VIII.2. Die Einbildungskraft der Menschen ist allenthalben organisch und klimatisch; allenthalben aber wird sie von der Tradition geleitet

 

4. Daß die Lebensart und der Genius jedes Volks hiebei mächtig einwirke, bedarf fast keiner Erwähnung. Der Schäfer sieht die Natur mit andern Augen an als der Fischer und Jäger, und in jedem Erdstrich sind auch diese Gewerbe wiederum, wie die Charaktere der Nationen, verschieden. Mich wunderte, z. B. in der Mythologie der so nördlichen Kamtschadalen eine freche Lüsternheit zu bemerken, die man eher bei einer südlichen Nation suchen sollte; ihr Klima indessen und ihr genetischer Charakter geben auch über diese Anomalie Aufschluß.143 Ihr kaltes Land hat feuerspeiende Berge und heiße Quellen: starrende Kälte und kochende Glut sind im Streit daselbst; ihre lüsterne Sitten wie ihre grobe mythologische Possen sind ein natürliches Produkt von beiden. Ein gleiches ist's mit jenen Märchen der schwatzhaften, brausenden Neger, die weder Anfang noch Ende haben144; ein gleiches mit der zusammengedrückten, festen Mythologie der Nordamerikaner145, ein gleiches mit der Blumenphantasie der Indier146, die, wie sie selbst, die wohllüstige Ruhe des Paradieses haucht. Ihre Götter baden in Milch- und Zuckerseen; ihre Göttinnen wohnen auf kühlenden Teichen im Kelch süßduftender Blumen. Kurz, die Mythologie jedes Volks ist ein Abdruck der eigentlichen Art, wie es die Natur ansah, insonderheit ob es, seinem Klima und Genius nach, mehr Gutes oder Übel in derselben fand und wie es sich etwa das eine durch das andere zu erklären suchte. Auch in den wildesten Strichen also und in den mißratensten Zügen ist sie ein philosophischer Versuch der menschlichen Seele, die, ehe sie aufwacht, träumt und gern in ihrer Kindheit bleibt.

