Zierlich, Zierlichkeit

Zierlich; Zierlichkeit. (Schöne Künste) Wir nehmen diese Wörter in dem Sinne, den die Wörter Elegans, und Elegantia in der lateinischen Sprache haben.

Zierlich bedeutet hier nicht das, was sich durch Zierraten auszeichnet, sondern was durch eine gute, geschmackvolle Wahl des Einzelnen, das zu der Sache gehört, sich in einer schönen und angenehmeren Gestalt zeigt. Zierlich ist die Rede, darin die einzeln Wörter oder Redensarten wohl gewählt sind, um das, was sie ausdrücken sollen, nicht nur in völliger Richtigkeit, sondern auch mit Annehmkeit und Geschmack auszudrücken; darin ferner auch auf den Wohlklang und überhaupt auf alles, was, ohne Veränderung des Sinnes, den Ausdruck angenehmer machen kann, gesehen worden. Zierlich ist das Gebäude, darin mit Vermeidung alles überflüssigen oder bloß zur Pracht dienenden, alles nach den besten Verhältnissen gemacht, dazu die angenehmsten Formen gewählt sind und jede Kleinigkeit mit gehörigem Fleis, ausgearbeitet wird, so dass der feinste Geschmack nirgend Mangel noch Anstoß dabei empfindet.

 Überhaupt besteht die Zierlichkeit in Schönheit, die nicht durch Einmischung besonderer schöner Teile, sondern durch die beste Wahl des Notwendigen hervorgebracht wird. Auch die nakende Schönheit, ohne Verzierung, ist zierlich, wenn jeder und auch der kleinste der notwendigen Teile, mit Geschmack gewählt ist. Die Zierlichkeit wird gegen Reichtum und Pracht in Gegensatz gestellt,1 und dadurch wird zu verstehen gegeben, dass sie nicht in Anhäufung des Schönen, sondern in der Schönheit des Notwendigen zu suchen sei.

 Ein Gegenstand der durch vorzügliche, ihm wesentliche Kraft stark rührt, bedarf der Zierlichkeit nicht; wenn er nur Richtigkeit hat und alles Anstößige darin vermieden ist. Ein Gebäude, das durch Größe mit Einfalt verbunden, das Auge in Erstaunen setzen soll, darf nicht zierlich sein. Ein Gedanken, der sich durch große Wahrheit auszeichnet oder der groß, erhaben oder höchst pathetisch ist, braucht nicht zierlich ausgedrückt zu sein; man würde das Angenehme der Zierlichkeit bei der stärkeren Empfindung, die seine vorzügliche wesentliche Kraft erweckt, nicht bemerken.

  Zierlichkeit ist also hauptsächlich da nötig, wo größere wesentliche Kraft fehlt. Für den bloß unterhaltenden Stoff, ist sie am notwendigsten; weil sie ihm die wahre Annehmlichkeit gibt. Schon durch sie allein, wird ein Werk, das sonst keine ästhetische Kraft hätte, zum Werke des Geschmacks. Stark, nachdrücklich, rührend und pathetisch, kann man ohne Kunst sprechen; aber Zierlichkeit wird schwerlich ohne Kunst und Übung, wenigstens nie, ohne feinen Geschmack erreicht werden. Daher ist die Zierlichkeit vorzüglich die Eigenschaft der Werke des Geschmacks, die sich nicht schon durch irgend eine höhere Kraft auszeichnen.

 

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1 So sagt z B. Corn. Neposvom Atticus: Elegans, non magnificus.

 


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