VI.6. Organisation der Amerikaner

 

Wie ihr Charakter, so lässt sich auch ihr sonderbarer Geschmack an der Verkünstelung ihres Körpers aus diesem Ursprunge erklären. Alle Nationen in Amerika vertilgen den Bart; sie müssen also ursprünglich aus Gegenden sein, die wenig Bart zeugten, daher sie von der Sitte ihrer Väter nicht abweichen wollten. Der östliche Teil von Asien ist diese Gegend. Auch in einem Klima also, das reichern Saft zu ihm hervortreiben mochte, hassten sie denselben und hassen ihn noch, daher sie ihn von Kindheit auf ausraufen. Die Völker des asiatischen Nordens hatten runde Köpfe, und östlicher ging die Form ins Viereckte über; was war natürlicher, als daß sie auch von dieser Väterbildung nicht ablassen wollten und also ihr Gesicht formten? Wahrscheinlich fürchteten sie das sanftere Oval als eine weibische Bildung; sie blieben also auch durch gewaltsame Kunst beim zusammengedrückten Kriegsgesicht ihrer Väter. Die nordischen Kugelköpfe formten es rund, wie die Bildung des höheren Nordens war; andere formten es viereckt oder drückten den Kopf zwischen die Schultern, damit das neue Klima weder ihre Länge noch Gestalt verändern möchte. Kein anderer Erdstrich als das östliche Asien zeigt Proben solcher gewaltsamen Verzierungen, und wie wir sahen, wahrscheinlich auch in der nämlichen Absieht, das Ansehen des Stammes in fernen Gegenden zu erhalten; selbst dieser Geist der Verzierung ging also vielleicht schon mit hinüber.

Endlich kann uns am wenigsten die kupferrote Farbe der Amerikaner irren; denn die Farbe der Geschlechter fiel schon im östlichen Asien ins Braunrote, und wahrscheinlich war's die Luft eines andern Weltteils, die Salben und andere Dinge, die hier die Farbe erhöhten. Ich wundre mich so wenig, daß der Neger schwarz und der Amerikaner rot ist, da sie, als so verschiedne Geschlechter, in so verschiednen Himmelsstrichen jahrtausendelang gewohnt haben, daß ich mich vielmehr wundern würde, wenn auf einer runden Erde alles schneeweiß oder braun wäre. Sehen wir nicht bei der gröbern Organisation der Tiere sieh in verschiednen Gegenden der Welt sogar feste Teile verändern? Und was hat mehr zu sagen, eine Veränderung der Glieder des Körpers in ihrer ganzen Proportion und Haltung oder ein etwas mehr und anders gefärbtes Netz unter der Haut?

Lasst uns nach dieser Voreinleitung die Völker Amerikas hinunter begleiten und sehen, wie sieh die Einförmigkeit ihres ursprünglichen Charakters ins Mannigfaltige mischt und doch nie verliert.

Die nördlichsten Amerikaner werden als klein und stark beschrieben; in der Mitte des Landes wohnen die größesten und schönsten Stämme; die untersten im flachen Florida müssen jenen schon an Stärke und Mut weichen. »Auffallend ist es«, sagt Georg Forster84) , »daß bei aller charakteristischen Verschiedenheit der mancherlei Nordamerikaner, die im Cookschen Werk abgebildet sind, doch im ganzen ein allgemeiner Charakter im Gesicht herrscht, der mir bekannt war und den ich, wie ich mich recht erinnerte, auch wirklich im Pescheräh im Feuerlande gesehen hatte.«

Von Neumexiko wissen wir wenig. Die Spanier fanden die Einwohner dieses Landes wohlgekleidet, fleißig, sauber, ihre Ländereien gut bearbeitet, ihre Städte von Stein gebaut. Arme Nationen, was seid ihr jetzt, wenn ihr euch nicht, wie die los bravos gentes, auf die Gebirge gerettet habt? Die Apalachen bewiesen sich als ein kühnes schnelles Volk, dem die Spanier nichts anhaben konnten. Und wie vorzüglich spricht Pagès85) von den Chaktas, Adaisses und Tegas!

Mexiko ist jetzt ein trauriges Bild von dem, was es unter seinen Königen war; kaum der zehnte Teil seiner Einwohner ist übrig.86) Und wie ist ihr Charakter durch die ungerechteste der Unterdrückungen verändert! Auf der ganzen Erde, glaube ich, gibt's keinen tiefern, gehaltnern Haß, als den der leidende Amerikaner gegen seinen Unterdrücker, den Spanier, nährt; denn so sehr Pagès z. E.87) die mehrere Milde rühmt, die jetzt die Spanier gegen ihre Unterdrückten beweisen, so kann er doch auf andern Blättern die Traurigkeit der Unterjochten und die Wildheit, mit der die freien Völker verfolgt werden, nicht verbergen. Die Bildung der Mexikaner wird stark olivenfarb, schön und angenehm beschrieben; ihr Auge ist groß, lebhaft, funkelnd; ihre Sinne frisch, ihre Beine munter; nur ihre Seele ist ermattet durch Knechtschaft.

In der Mitte von Amerika, wo von nasser Hitze alles erliegt und die Europäer das elendeste Leben führen, erlag doch die biegsame Natur der Amerikaner nicht. Waffer88), der, den Seeräubern entflohen, sich eine Zeitlang unter den Wilden in Terra firma aufhielt, beschreibt seine gute Aufnahme unter ihnen nebst ihrer Gestalt und Lebensweise also: »Die Größe der Männer war 5 bis 6 Fuß, von starken Knochen, breiter Brust, schönem Verhältnis; kein Krüppel und Unförmlicher war unter ihnen. Sie sind geschmeidig, lebhaft und schnelle Läufer. Ihre Augen lebhaftgrau, ihr Gesicht rund, die Lippen dünn, der Mund klein, das Kinn wohlgebildet. Ihr Haar ist lang und schwarz; das Kämmen desselben ist ihr öfteres Vergnügen. Ihre Zähne sind weiß und wohlgesetzt: sie schmücken und malen sich wie die meisten Indianer.« - Sind das die Leute, die man uns als ein entnervtes, unreifes Gewächs der Menschheit hat vorstellen wollen? Und diese wohnten in der entnervendsten Gegend des Isthmus.

Fermin, ein treuer Naturforscher, beschreibt die Indier in Surinam als wohlgebildete und so reinliche Menschen, als es irgend auf Erden gebe.89) »Sie baden sich, sobald sie aufstehn, und ihre Weiber reiben sich mit Öl teils zur Erhaltung der Haut, teils gegen den Stich der Moskitos. Sie sind von einer Zimmetfarbe, welche ins Rötliche fällt, werden aber so weiß als wir geboren. Kein Hinkender oder Verwachsner ist unter ihnen. Ihre langen pechschwarzen Haare werden erst im höchsten Alter weiß. Sie haben schwarze Augen, ein scharfes Gesicht, wenig oder keinen Bart, dessen geringstem Merkmal sie durch Ausreißen zuvorkommen. Ihre weißen schönen Zähne bleiben bis ins höchste Alter gesund, und auch ihre Weiber, so zärtlich sie zu sein scheinen, sind von starker Gesundheit.« Man lese Bankrofts Beschreibung90) von den tapfern Caribben, den trägen Worrows, den ernsthaften Accawaws, den geselligen Arrowauks u. f., mich dünkt, so wird man die Vorurteile von der schwachen Gestalt und dem nichtswürdigen Charakter dieser Indianer selbst in der heißesten Weltgegend aufgeben.

 


 © textlog.de 2004 • 23.10.2019 07:00:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright