Übertrieben

Übertrieben. (Schöne Künste) Man übertreibt eine Sache, wenn man ihr etwas zuschreibt oder zumutet, das die Schranken ihrer Art überschreitet und entweder unmöglich oder doch unnatürlich und der Art, wozu die Sache gehört, zuwieder ist. Es wäre eine übertriebene Zumutung von einem Menschen so viel Arbeit zu verlangen als nur mehrere zu leisten im Stande sind; darum wäre es auch übertrieben, wenn man von ihm sagte, er habe so viel Arbeit getan. Auch das ist übertrieben, wenn man das, was einer Sache zukommt, ihr in solchem Übermaße beilegt, dass dadurch die Art derselben geändert und die Wirkung, die man zu vermehren gesucht hat, dadurch vermindert wird. Man sagt im Sprüchwort: wer zu viel beweißt, der beweise gar nichts ; und wo des Gewürzes zu viel genommen wird, da wird die Speise dadurch widrig.

 Es gibt also zwei Arten des Übertriebenen; die eine macht den übertriebenen Gegenstand schimärisch oder unmöglich; die andere verändert seine Art und benimmt ihm die Wirkung, die man ihm durch Übertreibung seiner Eigenschaften zu geben gesucht hat. Beide Arten sind in Werken des Geschmacks sorgfältig zu vermeiden, weil sie von sehr übler Wirkung sind.

Zu der ersteren Art rechnen wir die abenteuerliche gigantische Größe der Helden in den Ritterromanen, da ein einziger bisweilen ganze Heere in die Flucht schlägt: von der anderen Art ist unmäßiges Lob oder Tadel und andere unzeitige, die verlangte Wirkung vielmehr hindernde als befördernde Anhäufung des Guten oder Bösen, des Angenehmen oder Wiedrigen. Wenn jemand geringer Sachen halber mit hohem Lob oder schwerem Tadel überhäuft wird; so verfehlt das Lob oder die Rüge den Zweck und anstatt davon gerührt zu werden, wird man verdrießlich. Überhaupt besteht dieses Übertriebene darin, dass man zu Erreichung seines Zwecks mehr tut als man tun sollte und sein Geschütz überladet, dass es entweder zerspringt oder sonst seine Wirkung verliert.

Mancher will uns vergnügt machen und schweift so aus, dass wir verdrießlich werden; oder er will unser Mitleiden erwecken und bewirkt nur Abscheu.

 Das Übertriebene der ersteren Art, entsteht aus Mangel der Beurteilung. Wer die Schranken, die in der Natur jeder Art der vorhandenen Dinge vorgeschrieben sind, nicht zu bemerken im Stand ist, wird von einer lebhaften Phantasie leicht verleitet, ihnen Eigenschaften anzudichten, die das Maß ihrer Kräfte überschreiten. Es ist also vornehmlich ein Fehler schwacher Köpfe von etwas wilder Einbildungskraft, dass sie alles über die Maße vergrößern oder verkleinern; weil sie die wahren Kräfte der Natur nicht kennen. Doch kann auch ein allgemeines Vorurteil der Zeit scharfsinnige Köpfe zu diesem Übertriebenen verleiten. Wenigstens kann man den Corneille, der die Charaktere seiner tragischen Helden sehr oft übertreibt, nicht des Mangels an Einsicht und Scharfsinn beschuldigen: aber der Geschmack seiner Zeit war noch etwas romanhaft und abenteuerlich.

 Die andere Art des Übertriebenen scheint aus Mangel des feineren oder des richtigen Gefühles zu entstehen. Es gibt Menschen von so schwachem Gefühl, dass ihnen kein Gegenstand in seinen natürlichen Schranken groß oder schön genug ist; sie merken nicht, dass ein Mensch betrübt ist, wenn er nicht kindisch klagt und weint; oder dass er zornig ist, wenn er nicht raset und alles um sich herum zerstöret. Darum übertreiben sie auch alles, wenn sie andere in Empfindung setzen wollen. Ein lautes Geschrei machen, heißt bei ihnen verständlich reden; heulen nennen sie weinen; gewaltsame Sprünge und Gebärden, sind ihnen Tanz. Hingegen ist stille Größe nach ihrem stumpfen Gefühl, Mangel an Leben; ein tiefsitzender Schmerz, Unempfindlichkeit; ein sanftes, aber innigliches Vergnügen, Gleichgültigkeit. In diesem Fall artet das Übertriebene ins Grobe und Pöbelhafte aus; denn allgemein fehlt dem Pöbel das feinere Gefühl, das Große, das mehr den innern als den äußern Sinne empfindbar ist, zu bemerken. Daher kommt in den Tragödien das Heulen und Wehklagen, wodurch einige rühren, das Abscheuliche in Schandtaten, wodurch sie Abscheu erwecken und das Entsetzliche und Gewaltsame in den Unternehmungen, wodurch sie Furcht oder Bewunderung erregen wollen.

