b. Totenbehausungen, Pyramiden usf.


Einen bestimmteren Übergang zweitens aus der selbständigen Architektur zur dienenden können wir in den Bauwerken suchen, welche als Totenbehausungen teils in die Erde gegraben, teils über dem Boden errichtet worden sind.

Besonders bei den Ägyptern verknüpft sich das unterirdische und überirdische Bauwesen mit einem Totenreiche, wie sich überhaupt in Ägypten zuerst ein Reich des Unsichtbaren einhaust und vorfindet. Der Inder verbrennt seine Toten oder läßt sonst ihre Gebeine liegen und an der Erde verwesen; die Menschen nach indischer Anschauung sind oder werden Gott oder Götter, wie man sagen will, und zu dieser festen Unterscheidung der Lebendigen von den Toten als Toten kommt es nicht. Die indischen Bauten, wenn sie nicht dem Mohammedanismus ihren Ursprung verdanken, sind deshalb keine Behausungen für Tote und scheinen überhaupt, wie jene wundersamen Aushöhlungen, einer früheren Periode anzugehören. Bei den Ägyptern aber tritt der Gegensatz des Lebendigen und Toten mit Macht hervor; das Geistige fängt an, sich vom Ungeistigen zu scheiden. Es ist die Aufstehung des konkreten individuellen Geistes, die im Werden ist. Die Toten werden daher als ein Individuelles festgehalten und damit gegen die Vorstellung des Hinüberfließens in das Natürliche, in die allgemeine Verschwebung, Verschwemmung und Auflösung befestigt und aufbewahrt. Die Einzelheit ist das Prinzip der selbständigen Vorstellung des Geistigen, weil der Geist nur als Individuum, als Persönlichkeit zu existieren vermag. Deshalb muß uns diese Ehre und Aufbewahrung der Toten als ein erstes wichtiges Moment für das Existieren geistiger Individualität gelten, da es hier die Einzelheit ist, die, statt aufgegeben zu werden, erhalten erscheint, indem wenigstens der Körper als diese natürliche unmittelbare Individualität geschätzt und geachtet wird. Herodot, wie schon früher erwähnt worden, berichtet, die Ägypter seien die ersten gewesen, welche gesagt hätten, daß die Seelen der Menschen unsterblich seien, und so unvollkommen hier auch noch das Festhalten an der geistigen Individualität ist, insofern der Gestorbene dreitausend Jahre lang den ganzen Kreis der Land-, Wasser - und Lufttiere durchlaufen und dann erst wieder in einen menschlichen Körper einwandern soll, so liegt doch in dieser Vorstellung und in dem Einbalsamieren des Körpers ein Fixieren der leiblichen Individualität und des vom Körper abgeschiedenen Fürsichseins.

So ist es denn auch in der Baukunst von Wichtigkeit, daß hier die Abtrennung gleichsam des Geistigen als der inneren Bedeutung erfolgt, die für sich zur Darstellung gebracht wird, während die leibliche Hülle als bloß architektonische Umschließung umhergestellt ist. Die Totenbehausungen der Ägypter bilden dadurch in diesem Sinne die frühsten Tempel; das Wesentliche, der Mittelpunkt der Verehrung ist ein Subjekt, ein individueller Gegenstand, der für sich selbst bedeutend erscheint und sich selber ausdrückt, unterschieden von seiner Behausung, die somit als bloß dienende Hülle konstruiert wird. Und zwar ist es nicht ein wirklicher Mensch, für dessen Bedürfnis ein Haus oder Palast erbaut wäre, sondern bedürfnislose Tote sind es, Könige, heilige Tiere, um welche unermeßliche Konstruktionen sich umherschließen.

