Home  Impressum  Copyright Abuse Trap

Abteilung X.
 
Über die Wunder.
Abschnitt I.

 

     Dr. Tillotson's Schriften enthalten einen Beweisgrund gegen die wirkliche Gegenwart [des Leibes Christi bei dem Abendmahl], welcher so kurz, so fein und schlagend ist, als man von einem Beweisgrund gegen eine Lehre verlangen kann, die so wenig eine ernste Widerlegung verdient. »Man erkennt von allen Seiten an,« sagt der gelehrte Geistliche, »dass das Ansehen der heiligen Schrift und der Tradition sich lediglich auf das Zeugnis der Apostel stützt, welche Augenzeugen von den Wundern unsers Erlösers waren, durch welche er seine göttliche Sendung dartat. Unsere Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion sind deshalb schwächer als die Beweise für das von unseren Sinnen Wahrgenommene; denn diese waren selbst bei den ersten Gründen unserer Religion nicht stärker und mussten offenbar bei dem Übergange zu ihren Schülern abnehmen; niemand kann auf sie mehr als auf das unmittelbare Zeugnis der Sinne vertrauen. Ein schwächerer Beweis kann aber nie den stärkeren aufheben; und wenn daher auch die Lehre von der wirklichen Gegenwart noch so klar in der Bibel offenbart wäre, so würde es doch die Regeln alles Beweisens verletzen, wenn man ihr zustimmen wollte. Sie widerspricht den Sinnen, obgleich sowohl die Bibel wie die Tradition, auf welche sie sich stützt, nicht so viel beweisen wie die Sinne; so lange man nämlich sie nur als äußere Beweismittel ansieht, welche nicht durch die unmittelbare Wirksamkeit des heiligen Geistes in jedermanns Brust eingepflanzt sind.« Nichts ist willkommener als ein so entscheidender Beweisgrund, welcher die anmaßlichste Frömmelei und Gläubigkeit wenigstens zum Schweigen bringen und uns von ihren unverschämten Forderungen befreien muss. Ich schmeichle mir, einen ähnlichen Beweisgrund aufgefunden zu haben, welcher, wenn er richtig ist, bei den Einsichtigen und Gebildeten einen dauernden Schutzwall gegen alle Art von abergläubischer Täuschung bilden und deshalb seinen Nutzen, so lange die Welt steht, behalten wird. Denn so, lange werden, meines Erachtens, in allen heiligen und weltlichen Geschichtsbüchern die Erzählungen von Wundern und übernatürlichen Vorgängen angetroffen werden.

     Obgleich die Erfahrung unser einziger Führer bei der Ableitung von Tatsachen ist, so ist doch dieser Führer nicht ganz unfehlbar; er kann uns in einzelnen Fällen zum Irrtum führen. Wenn in unserm Klima Jemand in einer Woche des Juni besser Wetter als in einer Woche des Dezember erwartet, so urteilt er richtig und der Erfahrung entsprechend; und doch kann es sich treffen, dass der Erfolg ihn Lügen straft. Indes wird er in solchen Fällen keinen Grund haben, sich über die Erfahrung zu beklagen, denn sie belehrt uns im Voraus über diese Unsicherheit, welche aus den entgegengesetzten Erfolgen bei genauerer Beobachtung hervorgeht. Nicht alle Wirkungen folgen mit gleicher Gewissheit ihren angeblichen Ursachen. Einzelne Vorgänge sind nach dem Befund aller Länder und Zeiten immer, mit einander verknüpft gewesen; andere haben gewechselt und mitunter die Erwartungen getäuscht. Deshalb bestehen in unsern Folgerungen über Tatsachen alle möglichen Grade des Fürwahrhaltens von der höchsten Zuversicht bis zur niedrigsten Art moralischer Gewissheit.

     Ein kluger Mann bemisst daher seinen Glauben nach den Beweisen. Bei Folgerungen, die auf einer untrüglichen Erfahrung ruhen, erwartet er den Erfolg mit der höchsten Gewissheit und betrachtet die früheren Erfahrungen als einen vollen Beweis für das kommende Dasein dieses Ereignisses. In andern Fällen geht er vorsichtiger zu Werke; er erwägt die entgegengesetzten Erfahrungen; er untersucht welche Seite die Mehrzahl der Fälle für sich hat; dieser Seite neigt er sich zweifelnd und zögernd zu, und wenn er endlich sein Urteil fällt, so überschreitet seine Sicherheit nicht das, was man gewöhnlich Wahrscheinlichkeit nennt. Jede Wahrscheinlichkeit findet deshalb einen Gegensatz in den Erfahrungen und Beobachtungen, wo die eine Seite die andere überwiegt und ein dem entsprechendes Maß von Sicherheit hervorbringt. Hundert Beispiele und Fälle auf der einen Seite und fünfzig auf der andern geben nur einen unsicheren Anhalt über den Ausgang; steht aber nur ein Fall, jenen hunderten gegenüber, so erzeugen diese natürlich einen ziemlich starken Grad von Gewissheit. Immer müssen die entgegengesetzten Fälle, so weit sie dies sind, erwogen, und die kleinere Zahl von der grösseren abgezogen werden, um den Grad der höheren Gewissheit genau zu erkennen.

 


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 19:45:56 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2004