Machiavelli’s Schriften


Amtsberichte während des Sekretariats, Briefe u.dergl. abgerechnet, sind Machiavelli’s Hauptschriften folgende.  

Zuvörderst drei Bücher Diskurse über die erste Dekade des Livius, geschrieben, wie früher gesagt, nach seiner Absetzung vom Sekretariate. Sie enthalten seine Lehre, so wie sie in seinen übrigen politischen Schriften auch vorliegt, nur könnte man als ihren Hauptcharakter angeben, vorzügliche Klarheit und Popularität, für welche ihm dadurch, dass er eine bestimmte Begebenheit, oder ein Raisonnement seines Autors zur Stütze hatte, vorgearbeitet war. Zu derselben Zeit hat er auch seine sieben Bücher von der Kriegskunst geschrieben.  

Man erlaube mir auf Veranlassung des letztgenannten Werks zu bekennen, dass, obwohl ich von der Kriegskunst nichts verstehe, ich dennoch glaube, dass es der Mühe wert sei, dass ein Mann von tiefen Kenntnissen über das Militärwesen, und der ohne Vorurteil sei, und von Einfluss, dieses Werk noch einmal gründlich studiere, und dass ich dafür halte, dies, falls es geschehen sollte, könne von wichtigen Folgen sein. Zu Machiavelli’s Zeiten war die Infanterie in Italien so wenig geachtet, dass in einer Armee von 20000 Mann es oft kaum 2000 Infanteristen gab. Er zeigt, dass allein die Infanterie den Nerv der Armeen ausmache, mit einleuchtenden Gründen; man ist seitdem allgemein desselben Glaubens geworden, vielleicht nicht ohne Macchiavelli’s Zutun. Aber es ist noch ein zweiter, wichtigerer und für unsere Zeiten entscheidender Punkt in der Machiavelli’schen Kriegskunst. Es ist nämlich, so viel der in der Kunst Uneingeweihte darüber erkunden kann, die allgemeine Meinung unserer Tage, dass im Kriege die Artillerie Alles entscheide, dass dieser nur durch noch besser eingerichtete Artillerie die Wage zu halten, gegen sie selbst aber kein Gegenmittel sei; und in der Trat sind auch die letzten Schlachten, welche Europa in die gegenwärtige traurige Lage gebracht haben, lediglich durch dieses Mittel entschieden worden. Ganz anderer Meinung ist Machiavelli; er glaubt, die Artillerie sei in offener Feldschlacht nur gegen Feige furchtbar, eine brave und zweckmäßig bewaffnete Armee aber bedürfe keiner und könne die des Feindes verachten. Er will alle Schlachten, nach Art der Alten, in ein Gefecht in der Nähe, und in Handgemenge verwandeln, und ist in Absicht der Artillerie für das gerade darauf Losgehen, indem ja, wenn man nur an sie heran sei, sie ohne Rettung verloren gehe. Die von Andern aufgeworfene Frage, ob wohl, wenn die Feinde der Römer ihnen Artillerie entgegen zu setzen gehabt hätten, diese ihre Eroberungen gemacht haben würden, beantwortet er, wie uns vorkommt, sehr plausibel, also: allerdings würden sie es, denn sie wussten sich gegen die weit furchtbareren Elephanten und Sichelwagen, die ihnen entgegengesetzt wurden, zu verteidigen, und diese zu überwinden. Ein Hauptaugenmerk bei Armeen ist ihm die Bewaffnung derselben. So will er, als die eigentliche Stärke der Armeen, wie oben gesagt, Infanterie, und zwar zwei Arten derselben, die er, nach bestimmten Regeln in einander geordnet, in Schlachtordnung stellt; erstens, eine, gerüstet nach Art der alten Römer, vollkommen geharnischt, mit Schild und kurzem römischen Degen, die zweite, nach Art der Neueren, mit Lanzen. Die Bajonette sind ihm unbekannt.  

Wenn man erwägt, dass von jeher alle Veränderungen in den Verhältnissen der Völker sich auf die Veränderung der Führung des Krieges, und die der Waffen, gegründet haben, und wenn man sieht, dass in der gegenwärtigen Kriegskunst Alles in die Artillerie gesetzt werde, so leuchtet ein, dass, wenn plötzlich, wie aus der Erde hervorkommend, ein Heer aufträte, für welches die Artillerie vernichtet wäre, dieses fürs Erste schnell und ohne Widerstand die Oberhand gewinnen, und seinen Gebieter in den Stand setzen würde, Europa diejenige Gestalt zu geben, welche er für die rechte hielte. Und so wäre es denn wohl der Mühe wert, dass von solchen, die nicht die Knechtschaft Europens wollen, sondern seine Freiheit und seine Ruhe, jenen Gedanke Machiavelli’s noch einmal gründlich untersucht, und entschieden, ob derselbe, der damals ohne Zweifel leicht ausführbar gewesen wäre, noch jetzt, nach den Fortschritten, die seitdem die Artillerie genommen, noch ausführbar sei, und auf welche Weise. Nur ist zu wünschen, dass einem solchen, nebst den übrigen oben erwähnten Qualitäten, ganz besonders die nicht abgehe, dass er ohne Vorurteil sei, oder die Kraft habe, ein Vorurteil aufzugeben. Denn ungeachtet wir uns selbst, wie billig, alles Urteils in dieser Sache bescheiden, so erlauben wir uns dennoch, zu bemerken, dass wir anderwärts gewiss wissen, dass es in allen Dingen wunderbare Schreckbilder gebe, vor welchen die Gegenwart durchaus nicht vorbei kommen kann, und über welche die Nachwelt lachen wird, und dass wir, in Absicht des Kriegswesens, des geheimen Verdachts, den wir freilich nicht begründen zu können gestehen, uns nicht erwehren können, dass der Respekt gegen das Schießpulver unter diese wunderbaren Beschränkungen des modernen Denkens und Mutes gehören möge.  

Der erwähnten beiden Schriften Resultate legte er in seiner Schrift: der Fürst, dem Lorenzo von Medicis dar. So sagt er selbst in der Zuschrift an diesen: »Ich glaube Euer Magnifizenz kein besseres Geschenk bringen zu können, als indem ich Dieselbe in den Stand setze, in der allerkürzesten Zeit alles dasjenige zu lernen, auf dessen Erlernung ich selbst so viele Jahre, unter so vielen Drangsalen und Gefahren, habe verwenden müssen.« Vieles in diesem Buche ist gleichlautend mit dem, was in den Diskursen gesagt ist; und obwohl nicht Alles, was in diesem Buche enthalten ist, auch in den Diskursen vorkommt, indem das Erstere nach einem anderen Plane verfasst ist, so geht doch Alles hervor aus demselben Geiste; dass es daher ein sehr unglücklicher Einfall des florentinischen Vorredners ist, dem Fürsten die Diskurse entgegen zu setzen, und jenen durch diese bestreiten zu wollen.  

Beilagen zu der letztern Schrift sind das Leben des Castruccio Castracani, dessen historische Grundlage sich im zweiten Buche der florentinischen Geschichten unsers Verfassers vorfindet; eine Art von Archontopädie des Machiavelli’schen Fürsten, geschrieben zur Nachahmung des von Machiavelli als Verfassers der Kyropädie sehr geschätzten Xenophon; imgleichen die Erzählung, wie Cesar Borgia den Vitellozzo Vitelli, Oliverotto von Fermo, Herrn Pagolo, und den Herzog von Gravina, Orsini, berückt habe. Beilagen sind es, habe ich gesagt, zu dem Buche vom Fürsten, wie aus dem Texte des letzteren hervorgeht (obwohl der Inhalt der letzteren Schrift auch in einem Amtsberichte vorgekommen sein mag), wie sie denn auch als solche, in den alten Ausgaben mit fortlaufender Seitenzahl jenem beigedruckt sind. Nur den neueren florentinischen Herausgebern, die nun einmal nicht umhin konnten, sich des Machiavelli’schen Fürsten in die Seele seines Verfassers zu schämen, hat es gefallen, diese Dinge durch einander zu werfen und anderwärts einzurücken, damit man auch nicht durch sie auf die wahre Tendenz jenes Buchs gebracht würde, und es ihnen leichter würde, ihren modrigen und übel riechenden Staub dem Leser in die Augen zu werfen.  

