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Ästhetik


Ästhetik. Als einer der ersten deutschen Philosophen unterscheidet Kant scharf zwischen Erkenntnis und Gefühl. Das Gefühl ist das »Subjektive« im engeren Sinne, es bezieht sich nicht, auf das Objekt, sondern auf den Zustand des Subjekts, es kann durch Erkenntnis bewirkt werden, ist aber nicht selbst Erkenntnis. Auf die gefühlte Zweckmäßigkeit nun bezieht sich die »ästhetische Urteilskraft«. Die Ästhetik kann, nach Kant, mit einer psychologisch-empirischen Exposition anfangen, aber sie selbst ist eine kritische Wissenschaft, welche nach dem apriorischen Prinzip der Allgemeinheit ästhetischer Urteile fragt, welches sie zur Wertung der ästhetischen Urteile braucht. Eine »Deduktion« (Legitimation) der reinen ästhetischen Urteile ist nötig. Das ästhetische Urteil (Geschmacksurteil) hat zum Gegenstand das Gefühl, welches das »harmonische Spiel der beiden Erkenntnisvermögen der Urteilskraft, Einbildungskraft und Verstand, im Subjekte bewirkt«, also die subjektive Zweckmäßigkeit, die unmittelbar (ohne Begriff) lustvoll empfunden wird. In der ästhetischen Urteilskraft liegt ein apriorisches Prinzip der Beurteilung, das hier auf die subjektive und formale Zweckmäßigkeit geht und subjektive Allgemeingültigkeit beansprucht. Das ästhetische Urteil fordert diese nicht absolut, erwartet aber die Einstimmung jedermanns mit dem eigenen Geschmack. Die Schönheit ist die Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie ohne Vorstellung eines Zweckes an ihm wahrgenommen wird, nämlich die Angemessenheit zu unserem Bewußtsein in der unmittelbaren Auffassung, Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurteil bestimmt, ist »ohne alles Interesse«, d.h. ohne Bezug auf das Begehren und unabhängig von der realen Existenz des Wohlgefallenden; hingegen ist die Lust am Angenehmen, an dem, »was den Sinnen in der Empfindung gefällt«, mit Interesse verbunden, ebenso das Wohlgefallen am Guten, an dem, »was vermittelst der Vernunft durch den bloßen Begriff gefällt«. Ästhetischer Geschmack ist das »Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Mißfallen, ohne alles Interesse«. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön. Das Schöne ist »das, was ohne Begriffe, als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird«. Das Schöne bezieht sich nicht auf die individuelle Neigung des Subjekts und muß daher »einen Grund des Wohlgefallens für jedermann« enthalten; daher haben wir Grund »jedermann ein ähnliches Wohlgefallen zuzumuten«. Was bloß einem Einzelnen gefällt, kann angenehm sein (z.B. eine besondere Farbe, ein einzelner Ton u. dgl.), aber nicht schön. Das Geschmacksurteil setzt »universale Regeln« voraus, wenn auch die Allgemeinheit hier »subjektiv« (d.h. als allgemein-subjektive Reaktion auf den schönen Gegenstand) ist, nicht auf einem Begriffe; sondern auf einem Gefühl beruht und als »Gemeingültigkeit« zu bezeichnen ist. Der Gemütszustand in dem »freien Spiele der Einbildungskraft und des Verstandes« ist die Bedingung und Grundlage dieser Allgemeinheit, eine »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«. Nur dann, wenn diese Zweckmäßigkeit der Form ohne »Reiz« oder »Rührung« zum Ausdruck kommt, ist das Geschmacksurteil »rein«. Mit der Erkenntnis der Vollkommenheit eines Gegenstandes hat das ästhetische Urteil nichts zu tun (gegen Leibniz, Baumgarten u. a.); es kommt nur auf die (durch den Gegenstand veranlaßte) »Einhelligkeit im Spiele der Gemütskräfte« an.

Es gibt zweierlei Arten von Schönheit: »Freie« Schönheit und »bloß anhängende« Schönheit. »Die erstere setzt keinen Begriff von dem voraus, was der Gegenstand sein soll; die zweite setzt einen solchen und die Vollkommenheit des Gegenstandes nach demselben voraus« (die Schönheit einer Blume — die Schönheit eines Gebäudes). Nur das Geschmacksurteil, dessen Gegenstand die freie Schönheit ist, ist rein. Begriffliche Geschmacksregeln gibt es nicht. Das Urbild des Geschmacks ist eine »bloße Idee, die jeder in sich selbst hervorbringen muß«, ein »Ideal der Einbildungskraft«. Der »Gemeinsinn«, an den wir in unseren. Geschmacksurteilen appellieren und der »exemplarische Gültigkeit« besitzt, ist eine »bloße idealische Norm«, die wir a priori voraussetzen. Das Schöne ist insofern der Gegenstand eines »notwendigen« Wohlgefallens.

