David Hume-Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes(An Enquiry Concerning Human Understanding)(1748)Übersetzung: J. H. v. Kirchmann, 1869 

Abteilung V.
 
Skeptische Lösung dieser Zweifel.
Abschnitt II.

 

     Nichts ist freier als die Gedanken des Menschen. Obgleich sie den ursprünglichen Vorrat von Vorstellungen, welche der innere und der äußere Sinn beschafft, nicht überschreiten können, so haben sie doch eine unbeschränkte Gewalt in Mischung, Verbindung, Trennung und Teilung dieser Vorstellungen nach allen Richtungen des Beliebens und der Phantasie. Der Mensch kann sich eine Reihe von Ereignissen bilden, die allen Anschein der Wirklichkeit haben; er kann sie in eine bestimmte Zeit und Ort stellen, sie als wirklich nehmen und sie mit allen Nebenumständen ausmalen, welche zu einem solchen historischen Ereignis gehören, an das man mit der größten Gewissheit glaubt. Worin besteht nun der Unterschied zwischen einer solchen Dichtung und der Gewissheit? Er liegt nicht in irgend einer besondern Vorstellung, welche solchen Gedanken anhaftet, die man für wahr hält, und welche jeder bloßen Dichtung abginge. Denn die Seele hat Macht über alle ihre Vorstellungen und könnte daher diese besondere Vorstellung mit jeder Dichtung verbinden, und so dahin kommen, das zu glauben, was ihr beliebte; während die Erfahrung doch lehrt, dass dies nicht stattfindet. Wir können in unserm Vorstellen den Kopf eines Menschen mit dem Leibe eines Pferdes verbinden, aber es steht nicht in unserer Gewalt, zu glauben, dass ein solches Tier existiert habe.

     Deshalb muss der Unterschied zwischen Dichtung und Glauben in einer Empfindung oder einem Gefühle liegen, welches zwar mit diesem, aber nicht mit jener verbunden ist, und was weder von dem Willen abhängt, noch beliebig zu Diensten steht. Es muss, wie alle Gefühle, durch die Natur erweckt werden und aus dem besondern Zustande hervorgehen, in dem sich die Seele unter Umständen befindet. Jeder Gegenstand, der sich den Sinnen oder dem Gedächtnis bietet, treibt durch die Macht der Gewohnheit die Einbildungskraft zur Vorstellung des Gegenstandes, welcher gewöhnlich mit ihm verbunden ist, und diese Vorstellung ist von einem Gefühl oder einer Empfindung begleitet, die sich von den bloßen Träumen der Phantasie unterscheidet. Darin besteht das Wesen des Glaubens. Denn da es keine Tatsache gibt, die man so fest glaubt, dass man sich nicht das Gegenteil vorstellen könnte, so gäbe es keinen Unterschied zwischen Vorstellungen, die man für wahr, und solchen, die man für unwahr hielte, wenn nicht ein Gefühl die eine von der andern unterschiede. Wenn ich sehe, wie eine Billardkugel auf einer glatten Fläche sich gegen eine andere bewegt, so kann ich mir wohl vorstellen, dass sie bei der Berührung stillstehen werde. Diese Vorstellung enthält keinen Widerspruch; dennoch empfinde ich bei dieser Vorstellung ganz anders, als bei der, wo ich mir den Stoss und die Mitteilung der Bewegung von einer zur andern vergegenwärtige.

     Wollte ich eine Definition dieser Empfindung versuchen, so würde dies schwer, vielleicht unmöglich sein; ebenso, als wenn ich das Gefühl der Kälte, oder die Leidenschaft des Zornes einem Menschen definieren wollte, der diese Gefühle nie empfunden hat. Glauben ist das wahre und richtige Wort für dieses Gefühl, und Niemand ist über den Sinn dieses Ausdrucks in Zweifel, weil Jedermann zu jeder Zeit sich des damit bezeichneten Gefühles bewusst ist. Indes ist eine Beschreibung dieses Gefühls vielleicht zweckmäßig; man gelangt dadurch vielleicht zu Vergleichungen, welche eine vollkommnere Einsicht gewähren. Ich behaupte also, dass der Glaube nur eine lebhaftere, lebendigere, stärkere, festere, ausharrendere Vorstellung von einem Gegenstande, als die ist, welche die Einbildung allein erreichen kann. Diese Menge von Beiworten, die unphilosophisch scheint, soll nur jenen Akt der Seele bezeichnen, der das Wirkliche oder dafür Gehaltene mehr als das Eingebildete vergegenwärtigt, im Vorstellen gewichtiger macht und ihm einen stärkern Einfluss auf die Leidenschaften und die Gedanken gibt. Sind wir über die Sache einverstanden, so brauchen wir uns über die Worte nicht zu streiten. Die Einbildungskraft gebietet über alle ihre Vorstellungen und kann sie auf alle mögliche Arten verbinden, mischen und vertauschen. Sie kann Erdichtungen mit allen zeitlichen und örtlichen Nebenumständen machen. Sie kann sie uns gleichsam vor Augen stellen, mit ihren wahren Farben, wie sie existiert haben mögen. Aber es ist unmöglich, dass diese Einbildungskraft allein je den Glauben bewirkt; der Glaube kann deshalb nicht eine besondere Art oder Ordnung der Vorstellungen sein, sondern ist eine besondere Art, wie sie entstehen und in der Seele empfunden werden. Ich räume ein, dass es unmöglich ist, dieses Gefühl oder diese Art der Entstehung zu beschreiben. Man kann Worte benutzen, die etwas Ähnliches ausdrücken; aber der wahre und richtige Name dafür ist Glaube, ein Wort, was Jeder im gewöhnlichen Leben versteht. Auch in der Philosophie kann man nicht weiter als zu dem Satze kommen, dass der Glaube ein Gefühl in der Seele ist, wodurch sie die Aussagen ihres Urteils von den Geschöpfen ihrer Einbildungskraft unterscheidet. Dies Gefühl gibt jenen mehr Gewicht und Einfluss, lässt sie wichtiger erscheinen, zwingt sie der Seele auf und macht sie zu den Grundsätzen für das Handeln. Ich höre z.B. jetzt die Stimme eines Menschen, der mir bekannt ist, und der Ton kommt aus dem nächsten Zimmer. Dieser Eindruck auf meinen Sinn führt unmittelbar mein Denken auf diesen Menschen mit allen ihn betreffenden Nebenumständen. Ich male sie mir als jetzt existierend aus, mit denselben Eigenschaften und Verhältnissen, wie ich sie früher bei ihm gekannt habe. Diese Vorstellungen fassen schneller festen Fuß in meiner Seele als die Vorstellung von einem verzauberten Schlosse. Sie sind ganz anders in der Empfindung und haben in jeder Art einen grösseren Einfluss, sowohl für Erweckung von Lust wie Schmerz, Hoffnung wie Sorge.

     Fasst man Alles hier Gesagte zusammen, so erhellt, dass die Wissensart des Glaubens nur ein innerlich stärkeres und festeres Vorstellen im Vergleich zu den bloßen Schöpfungen der Einbildung ist, und dass diese Wissensart sich aus der gewohnten Verbindung zwischen einem Gegenstand und einem den Sinnen oder dem Gedächtnis gegenwärtigen Etwas sich bildet. Mit dieser Annahme werden sich leicht andere ähnliche Geistestätigkeiten auffinden, und diese Erscheinungen auf allgemeinere Grundsätze sich zurückführen lassen.

 



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Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2004