VI.6. Organisation der Amerikaner

 

Gehen wir südlich in die ungezählten Völkerschaften Brasiliens hinunter, welche Menge von Nationen, Sprachen und Charakteren findet man hier! die indes alte und neue Reisende ziemlich gleichartig beschrieben haben.91) »Nie graut ihr Haar«, sagt Lery, »sie sind stets munter und lustig, wie ihre Gefilde immer grünen.« Die tapfern Tapinambos zogen sich, um dem Joch der Portugiesen zu entkommen, in die undurchsuchten und unabsehlichen Wälder wie mehrere streitbare Nationen. andere, die die Missionen in Paraguay an sich zu ziehen wußten, mußten mit ihrem folgsamen Charakter fast bis zu Kindern ausarten; auch dieses aber war Natur der Sache, und weder sie noch ihre mutige Nachbarn können deswegen für keinen Abschaum der Menschheit gelten.92)

Aber wir nähern uns dem Thron der Natur und der ärgsten Tyrannei, dem silber- und greuelreichen Peru. Hier sind die armen Indianer wohl aufs tiefste unterdrückt, und wer sie unterdrückt, sind Pfaffen und unter den Weibern weibisch gewordne Europäer. Alle Kräfte dieser zarten, einst so glücklichen Kinder der Natur, als sie unter ihren Inkas lebten, sind jetzt in das einige Vermögen zusammengedrängt, mit verhaltnem Haß zu leiden und zu dulden. »Beim ersten Anblick«, sagt der Gouverneur in Brasilien, Pinto93), »scheint ein Südamerikaner sanftmütig und harmlos; betrachtet man ihn genauer, so entdeckt man in seinem Gesicht etwas Wildes, Argwöhnisches, Düsteres, Verdrüßliches.« Ob sich nicht alles dieses aus dem Schicksal des Volks erklären ließe? Sanftmütig und harmlos waren sie, da ihr zu ihnen kamt und das ungebildete Wilde in den gutartigen Geschöpfen zu dem, was in ihm lag, hättet veredeln sollen. Jetzt, könnet ihr etwas anders erwarten, als daß sie, argwöhnisch und düster, den tiefsten Verdruß unauslöschlich in ihrem Herzen nähren? Er ist der in sich gekrümmte Wurm, der uns häßlich vorkommt, weil wir ihn mit unserm Fuß zertreten. In Peru ist der Negersklave ein herrliches Geschöpf gegen den unterdrückten Armen, dem das Land zugehört.

Doch nicht allenthalben ist's ihnen entrissen, und glücklicherweise sind die Cordilleras und die Wüsten in Chili da, die so viel tapfern Nationen noch Freiheit geben. Da sind z. E. die unüberwundnen Malochen, die Puelchen und Arauker und die patagonischen Tehuelhets oder das große, südliche Volk, sechs Fuß hoch, groß und stark. »Ihre Gestalt ist nicht unangenehm; sie haben ein rundes, etwas flaches Gesicht, lebhafte Augen, weiße Zähne und ein langes schwarzes Haar. Ich sah einige«, sagt Commerson94), »mit einem nicht sehr dichten, aber langhaarigen Knebelbart; ihre Haut ist erzfärbig, wie bei den meisten Amerikanern. Sie irren in den weiten Ebnen des südlichen Amerika herum, mit Weib und Kindern beständig zu Pferde, und folgen dem Wildpret.« Falkner und Vidaure95) haben uns von ihnen die beste Nachricht gegeben, und hinter ihnen ist nichts übrig als der arme kalte Rand der Erde, das Feuerland, und in ihm die Pescherähs, vielleicht die niedrigste Gattung der Menschen.96) Klein und häßlich und von unerträglichem Geruch; sie nähren sich mit Muscheln, kleiden sich in Seehundsfelle, frieren jahrüber im entsetzlichsten Winter, und ob sie gleich Wälder genug haben, so mangelt's ihnen doch sowohl an dichten Häusern als an wärmendem Feuer. Gut, daß die schonende Natur gegen den Südpol die Erde hier schon aufhören ließ; tiefer hinab, welche armselige Bilder der Menschheit hätten ihr Leben im gefühlraubenden Frost dahingeträumt!

Dies wären also einige Hauptzüge von Völkern aus Amerika; und was folgte aus ihnen fürs Ganze?

Zuerst, daß man so selten als möglich von Nationen eines Weltteils, das sich durch alle Zonen erstreckt, ins Allgemeine hin reden sollte. Wer da sagt: Amerika sei warm, gesund, naß, niedrig, fruchtbar, der hat recht; und ein anderer, der das Gegenteil sagt, hat auch recht, nämlich für andere Jahrszeiten und Örter. Ein gleiches ist's mit den Nationen; denn es sind Menschen eines ganzen Hemisphärs in allen Zonen. Oben und unten sind Zwerge, und nahe bei den Zwergen Riesen; in der Mitte wohnen mittelmäßige, wohl- und minder wohlgebildete Völker, sanft und kriegerisch, träge und munter, von allerlei Lebensarten und von allen Charakteren.

Zweitens. Indessen hindert nichts, daß dieser vielästige Menschenstamm mit allen seinen Zweigen nicht aus einer Wurzel entstanden sein könne, folglich auch Einartigkeit in seinen Früchten zeige. Und dies ist's, was man mit der herrschenden Gesichtsbildung und Gestalt der Amerikaner sagen wollte.97) Ulloa bemerkt in der mittlern Gegend besonders die kleine mit Haaren bewachsne Stirn, kleine Augen, eine dünne, nach der Oberlippe gekrümmte Nase, ein breites Gesicht, große Ohren, wohlgemachte Schenkel, kleine Füße, eine untersetzte Gestalt; und diese Züge gehen über Mexiko hinüber. Pinto setzt hinzu, daß die Nase etwas flach, das Gesicht rund, die Augen schwarz oder kastanienbraun, klein aber scharf und die Ohren vom Gesicht sehr entfernt sein,98) welches sich ebenfalls in Abbildungen sehr entlegner Völker zeigt. Diese Hauptphysiognomie, die sich nach Zonen und Völkern im Feinern verändert, scheint wie ein Familienzug auch in den verschiedensten noch kennbar und weist allerdings auf einen ziemlich einförmigen Ursprung. Wären Völker aus allen Weltteilen zu sehr verschiednen Zeiten nach Amerika gekommen, mochten sie sich vermischen oder unvermischt bleiben, so hätte die Diversität der Menschengattung allerdings größer sein müssen. Blaue Augen und blonde Haare findet man im ganzen Weltteil nicht; die blauäugigen Cesaren in Chili und die Akansas in Florida sind in der neuern Zeit verschwunden.

Drittens. Soll man nach dieser Gestalt einen gewissen Haupt- und mittlern Charakter der Amerikaner angeben, so scheint's Gutherzigkeit und kindliche Unschuld zu sein, die auch ihre alte Einrichtungen, ihre Geschicklichkeiten und wenigen Künste, am meisten ihr erstes Betragen gegen die Europäer beweisen. Aus einem barbarischen Lande entsprossen und ununterstützt von irgendeiner Beihülfe der kultivierten Welt, gingen sie selbst, so weit sie kamen, und liefern auch hier in ihren schwachen Anfängen der Kultur ein sehr lehrreiches Gemälde der Menschheit.

 


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