Intellektueller und moralischer Charakter des Schriftstellers Machiavelli


Machiavelli ruht ganz auf dem wirklichen Leben, und dem Bilde desselben, der Machiavelli ruht ganz auf dem wirklichen Leben, und dem Bilde desselben, der Geschichte, und Alles, was der feinste, umfassendste Verstand, und praktische Lebens- und Regierungsweisheit in die Geschichte hinein zu legen, und eben darum wieder aus ihr heraus zu entwickeln vermag, leistet er mustermäßig, und, wie wir zu glauben geneigt sind, vorzüglich vor den anderen neueren Schriftstellern seiner Art. Ganz aber außerhalb seines Gesichtskreises liegen die höheren Ansichten des menschlichen Lebens und des Staats, aus dem Standpunkte der Vernunft; und dem, was er sich als Ideal denkt, ist er so abgeneigt, dass er (Kap.15. des Fürsten) sagt: »Obwohl schon so viele vor ihm über das Betragen, welches ein Fürst gegen seine Untertanen und Freunde annehmen solle, Regeln gegeben, so wage er es dennoch auch nach ihnen über diesen Gegenstand zu schreiben, indem er hierin ganz anderen Grundsätzen folge, denn jene. Es scheine ihm nämlich zuträglicher, sich an die wirkliche Beschaffenheit der Dinge zu halten, als an die eingebildete. Man habe so viele Republiken und Fürstentümer sich ausgedacht, die man doch niemals in der Wirklichkeit gesehen, und das: Wie man lebe, liege so weit entfernt von dem: Wie man leben solle, dass, so Jemand für das was geschehen solle, liegen lasse das was geschehe, er seinen Lehrling vielmehr lehren würde sich zu Grunde zu richten, als sich zu erhalten; indem ein Mann, der in allen Umständen gut sein wollte, unter der Menge derer, die nicht gut sind, notwendig zu Grunde gehen müsste.«  

Sehr freundlich löset sich hinterher einige Verworrenheit, die in dieser Stelle ist, und es verschwindet die Anstößigkeit besonders der Äußerung, mit welcher die Stelle schließt, wenn man sieht, dass Machiavelli’s Moral nicht etwa eine einzige, in sich selber geschlossene und zusammenstimmende Tugendhaftigkeit, sondern dass sie einzelne Tugenden zu Dutzenden habe, von denen er freilich mit Recht klagt, dass sie weder unter einander, noch mit der Bestimmung eines Regenten zusammenstimmen wollten. Sind die eingebildeten Musterstaaten, die er tadelt, Verschmelzungen solcher Disparaten, so ist sein Tadel sehr gerecht. Er zeigt hinterher von mehreren dieser seiner Tugenden, z.B. von der unbegrenzten und unbesonnenen Freigebigkeit, von der Clemenz, oder bestimmter, von der weichen Empfindelei, die sich nicht entschließen kann, an dem Verbrecher die verwirkte Strafe zu vollziehen, dass dieselben mit einem tüchtigen Fürsten nicht zusammenstimmen, und zwar sehr richtig, auch nach unserer Meinung, indem es ja vielmehr Laster sind.  

So benennt er wiederum das was wirkliche Tugenden sind, eine weise Sparsamkeit, eine Strenge, die unerbittlich über die Ausübung des Gesetzes hält u.s.w., nach der Volkssprache, mit den Namen von Lastern, denen der Kargheit, der Grausamkeit u.s.w. Diese Beschränktheit der Einsichten des Mannes in die Moral, und die daher entstehende Beschränktheit seiner Sprache, worin er übrigens nur die Schuld seines Zeitalters teilte, keineswegs aber selbst sie verwirkt hatte, muss man vor allen Dingen begriffen haben, um den Mann zu verstehen, um ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen zu können: keineswegs aber | muss man ihn richten nach Begriffen, die er nicht hat, und nach einer Sprache, die er nicht redet. Das Allerverkehrteste aber ist, wenn man ihn beurteilt, als ob er ein transzendentales Staatsrecht hätte schreiben wollen, und ihn, Jahrhunderte nach seinem Tode, in eine Schule zwingt, in welche zu gehen er gleichwohl im Leben keine Gelegenheit hatte.