Das Erhabene findet sich im Gegensatz zum Schönen auch am Formlosen, Unbegrenzten. Es führt ferner eine »Bewegung des Gemüts« mit sich. Erhaben ist, »was schlechthin groß ist«, »was über alle Vergleichung groß ist«. Die Erweiterung der Einbildungskraft ins Große ist hier das Gefallende, indem die »Unangemessenheit unseres Vermögens der Größenschätzung« das Gefühl eines »übersinnlichen Vermögens in uns« erweckt. So ist erhaben, »was auch nur denken zu können, ein Vermögen des Gemütes beweiset, das jeden Maßstab der Sinne übertrifft«. Die Urteilskraft bezieht hier die Einbildungskraft auf die Vernunft und das Übersinnliche, Unendliche. Erhaben wirkt die Natur in jenen Erscheinungen, deren Anschauung »die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt«, die also den Begriff der Natur auf ein »übersinnliches Substrat« führen, welches uns in eine erhabene Gemütsstimmung versetzt. Die Überlegenheit unserer das Unendliche denken könnenden Vernunft über das Gewaltigste der Natur ist der Grund dieser Gemütsstimmung. Das Gefühl des Erhabenen ist »ein Gefühl der Unlust aus der Unangemessenheit der Einbildungskraft in der ästhetischen Größenschätzung für die durch die Vernunft, und eine dabei zugleich erweckte Lust aus der Übereinstimmung eben dieses Urteils der Unangemessenheit des größten sinnlichen Vermögens zu Vernunftideen«. Im Gefühl des Erhabenen fühlen wir uns zugleich abgestoßen und angezogen. Je nachdem die Gemütsbewegung auf das Erkenntnis- oder auf das Begehrungsvermögen bezogen wird, liegt das »mathematisch« Erhabene (das Große der Anschauung) oder das »dynamisch« Erhabene vor. Dynamisch-erhaben ist die Natur als »Macht, die über uns keine Gewalt hat«, der wir uns als Vernunftwesen überlegen fühlen. Die eigene Erhabenheit unserer Menschlichkeit und deren Bestimmung kommt uns hier zum Bewußtsein, trotz aller physischen Ohnmacht wird unsere ureigene, höchste Kraft wachgerufen. Das Erhabene läßt uns die Natur selbst als »Darstellung von etwas Übersinnlichem« denken. Damit ist eine Annäherung an das Moralische gegeben. — Das Komische erweckt Lachen und dieses ist »ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts«. Es gibt keine Wissenschaft des Schönen, nur Kritik desselben und schöne Kunst. Von der mechanischen ist die ästhetische Kunst zu unterscheiden und diese ist entweder »angenehme« oder »schöne« Kunst. »Das erste ist sie, wenn der Zweck derselben ist, daß die Lust die Vorstellungen als bloße Empfindungen, das zweite, daß sie dieselben als Erkenntnisarten begleite«, sich an die Urteilskraft knüpft. Schöne Kunst ist »eine Vorstellungsart, die für sich selbst zweckmäßig ist, und obgleich ohne Zweck, dennoch die Kultur der Gemütskräfte zur geselligen Mitteilung befördert«. Die schöne Kunst ist eine Kunst, sofern sie zugleich Natur zu sein scheint. »An einem Produkte der schönen Kunst muß man sich bewußt werden, daß es Kunst sei und nicht Natur, aber doch muß die Zweckmäßigkeit in der Form desselben von allem Zwange willkürlicher Regeln so frei scheinen, als ob es ein Produkt der bloßen Natur sei.« Begriffliche Kunstregeln gibt es nicht, sondern schöne Kunst ist Kunst des Genies. Dieses ist »das Talent (die Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt« oder die »angeborene Gemütsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt«. Es besteht das Genie auch in dem glücklichen Verhältnis, »zu einem gegebenen Begriff Ideen aufzufinden und anderseits zu diesen den Ausdruck zu treffen«. Schönheit ist »Ausdruck ästhetischer Ideen«. Eine ästhetische Idee ist aber »diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, d. i. Begriff adäquat sein kann«, im Gegensatze zur Vernunftidee, der keine Anschauung adäquat sein kann. Die ästhetische Idee ist eine »inexponible« Vorstellung der Einbildungskraft, die Vernunftidee ein »indemonstrabler« Begriff. Genie ist geradezu »das Vermögen ästhetischer Ideen«. Die Schönheit ist letzten Endes das »Symbol des Sittlichguten«, der Geschmack im Grunde ein »Beurteilsvermögen der Versinnlichung sittlicher Ideen«.


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