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Erscheinung - Anschauung - Kategorien


Erscheinung ist aber vom Schein scharf zu sondern. Erscheinung ist das Ding, sofern es »Objekt der sinnlichen Anschauung« ist, das Ding im Verhältnisse zum Subjekt. Erscheinungen als solche sind »Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen zusammenhängen« und »Gründe« haben, die nicht selbst Erscheinungen sind. Der Satz: die Körper sind Erscheinungen, heißt also nicht etwa, die Körper scheinen bloß außer mir oder außer einander zu sein; sie sind es wirklich (in aller möglichen und allgemeinen Erfahrung), wenn auch nicht ohne Beziehung zum Erfahren überhaupt. »Ein Ding an sich« muß es geben, denn sonst wäre Erscheinung ohne etwas, was da erscheint. Die Dinge an sich sind nicht Gegenstand unserer Erkenntnis, aber sie geben den Stoff zu empirischen Anschauungen, indem sie uns »affizieren«, d.h. den Grund zu unserem Empfinden und Wahrnehmen enthalten (was noch nicht die Kategorie der Kausalität im engeren Sinne erfordert). Die Dinge sind nicht an sich das, als was wir sie anschauen; was sie unabhängig von unseren Anschauungen sind, wissen wir nicht.

Aber auch nicht, was sie unabhängig von den Formen unseres Denkens (den »Kategorien«) sind, denn auch diese sind nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern Einheitssynthesen des Denkens, des Intellekts, wie er sich allgemein in aller Erfahrung und namentlich in der Wissenschaft betätigt. — Anschauung und Denken, Sinnlichkeit und Verstand sind, wenn sie auch nur zusammen zur Erkenntnis führen und vielleicht sogar eine gemeinsame Wurzel haben, scharf zu sondern. Die Sinnlichkeit ist rein rezeptiv, der Verstand aktiv. Unter der »Sinnlichkeit« versteht Kant die Fähigkeit (»Rezeptivität«), »Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen«. »Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihnen entspringen Begriffe.« Alles Denken aber muß sich direkt oder indirekt auf mögliche Anschauung beziehen, sonst ist es leer: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.« Der Verstand vermag nichts anzuschauen, die Sinne vermögen nichts zu denken; nur aus ihrer Vereinigung kann Erkenntnis entspringen. Die Anschauung beruht auf »Affektion«, der Begriff aber (die »Einheit des Bewußtseins verbundener Vorstellungen«) auf »Funktionen« des Verstandes. Dieser hat »Spontaneität«, d.h. das Vermögen, »Vorstellungen selbst hervorzubringen«; er ist das »Vermögen zu urteilen«, das »Vermögen der Regeln«. Die Funktion des Denkens ist die Vereinigung von Vorstellungen in einem Bewußtsein, zugleich Beziehung gegebener Anschauungen auf einen Gegenstand. »Realisierte logische Funktionen« sind nun die Kategorien, die allgemeinsten Formen der gedanklich bestimmten Erscheinungen. 

Die Kategorien oder »reinen Verstandesbegriffe« entnimmt Kant den logischen Urteilsformen, in denen sie sich entfalten. Sie sind nicht Prädikate der Dinge an sich, sondern Begriffe von je einer Art »reiner Synthese« seitens des Verstandes, durch welche er Anschauungsinhalte formt, ordnet und objektiviert. Sie sind also nicht angeborene Begriffe, sondern ursprüngliche Synthesen, vermittelst Funktionen, die erst bei Gelegenheit der Anschauung wirksam werden. Diese Funktion aber ist nach Kant dieselbe Funktion, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem Urteile Einheit gibt. So viele logische Funktionen in allen möglichen Urteilen, so viele Kategorien gibt es, nämlich genau zwölf: 1. Der Quantität nach: Einheit, Vielheit, Allheit. S. Der Qualität nach: Realität, Negation, Limitation. 3. Der Relation nach: Inhärenz und Subsistenz (Substanz und Akzidenz), Kausalität und Dependenz (Ursache und Wirkung), Gemeinschaft (Wechselwirkung). 4. Der Modalität nach: Möglichkeit und Unmöglichkeit, Dasein und Nichtsein, Notwendigkeit und Zufälligkeit. Als Quelle der Kategorien ist der Verstand »reiner« Verstand; die Kategorien sind die wahren »Stammbegriffe« des reinen Verstandes. Es gibt ferner »Prädikabilien«, reine, aber (aus den Kategorien, Prädikamenten) schon abgeleitete Verstandesbegriffe (Kraft, Handlung, Leiden, Widerstand usw.). — In der Tafel der Kategorien entspringt überall die dritte Kategorie aus der Verbindung der zweiten mit der ersten. Die »mathematischen« Kategorien gehen auf Gegenstände der Anschauung, die »dynamischen« auf die Existenz der Gegenstände. Im allgemeinen sind die Kategorien Denkformen, welche einen Gegenstand überhaupt bestimmen. Sie ermöglichen, konstituieren objektive Erfahrung und Erfahrungsobjekte, indem sie erst die Mannigfaltigkeit der Anschauungen auf feste Einheiten und Zusammenhänge allgemeingültig beziehen lassen. Die »transzendentale Deduktion« der Kategorien rechtfertigt die apriorische Geltung derselben für alle mögliche Erfahrung durch den Nachweis, daß durch sie allein Erfahrung in begrifflicher Form möglich ist, daß sie also Bedingungen solcher Erfahrung sind und daß es ohne sie keine Erfahrungsobjekte. (d.h. wirkende Dinge in gesetzlichen Relationen) geben kann. Der Begriff der Kausalität z.B. ist ein apriorischer Verstandesbegriff, der erst feste Ordnung in die Erscheinungen bringt. Es ist nur dadurch, »daß wir die Folge der Erscheinungen, mithin alle Veränderung dem Gesetze der Kausalität unterwerfen«. Erfahrung möglich. So ergibt sich a priori das Gesetz: Alles, was geschieht, setzt etwas voraus, worauf es nach einer Regel folgt. Aber die einzelnen Kausalverbindungen und Gesetze können nur auf Grund denkender Verarbeitung der Erfahrung — also nicht rein apriorisch — gefunden werden. Im Gegensatze zu Hume aber schreibt Kant der Kausalität (wie allen Kategorien) strenge Notwendigkeit zu, sie hat nicht eine biologisch-psychologische, sondern eine transzendental-logische (aber nicht formal-logische) Wurzel.

Zu betonen ist, daß die Kategorien nur Erkenntnis verschaffen, wenn sie auf mögliche Anschauung sich beziehen, ohne welche sie absolut leer sind. Sie gelten nur für Gegenstände möglicher Erfahrung, dienen gleichsam nur, »Erscheinungen zu buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können«. »Unsere sinnliche und empirische Anschauung kann ihnen allein Sinn und Bedeutung verschaffen.« Was der Verstand aus sich selbst schöpft, hat er dennoch nur zum Erfahrungsgebrauch. Die Kategorien bedürfen daher »Bestimmungen ihrer Anwendung auf Sinnlichkeit überhaupt«, der »transzendentalen Schemate«, welche die Kategorien »realisieren« und auf die Sinnlichkeit » restringieren«. Indem das Schema sowohl mit der Kategorie als mit der Anschauung etwas gemein hat, ermöglicht es die Anwendung jener auf diese. Das transzendentale Schema ist »die reine Synthesis, die die reine Kategorie ausdrückt, und ist ein transzendentales Produkt der Einbildungskraft«. Die Verbindung zwischen Kategorie und Anschauung stellt die transzendentale Zeitbestimmung her. Die Schemate sind nichts als »Zeitbestimmungen a priori nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, den Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen Gegenstände«. Das Schema der Große Ist die Zahl, das der Realität die stetige Erzeugung des Inhalte in der Zeit; das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der Zeit, usw. Was also in der Kategorie abstrakt gedacht ist, wird durch den »Schematismus« als formal-anschauliche Relation gesetzt. — Die Gesetzmäßigkeit, die wir in den Dingen anschauen und erfahren, ist also schon durch die Funktionen unseres Verstandes bedingt. Dieser ist »selbst die Gesetzgebung für die Natur, d.h. ohne Verstand würde es überall nicht Natur, d.h. synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen geben«. Der Verstand ist der »Quell der Gesetze der Natur«, ohne daß aber die empirischen, einzelnen Gesetze als solche aus dem reinen Verstände entspringen. Die Frage: Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? beantwortet sich also wie folgt: Sie ist möglich, weil die Begriffe und Grundsätze, welche in ihr a priori verwendet werden, erst Natur (als objektive Erscheinung) konstituieren, herstellen.

Die apriorischen Grundsätze sind die Regeln des Gebrauchs der Kategorien, aus deren Abstraktion sie gewonnen werden. Sie sind die obersten Regeln und Bedingungen der synthetischen Urteile, zugleich allgemeine Gesetze der Natur, welche a priori erkannt werden können, sie erst machen ein »Natursystem« aus. Alles, was uns als Gegenstand vorkommen kann, steht notwendig unter Regeln, weil ohne solche überhaupt keine gegenständliche Erkenntnis möglich ist. Die Regelmäßigkeit der Natur legen wir selbst — aber methodisch, allgemeingültig, durch das Erkenntnisziel genötigt — in sie hinein. Die mathematischen Grundsätze gehen nur auf die Anschauung und sind unmittelbar evident, die dynamischen gehen auf das Dasein überhaupt und sind mittelbar evident. Das Prinzip der Axiome der Anschauung ist: »Alle Erscheinungen sind ihrer Anschauung nach extensive Größen.« Das Prinzip der Analogien der Erfahrung (nach welchen aus Wahrnehmungen Einheit, der Erfahrung entspringen soll) ist: »Alle Erfahrungen stellen, ihrem Dasein nach, a priori unter Regeln der Bestimmung ihres Verhältnisses untereinander in der Zeit.« Darin liegen die Grundsätze der Substanz, der Kausalität, der Gemeinschaft (Wechselwirkung). Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt sind: »1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.« »2. Was mit den materiellen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich.« »3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig.« Vermittelst dieser Grundsätze können wir a priori über das Allgemein-Formale aller Erscheinungen urteilen. Die Realität dieser aber ist ebenso groß für die innere wie für die äußere Wahrnehmung; das empirische Ich ist ebenso unmittelbar gegeben wie der Körper, ja die innere Erfahrung ist sogar ohne die äußere nicht möglich.


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