Chromatisch

Chromatisch. (Musik) Diesen Namen gaben die Alten einem ihrer Hauptsystemen der Musik, in welchem die vollkommene Quarte vier Saiten hatte, dergestalt gestimmt, dass die zweite gegen die erste und die dritte gegen die zweite, Intervalle ausmachten, die etwas kleiner waren als ein halber Ton, die vierte gegen die dritte aber ein Intervall, das ohngefähr mit unserer kleinen Terz übereinkommt. Also könnten folgende Töne der heutigen Tonleiter ungefähr die vier Töne eines chromatischen Tetrachords vorstellen. Dieses System aber hatte noch verschiedene Arten. Aristoxenus setzt drei Arten des chromatischen Geschlechts, die er die weiche, die bemiolische und die tonische nennt. Die Verhältnisse der Intervalle dieser drei Arten bestimmt er so. Er teilt die reine Quarte in Gedanken in 60 Teile und nimmt für die drei Intervalle folgende Verhältnisse:

Für die chromatische weiche Art 8; 8; 44.

Für die chromatische hemiolische Art 9; 9; 42.

Für die chromatische tonische Art 12; 12; 36.

Also waren in dem weichen chromatischen die zwei ersten Intervalle ungefähr Dritteltöne und das dritte etwas größer als eine kleine Terz; in dem tonischen aber waren die zwei ersten Intervalle halbe Töne und das dritte ein Intervall von einem ganzen und einem halben Ton, etwas kleiner als unsere kleine Terz.

 Ptolomäus gibt nur zwei Arten des chromatischen Systems an, das weiche oder alte und das harte. Für jenes gibt er folgende Intervalle: 27/28; 14/15; 5/6; für dieses aber folgende: 21/22; 11/12; 6/7.

 Da wir überhaupt nicht mit Gewissheit sagen können, wie die Alten ihre Tonleitern zum musikalischen Satz gebraucht haben, so lässt sich auch der Gebrauch dieser chromatischen Systemen nicht bestimmen.

 In der heutigen Musik haben wir eigentlich nur das Diatonische Geschlecht beibehalten: indessen geschieht es doch oft, dass zu der Melodie Töne genommen werden, die nicht in die diatonische Leiter des Grundtons, darin man singt, gehören. Diese werden dann chromatische Töne genannt. Besonders nennt man diejenigen Stellen des Gesangs chromatisch, wo derselbe durch verschiedene halbe Töne hintereinander steigt oder fällt. Ein solcher Gang druckt also natürlicher Weise allemal etwas aus, das dem freien Wesen der größeren diatonischen Fortschreitung entgegen ist und dient insbesondere, solche Leidenschaften auszudrucken, die das Gemüt in eine Beklemmung setzen und etwas Trauriges haben, Schmerz und Betrübnis, Schrecken, Furcht und auch Wut. Da aber die chromatische Fortschreitung im Grunde die Schönheit des Gesangs und der Harmonie hemmet, so muss sie in einem Stück nicht allzu oft, sondern nur an den Stellen angebracht werden, wo der Affekt besonders auszuzeichnen ist. Ganze Stücke in chromatischen Fortschreitungen haben etwas gezwungenes.

 Die chromatischen Fortschreitungen erfordern einen besonderen Gang des Grundbasses. Aufsteigende Fortschreitungen entstehen natürlicher Weise, wenn der Bass wechselsweise um eine Terz fällt und um eine Quarte steiget, wie in diesem Exempel: Absteigende Fortschreitungen werden durch hintereinander folgende Dominanten im Basse veranlasst. Diese chromatischen Gänge, haben ihre Einschränkungen. Von dem Tone, von welchem man sie anfängt, kann man nicht mehr, als höchstens fünf Stufen fortschreiten; in einem Durton z. B. von der Terz bis zur Sexte. Denn weder die kleine Terz noch die Sexte, dürfen in dieser Tonart vorkommen. Überhaupt können in solchen Gängen nur diejenigen fremde halbe Töne angebracht werden, die Subsemitonia solcher Töne sind, dahin man ausweichen könnte.

 Man gibt auch der heutigen Tonleiter, nach welcher die Oktave in zwölf Intervalle, jedes von einem größeren oder kleineren halben Ton, eingeteilt ist, den Namen des diatonisch- chromatischen Systems. Im Grund ist es bloß ein aus vielen diatonischen Leitern der harten Tonart zusammengesetztes System, welches entsteht, wenn zu jedem, der diatonischen Stufe des C dur zugehörigen Tone, ebenfalls seine diatonischen Stufen der harten Tonart hinzugetan, alle daher entstehende Töne aber, in den Bezirk einer Oktave gebracht werden. Daher entsteht nur beiläufig, dass allemal zwischen zwei auf einander folgende ganze diatonische Töne noch ein halber Ton eingeschaltet wird, der denn als ein chromatischer Ton desjenigen Grundtons, zu welchem er diatonisch nicht gehört, angesehen werden kann. Und so können wir, ob wir gleich im Grunde nur ein einziges und zwar das harte diatonische Klanggeschlecht haben, sowohl chromatisch fortschreiten als auch aus der weichen Tonart spielen. Bei den Alten war das chromatische Geschlecht nicht zufällig wie bei uns, sondern machte ein eigenes, besonderen Gesetzen unterworfenes Geschlecht aus, das andere Stufen hatte als das, was wir so nennen.

 


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