Home  Impressum  Copyright Abuse Trap

Abteilung XII.
 
Über die Akademische oder Skeptische Philosophie
Abschnitt II.

 

Es scheint ein übermütiges Unternehmen, wenn die Skeptiker die Vernunft durch Gründe und Beweise widerlegen wollen, und doch ist dies das große Ziel ihrer Untersuchungen und Kämpfe. Sie suchen Einwürfe sowohl gegen die reinen Vernunft-Beweise, wie gegen die, welche die Tatsachen und das Dasein betreffen.

Der Haupteinwand gegen alle aus dem bloßen Denken entnommenen Beweise wird von der Vorstellung des Raumes und der Zeit entlehnt. Beides sind Vorstellungen, welche im gewöhnlichen Leben und bei sorgloser Auffassung völlig klar und verständlich erscheinen; aber bei einer gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung, deren Hauptgegenstand sie sind, führen sie zu durchaus verkehrten und widersprechenden Folgerungen. Es gibt keinen priesterlichen Glaubenssatz, der zur Zähmung und Unterjochung der widerspenstigen Vernunft erfunden worden, und der den unbefangenen Sinn mehr als die Lehre von der unendlichen Teilbarkeit des Raumes mit seinen Folgen verwirrt, so pomphaft sie auch von den Mathematikern und Metaphysikern mit Triumph und Jubel entwickelt werden. Eine wirkliche Größe, die unendlich kleiner ist als jede bestimmte Größe, und die unendlich kleinere Größen als sie selbst in sich enthält, und so fort ohne Ende, das ist ein so dreistes und wunderbares Werk, dass jeder Beweis für seine Unterstützung zu schwach bleibt; denn es verletzt die klarsten und natürlichsten Grundsätze der menschlichen Vernunft.* Was aber die Sache noch mehr verwickelt, ist, dass dieser anscheinend widersinnige Satz auf eine Reihe der natürlichsten und klarsten Beweisgründe gestützt werden kann, und dass man die Vordersätze nicht zugeben kann, ohne auch die Folgerung anerkennen zu müssen. Nichts kann überzeugender und genügender sein als die Beweise für alle Lehrsätze über Kreise und Dreiecke. Erkennt man aber diese an, so kann man nicht bestreiten, dass der Winkel zwischen der Kreislinie und ihrer Tangente unendlich kleiner ist, als jeder geradlinige Winkel; dass ferner bei einer Vergrößerung des Durchmessers des Kreises ins Unendliche, dieser Berührungswinkel immer kleiner wird, und zwar ohne Ende, und dass der Berührungswinkel zwischen andern krummen Linien und ihren Tangenten noch unendlich kleiner sein kann, als der zwischen der Kreislinie und ihrer Tangente, und so immer fort ohne Ende. Der Beweis dieses Satzes erscheint ebenso unerschütterlich als der, dass die drei Winkel eines Dreiecks zwei rechten gleich sind, obgleich der letztere Satz natürlich und leicht ist, und jener voll Widerspruch und Verkehrtheit. Die Vernunft scheint hier in eine Art von Staunen und Beklemmung versetzt zu sein; auch ohne die Angriffe des Skeptikers kann sie sich selbst und dem Boden, auf dem sie wandelt, nicht mehr vertrauen. Sie sucht ein helles Licht, was bestimmte Stellen erleuchtet, aber dieses Licht grenzt an die tiefste Dunkelheit; zwischen beiden steht sie selbst so verblendet und verwirrt, dass sie kaum noch über irgend Etwas sich gewiss und mit Überzeugung auszusprechen vermag.

Das Widersinnige solcher dreisten Behauptungen der strengen Wissenschaften wird bei der Zeit wo möglich noch greifbarer als bei dem Raume. Eine unendliche Zahl von wirklichen Zeitteilen, die einander folgen, und wo einer den andern vernichtet, erscheint als ein so offenbarer Widerspruch, dass man meinen sollte, kein Mensch mit gesundem Verstande könnte ihn je zulassen, und doch wird er durch die Wissenschaft bewiesen.

 

_________________

* Man mag über die mathematischen Punkte streiten, wie man will, so bleiben sie doch physische Punkte, d.h. Raumteile, welche weder in der Wahrnehmung noch Vorstellung noch weiter geteilt oder verkleinert werden können. Diese dem Vorstellen oder der Wahrnehmung gegenwärtigen Bilder sind unteilbar, und die Mathematiker müssen sie deshalb als unendlich kleiner gelten lassen, als irgendeinen wirklichen Raumteil. Dennoch erscheint dem Verstand nichts gewisser, als dass eine unendliche Zahl von ihnen einen unendlich großen Raum bildet. Um wie viel mehr muss dies von der unendlichen Menge jener unendlich kleinen Raumteile gelten, die noch als unendlich teilbar angesehen werden.

 


 © textlog.de 2004 • 13.12.2017 23:45:07 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2004