5. Gewöhnlich sieht man die Angekoks, die Zauberer, Magier, Schamanen und Priester als die Urheber dieser Verblendungen des Volks an und glaubt, alles erklärt zu haben, wenn man sie Betrüger nennt. An den meisten Orten sind sie es freilich; nie aber vergesse man, daß sie selbst Volk sind und also auch Betrogene älterer Sagen waren. In der Masse der Einbildungen ihres Stammes wurden sie erzeugt und erzogen; ihre Weihung geschah durch Fasten, Einsamkeit, Anstrengung der Phantasie, durch Abmattung des Leibes und der Seele; daher niemand ein Zauberer wurde, bis ihm sein Geist erschien, und also in seiner Seele zuerst das Werk vollendet war, das er nachher lebenslang mit wiederholter ähnlicher Anstrengung der Gedanken und Abmattung des Leibes für andere treibt. Die kältesten Reisenden mußten bei manchen Gaukelspielen dieser Art erstaunen, weil sie Erfolge der Einbildungskraft sahen, die sie kaum möglich geglaubt hatten und sich oft nicht zu erklären wußten. Überhaupt ist die Phantasie noch die unerforschteste und vielleicht die unerforschlichste aller menschlichen Seelenkräfte; denn da sie mit dem ganzen Bau des Körpers, insonderheit mit dem Gehirn und den Nerven, zusammenhangt, wie soviel wunderbare Krankheiten zeigen, so scheint sie nicht nur das Band und die Grundlage aller feinern Seelenkräfte, sondern auch der Knote des Zusammenhanges zwischen Geist und Körper zu sein, gleichsam die sprossende Blüte der ganzen sinnlichen Organisation zum weitern Gebrauch der denkenden Kräfte. Notwendig ist sie also auch das erste, was von Eltern auf Kinder übergeht, wie dies abermals viele widernatürliche Beispiele samt der unanstreitbaren Ähnlichkeit des äußern und innern Organismus auch in den zufälligsten Dingen bewährt. Man hat lange gestritten, ob es angeborne Ideen gebe, und wie man das Wort verstand, finden sie freilich nicht statt; nimmt man es aber für die nächste Anlage zum Empfängnis, zur Verbindung, zur Ausbreitung gewisser Ideen und Bilder, so scheint ihnen nicht nur nichts entgegen, sondern auch alles für sie. Kann ein Sohn sechs Finger, konnte die Familie des Porcupine-man in England seinen unmenschlichen Auswuchs erben, geht die äußere Bildung des Kopfs und Angesichts oft augenscheinlich über: wie könnte es ohne Wunder geschehen, daß nicht auch die Bildung des Gehirns überginge und sich vielleicht in ihren feinsten organischen Faltungen vererbte? Unter manchen Nationen herrschen Krankheiten der Phantasie, von denen wir keinen Begriff haben; alle Mitbrüder des Kranken schonen sein Übel, weil sie die genetische Disposition dazu in sich fühlen. Unter den tapfern und gesunden Abiponern z. B. herrscht ein periodischer Wahnsinn, von welchem in den Zwischenstunden der Wütende nichts weiß; er ist gesund, wie er gesund war; nur seine Seele, sagen sie, ist nicht bei ihm. Unter mehrern Völkern hat man, diesem Übel Ausbruch zu geben, Traumfeste verordnet, da dem Träumenden alles, was ihm sein Geist befiehlt, zu tun erlaubt ist. Überhaupt sind bei allen phantasiereichen Völkern die Träume wunderbar mächtig; ja wahrscheinlich waren auch Träume die ersten Musen, die Mütter der eigentlichen Fiktion und Dichtkunst. Sie brachten die Menschen auf Gestalten und Dinge, die kein Auge gesehen hatte, deren Wunsch aber in der menschlichen Seele lag; denn was z. B. war natürlicher, als daß geliebte Verstorbene dem Hinterlassenen in Träumen erschienen und daß, die so lange wachend mit uns gelebt hatten, jetzt wenigstens als Schatten im Traum mit uns zu leben wünschten. Die Geschichte der Nationen wird zeigen, wie die Vorsehung das Organ der Einbildung, wodurch sie so stark, so rein und natürlich auf Menschen wirken konnte, gebraucht habe; abscheulich aber war's, wenn der Betrug oder der Despotismus es mißbrauchte und sich des ganzen noch ungebändigten Ozeans menschlicher Phantasien und Träume zu seiner Absicht bediente.

Großer Geist der Erde, mit welchem Blick überschauest du alle Schattengestalten und Träume, die sich auf unserer runden Kugel jagen; denn Schatten sind wir, und unsere Phantasie dichtet nur Schattenträume. Sowenig wir in reiner Luft zu atmen vermögen, sowenig kann sich unserer zusammengesetzten, aus Staub gebildeten Hülle jetzt noch die reine Vernunft ganz mitteilen. Indessen auch in allen Irrgängen der Einbildungskraft wird das Menschengeschlecht zu ihr erzogen; es hangt an Bildern, weil diese ihm Eindruck von Sachen geben; es sieht und sucht auch im dicksten Nebel Strahlen der Wahrheit. Glücklich und auserwählt ist der Mensch, der in seinem enge beschränkten Leben, soweit er kann, von Phantasien zum Wesen, d. i. aus der Kindheit zum Mann, erwächst und auch in dieser Absicht die Geschichte seiner Brüder mit reinem Geist durchwandert. Edle Ausbreitung gibt es der Seele, wenn sie sich aus dem engen Kreise, den Klima und Erziehung um uns gezogen, herauszusetzen wagt und unter andern Nationen wenigstens lernt, was man entbehren möge. Wie manches findet man da entbehrt und entbehrlich, was man lange für wesentlich hielt! Vorstellungen, die wir oft für die allgemeinsten Grundsätze der Menschenvernunft erkannten, verschwinden dort und hier mit dem Klima eines Orts, wie dem Schiffenden das feste Land als Wolke verschwindet. Was diese Nation ihrem Gedankenkreise unentbehrlich hält, daran hat jene nie gedacht oder hält es gar für schädlich. So irren wir auf der Erde in einem Labyrinth menschlicher Phantasien umher; wo aber der Mittelpunkt des Labyrinths sei, auf den alle Irrgänge wie gebrochne Strahlen zur Sonne zurückführen, das ist die Frage.

 


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