle, aus den Sälen in andere Räume und aus den Gemächern in die Höfe. Diese letztere Angabe, meint Hirt (Geschichte der Baukunst, Bd. l, S. 75), mache Herodot nur zur näheren Bestimmung, daß die Gemächer zunächst an den Hofräumen anlagen. Von den labyrinthischen Gängen sagt Herodot, daß die vielen Gänge durch die bedeckten Räume und die mannigfaltigen Krümmungen zwischen den Gehöften ihn mit tausendfachem Staunen erfüllt hätten. Plinius beschreibt (XXXVI, 19) sie als dunkel, für den Fremdling durch ihre Windungen ermüdend, und beim Öffnen der Türen entstände in ihnen ein donnerähnliches Getöse, und aus Strabo, der als Augenzeuge wie Herodot von Wichtigkeit ist, erhellt gleichfalls, daß sich die Irrwege um die Hofräume umherzogen. Vorzüglich die Ägypter bauten dergleichen Labyrinthe, doch findet sich auch als Nachahmung des ägyptischen auf Kreta ein ähnliches, obschon kleineres, auch auf Morea und Malta.

Indem nun aber diese Baukunst einerseits durch die Kammern und Säle schon dem Hausartigen zustrebt, während andererseits nach Herodots Angabe der unterirdische Teil des Labyrinths, zu welchem ihm der Eingang nicht gestattet wurde, die Bestimmung von Begräbnissen der Erbauer sowie heiliger Krokodile hatte, so daß hier das eigentlich selbständig Symbolische allein die Irrgewinde ausmachen, so können wir in diesen Werken einen Übergang zu der Form der symbolischen Architektur finden, welche aus sich selbst schon der klassischen Baukunst sich zu nähern anfängt.


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