Wie der Ackerbau das nomadische Umherschweifen zum Eigentum fester Sitze fixiert, so vereinigen überhaupt Gräber, Grabmäler und Totendienst die Menschen und geben auch denen, welche sonst keine Stätte, kein begrenztes Eigentum besitzen, einen Sammelplatz, heilige Örter, die sie verteidigen und sich nicht wollen entreißen lassen. So wichen die Skythen z. B., dies flüchtige Volk, vor Darius, wie Herodot (II, 126 f.) erzählt, überall zurück, und als Darius ihrem Könige die Botschaft zusendete: wenn der König sich für stark genug halte, Widerstand zu leisten, so solle er sich stellen zur Schlacht; wenn nicht, so solle er den Darius für seinen Herrn anerkennen, entgegnete Idanthyrsus: sie hätten keine Städte und Äcker und nichts zu verteidigen, da ihnen Darius nichts verwüsten könne; wenn es aber dem Darius um eine Schlacht zu tun sei, so hätten sie die Gräber ihrer Väter, zu diesen möge Darius herankommen und sie zu beschädigen wagen, dann werde er sehen, ob sie um die Gräber kämpfen würden oder nicht.

Die ältesten grandiosen Grabmäler nun finden wir in Ägypten als die Pyramiden. Was zunächst beim Anblick dieser staunenswerten Konstruktionen in Verwunderung setzen kann, ist ihre unermeßliche Größe, die sogleich zu der Reflexion über die Dauer der Zeit und die Mannigfaltigkeit, Menge und Ausdauer menschlicher Kräfte führt, welche dazu gehörten, dergleichen kolossale Bauten zu vollenden. Von selten ihrer Form dagegen bieten sie sonst nichts Fesselndes dar; in wenigen Minuten ist das Ganze überschaut und festgehalten. Bei dieser Einfachheit und Regelmäßigkeit der Gestalt hat man denn lange über ihren Zweck gestritten. Die Alten geben zwar schon, wie z. B. Herodot und Strabo, den Zweck, zu welchem sie wirklich dienten, an, doch ebenso haben auch ältere wie neuere Reisende und Schriftsteller viel Fabelhaftes und Unhaltbares ausgesonnen. Die Araber suchten mit Gewalt einen Eingang, indem sie im Innern der Pyramide Schätze zu finden hofften; doch haben diese Erbrechungen, statt ihr Ziel zu erreichen, nur vieles zerstört, ohne zu den wirklichen Gängen und Kammern hinzugelangen. Den neueren Europäern, unter denen sich besonders Belzoni, ein Römer, und dann der Genueser Caviglia auszeichneten, ist es endlich gelungen, das Innere der Pyramiden genauer kennenzulernen. Belzoni*) entdeckte das Königsgrab in der Pyramide des Chephren. Die Eingänge in die Pyramiden waren aufs festeste mit Quadersteinen verschlossen, und es scheint, die Ägypter suchten es beim Bau schon so einzurichten, daß der Eingang, wenn er auch bekannt war, doch nur mit großer Schwierigkeit konnte wieder aufgefunden und eröffnet werden. Dies beweist, daß die Pyramiden verschlossen bleiben und nicht wieder gebraucht werden sollten. In ihrem Inneren nun hat man Kammern gefunden, Gänge, die sich auf die Wege deuten lassen, welche die Seele nach dem Tode bei ihrem Umlauf und Gestaltenwechsel macht, große Säle, Kanäle unter der Erde, bald sich senkend, bald steigend. Das Königsgrab des Belzoni läuft in dieser Weise z. B., in den Felsen gehauen, eine Stunde lang fort; in dem Hauptsaal stand ein Sarg von Granit, in den Fußboden eingesenkt, doch man fand nur einen Rest von Tierknochen einer Mumie, eines Apis wahrscheinlich. Das Ganze aber zeigte unbezweifelbar den Zweck, zu einer Totenbehausung zu dienen. - Im Alter, in der Größe und Gestalt sind die Pyramiden verschieden. Die ältesten scheinen mehr nur pyramidenartig aufeinandergehäufte Steine zu sein; die späteren sind regelmäßig gebaut; einige oben etwas abgeplattet, andere ganz zu einer Spitze auslaufend; an noch anderen findet man Absätze, die man nach der Beschreibung Herodots von der Pyramide des Cheops (II, 125) aus der Art und Weise, wie die Ägypter beim Bau verfuhren, erklären kann, so daß Hirt auch diese Pyramide zu den nicht vollendeten rechnet (Geschichte der Baukunst, Bd. l, S. 55). In den älteren Pyramiden sind nach neueren französischen Berichten die Kammern und Gänge verschlungener, in den jüngeren einfacher, aber ganz mit Hieroglyphen bedeckt, so daß eine vollständige Abschrift derselben mehrere Jahre dauern würde.