 Das Übertriebene kann aber auch aus einem verzärtelten Geschmack und Weichlichkeit herkommen. Wie es Menschen von stumpfem Gefühl gibt, deren Seele ein hartes Gehör hat, das nichts vernimmt, wenn man nicht übermäßig schreit; so gibt es auch im Gegenteile solche, die den blödsichtigen gleichen, die vom hellen Tageslichte geblendet werden und nicht eher als in der Dämmerung die Augen auftun. Diese sind gewohnt die Sachen ins Kleine zu übertreiben und alles so zu verfeinern, dass es seine natürliche Kraft verliert. Es geht ihnen, wie den Wollüstlingen, die keinen Geschmack an natürlich wohlschmeckenden Speisen mehr haben. Sie wollen nicht vergnügt, sondern sinnlich entzückt sein; statt einer ruhigen Empfindung der Zärtlichkeit, sehnen sie sich nach gänzlicher Zerfließung des Herzens. Deswegen suchen sie alles so sehr zu verfeinern, dass sie nur noch die Quintessenz der Dinge behalten. Daher kommt so viel übertriebener Witz, so viel übernatürliche Spizfindigkeit der Empfindung, so viel wollüstige Künstelei in Wendung und Ausdruck, so viel sybaritische Schonung, wo das Herz mit einiger Dreistigkeit sollte angegriffen werden.

 Am meisten zeigt sich diese übertriebene Verfeinerung in der gegenwärtigen Musik, besonders in den Operen, wo der einfache das Herz einnehmende Gesang gänzlich verdrängt ist und einem bloß wollüstigen Kitzeln des Gehöres hat weichen müssen. Es scheint, dass mancher Sänger völlig vergessen habe, dass er die Gemüter der Zuhörer in Empfindung zu setzen habe und dass er sein Verdienst darin suche, wie eine Nachtigal zu gurgeln oder seine Stimme so hoch zu treiben als ein Canarienvogel.

  Dieses ist die schlimmste Art des Übertriebenen, weil es den Menschen allmählich des natürlichen Gefühles beraubet und ihn gewöhnt gleichsam von Luft zu leben oder sich von Dünsten zu nähren, die doch keine Nahrung geben. Allgemein schleicht sich dieses Übertriebene allmählich ein, nachdem die schönen Künste den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht haben. Denn die danach kommenden Künstler suchen dann ihre Vorgänger, die sie auf dem geraden natürlichen Weg des Geschmackes nicht mehr übertreffen können, durch allmähliche Verfeinerung zu übertreffen. Darum ist es eine seltsame Erscheinung in Deutschland, dass sich die übertriebene Verfeinerung bereits hier und da äußert, ehe wir die höchste Stuffe der Vollkommenheit wirklich erreicht haben. Aber wir sind nicht ohne Hoffnung, dass die Kritik sich dem einreißenden Übel noch zu rechter Zeit mit gutem Erfolg wiedersetzen werde.

 Man erlaubt dem komischen Dichter und dem Schauspieler und ratet ihnen so gar, die Sachen etwas zu übertreiben. Der Schauspieler muss allerdings in Stimm und Gebärden etwas auf die Entfernung, in der er von dem Zuschauer steht, rechnen; weil diese sein Spiel etwas schwächt. Deswegen tut er wohl, wenn er durchaus etwas über die Natur herausgeht und der Zuschauer wird ihn nicht übertrieben finden, wenn er nur nicht die Grenzen zu weit überschreitet. Der Dichter scheint nur da aus den Schranken heraustreten zu können, wo die Charaktere der Personen und die Handlung selbst etwas matt ist. So hebt das etwas Übertriebene der Charaktere in dem Postzug das ganze Stück, das in den bloßen Schranken der Natur wenig reizen würde.

 


 © textlog.de 2004 • 17.06.2019 04:33:39 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z