Alles Genannte ist, wie aus den Schriften selbst hervorgeht, noch unter der Regierung des Papstes Leo geschrieben. Die spätere und letzte seiner großen schriftstellerischen Arbeiten sind die acht Bücher florentinischer Geschichten, endend mit dem Tode Lorenz von Medicis, des Enkels Kosmus. Für die Fortsetzung hatte er vorgearbeitet, und ein Teil dieser Vorarbeiten sind uns durch die neueren Herausgeber, unter dem Titel historischer Fragmente, mitgeteilt worden.  

Noch haben wir von ihm gelesen, vier eigene Komödien (darunter eine ganz in Versen); und eine Übersetzung der Andria des Terentius. Unter den ersten ist Clizia freilich eine bloße ziemlich getreue Nachahmung der Casina des Plautus, und auch den übrigen dient Plautus zum Muster. Doch lässt sich insbesondere von der schon oben erwähnten Mandragola rühmen, dass Intrige und Witz eigentümlich und originell sind, was von den wenigsten der übrigen neueren Komiker sich rühmen lässt, welche größtenteils in Nichts zergehen würden, wenn ihnen abgezogen würde, was sie von Terentius, und ganz vorzüglich von Plautus, entlehnt haben; wie denn z.B. des so viel geltenden Moliere’s einzelne Scherze, denen der Unkundige es nimmermehr ansehen würde, z.B. im Amphitruo, dem Geizigen u.s.w. ganz getreu, und, wie es uns scheint, noch witziger gesagt, in den Vorbildern dieser Komödien beim Plautus sich vorfinden. Im Prologus zu dieser Mandragola sagt Machiavelli: »Falls dieser Gegenstand in seiner Geringfügigkeit nicht würdig scheinen sollte eines Mannes, der für ernsthaft und weise gelten will, so entschuldigt ihn damit, dass er durch diese Spiele der Phantasie die trüben Stunden, die er verlebt, aufheitern möchte, indem er eben jetzt nichts Anderes hat, wohin er seine Blicke wende, und es ihm benommen ist, Gaben anderer Art in andern Unternehmungen zu zeigen.« Diese Entschuldigung, die seinen Zeitgenossen und Mitbürgern ohne Zweifel genug tat, tue auch genug der Nachwelt, falls es bei ihr hierüber einer Entschuldigung bedürfen sollte.  

Zwei Jahr vor seinem, 1527 in seinem 59sten Lebensjahre, erfolgten Tode, trat er, in mancherlei außerordentlichen Aufträgen, die er erhielt, wieder in die Staatsgeschäfte. Er starb, ungeachtet dieser bedeutenden Aufträge und des Vertrauens, welches zwei hinter einander regierende Päpste auf ihn setzten, und oft benutzten, und ungeachtet des wichtigen Amtes, das er vierzehn Jahre lang in seiner Republik verwaltet hatte, dennoch in der Armut, deren Ehrwürdigkeit er immer als einen ehrenden Charakterzug einer Republik gepriesen hatte; welches nur als Beweis für seine eigene Integrität und Bescheidenheit angeführt wird, keineswegs aber, um seiner Zeit, seinem Vaterlande und seinen Gönnern darüber einen Vorwurf zu machen.  


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