In dieser Weise werden die Pyramiden, staunenswürdig für sich, doch nur zu einfachen Kristallen, zu Schalen, die einen Kern, einen abgeschiedenen Geist einschließen und zur Aufbewahrung seiner dauernden Leiblichkeit und Gestalt dienen. In diesen abgeschiedenen Toten, der für sich zur Darstellung gelangt, fällt deshalb alle Bedeutung; die Architektur aber, die bisher selbständig ihre Bedeutung in sich selbst als Architektur hatte, trennt sich jetzt ab und wird in dieser Scheidung dienend, während die Skulptur die Aufgabe erhält, das eigentliche Innere zu gestalten, obschon zunächst noch das individuelle Gebilde in seiner eigenen unmittelbaren Naturgestalt als Mumie festgehalten wird. Wir finden daher, wenn wir die ägyptische Baukunst im ganzen betrachten, auf der einen Seite die selbständigen symbolischen Bauten; auf der anderen jedoch, besonders in allem, was sich auf Grabmäler bezieht, tritt schon die spezielle Bestimmung der Architektur, bloße Umschließung zu sein, deutlich hervor. Dazu gehört nun wesentlich, daß die Architektur sich nicht nur eingrabe und Höhlen bilde, sondern sich als eine unorganische Natur zeige, von Menschenhänden da hingebaut, wo man ihrer, um ihres Zweckes willen, nötig hat.

Auch andere Völker haben dergleichen Totenmäler errichtet, heilige Bauten als Wohnorte eines toten Leichnams, über den hin sie sich erheben. Das Grabmal des Mausolus in Karlen z. B., später das Grabmal Hadrians, die jetzige Engelsburg in Rom, ein Palast von sorgfältiger Struktur für einen Toten, waren schon im Altertum berühmte Werke. Auch gehören nach Uhdens**) Beschreibung (Wolfs und Buttmanns Museum***)), Bd. l, S. 536) hierher noch eine Gattung von Totendenkmälern, die in ihrer Einrichtung und ihren Umgebungen göttergeweihte Tempel in kleineren Verhältnissen nachahmten. Solch ein Tempel hatte einen Garten, Lauben, einen Brunnen, Weingarten und dann Kapellen, in welchen die Porträtstatuen in Göttergestalten aufgerichtet waren. Besonders zur Kaiserzeit wurden dergleichen Denkmäler mit Götterstatuen der Verstorbenen in Gestalt des Apoll, der Venus, Minerva erbaut.

Diese Figuren sowie das ganze Bauwerk erhielten dadurch zu gleicher Zeit die Bedeutung einer Apotheose und eines Tempels des Verstorbenen, wie auch bei den Ägyptern das Einbalsamieren, die Embleme und der Kasten anzeigen, daß der Tote osiriert werde.

Die ebenso grandiosen als einfachsten Konstruktionen dieser Art nun aber sind die ägyptischen Pyramiden. Hier tritt die der Baukunst eigentümliche und wesentliche Linie - die gerade nämlich - und überhaupt die Regelmäßigkeit und Abstraktion der Formen ein. Denn die Architektur als bloße Umschließung und unorganische, nicht an sich selbst individuell von dem ihr innewohnenden Geist lebendig beseelte Natur kann die Gestalt nur als eine ihr selber äußerliche haben; die äußerliche Form aber ist nicht organisch, sondern abstrakt und verständig. Wie sehr aber die Pyramide schon anfängt, die Bestimmung des Hauses zu erhalten, so ist bei ihr doch das Rechtwinklige noch nicht durch und durch herrschend wie bei dem eigentlichen Hause, sondern sie hat noch eine Bestimmung für sich, welche nicht der bloßen Zweckmäßigkeit dienstbar ist, und schließt sich daher in sich selber unmittelbar von der Basis an allmählich zur Spitze zusammen.

 

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*) Giovanni Battista Belzoni, 1778-1823, Ägyptologe

**) Wilhelm Uhden, 1763-1835, preußischer Beamter und Kunstkenner

***) Museum der Altertumswissenschaft, hrsg. von Karl Philipp Butt- mann und Friedrich August Wolf, 2 Bde., Berlin 1807/10

 


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