Sein Buch vom Fürsten insbesondere sollte ein Not- und Hilfsbuch sein für jeden Fürsten in jeder Lage, in der sich einer befinden könnte, und er legt, besonders von der Beschaffenheit seines Vaterlandes und seines Zeitalters geleitet, den Plan umfassend genug an. Die eigene Herzensangelegenheit, welche bei der Abfassung desselben ihn leitete, war der Wunsch, einige Festigkeit und Dauer in das in unaufhörlichem Schwanken sich befindende Staatenverhältnis von Italien zu bringen. Als die erste Pflicht des Fürsten steht demnach da die Selbsterhaltung; als die höchste und einzige Tugend desselben, die Konsequenz. Er sagt nicht: sei ein Usurpator, oder, bemächtige dich durch Bubenstücke des Regiments; vielmehr empfiehlt er in Absicht des Ersteren, dass man vorher wohl bedenke, ob man es auch werde durchführen können, und von dem Letzten spricht er nie empfehlend. Wohl aber sagt er: bist du denn nun einmal ein Usurpator, oder bist du nun einmal durch Bubenstücke zum Regiment gekommen, so ist es doch immer besser, dass wir dich, den wir nun einmal haben, behalten, als dass ein neuer über dich kommender Usurpator oder Bube, neue Unruhen oder Bubenstücke anrichte; man muss daher wünschen, dass du dich behauptest, aber du kannst dich nur auf die und die Weise behaupten. Es wird auch in Beziehung auf diese Beratung Jeder ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, dass er immer noch die sanftesten Mittel, und diejenigen, bei denen das gemeine Wesen noch am Besten bestehen kann, in Vorschlag bringt. In diesem Zusammenhange wird man hoffentlich weniger zurückschrecken, wenn man hört, dass Macchiavelli z.B. den Cesar Borgia als Muster aufstellt. Wegen seiner Grausamkeit hatte er ihn schon aus der Reihe der Vortrefflichsten ausgestrichen; worin er ihn aber als Muster empfiehlt, dass er in einer völlig verwilderten Provinz in kurzer Zeit Ruhe, Ordnung und öffentliche Sicherheit eingeführt, dass er sich der Untertanen angenommen u.s.w., das ist in der Trat lobenswürdig, um so mehr, da es höchst selten war in jenem Zeitalter.  

Besonders dieses, das Zeitalter unsers Schriftstellers, lasse man bei der Beurteilung desselben nie aus den Augen. Er erzählt z.B., nicht gerade mit besonderem Ausdrucke der Missbilligung, wie Cesar Borgia mehrere mächtige Baronen, unter ihnen Oliverotto, Tyrannen von Fermo, in die Falle gelockt, und sie treulos ermordet habe. Dieses Oliverotto Geschichte, wie er durch verräterische Ermordung seines Onkels, der den früh Verwaisten väterlich bei sich aufgenommen und erzogen hatte, und aller der ersten Bürger von Fermo, sich der Oberherrschaft bemächtigt, kann man bei Macchiavelli selbst nachlesen; die übrigen von Borgia Verratenen waren nicht besser; und überhaupt beruhte die Fortbewegung der damaligen Geschichte Italiens darauf, dass irgend ein neuer Bösewicht kam, der alten gereiften Bösewichtern den Lohn gab, bis auch er reif wurde, und bei einem anderen ihm gleichen Bösewichte auch seine Strafe fand. Die Weise aber, wie sie vom Cesar sich berücken lassen, fasst Macchiavelli in folgende merkwürdige Worte: »Er überredete sie, dass er wolle, dass ihnen gehören solle, was er erworben habe, und dass er mit dem bloßen Titel des Fürsten sich begnügen, das Fürstentum selbst aber an sie abtreten wolle.« Ist es ein Wunder, wenn Macchiavelli, nach welchem wohl die Dummheit auch ein Laster sein mochte, und der ohne Zweifel glaubte, wenn man ein großer Bösewicht sei, so müsse man wenigstens nicht noch dazu ein großer Dummkopf sein, nicht sehr geneigt war, die Berückten zu beklagen, oder auf ihren Unterdrücker zu zürnen?  

Jene Konsequenz nun, und jene gründliche Besonnenheit, die er den Fürsten im Leben anmutet, und noch überdies, was er jenen nicht anmutet, treue Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit, sind selbst die Grundzüge des Schriftstellers Machiavelli. Was da folgt, das sagt er, und sieht sich nach allen Seiten um, was da noch folge, und sagt es Alles; besorgt einzig um die Richtigkeit seiner Schlüsse, und durchaus keine andere Rücksicht kennend: als ob niemals Jemand etwas dagegen gehabt habe, und nie Einer etwas dagegen haben werde, dass man, was einmal wahr ist, auch sage. Oft verweilt er gerade bei den paradoxesten Sätzen mit Etwas, das man in gutem Sinne kindliche Naivität nennen möchte, auf dass man doch ja einsehen möge, wie er es meine, und dass er es wirklich also meine*).  

Wie daher auch Jemand über den Inhalt der Schriften Machiavelli’s denken möge, so werden sie immer in ihrer Form, durch diesen sicheren, klaren, verständigen und wohlgeordneten Gang des Raisonnements, und durch einen Reichtum an witzigen Wendungen, eine sehr anziehende Lektüre bleiben. Wer aber Sinn hat für die in einem Werke ohne Willen des Verfassers, sich abspiegelnde sittliche Natur desselben, der wird nicht ohne Liebe und Achtung, zugleich auch nicht ohne Bedauern, dass diesem herrlichen Geiste nicht ein erfreulicherer Schauplatz für seine Beobachtungen zu Teil wurde, von ihm hinweggehen.  

 

*) Ganz besonders gilt die letzte Bemerkung von seinem Buche vom Fürsten. Es war daher ein sehr unglücklicher Einfall des Vorredners zur florentinischen Ausgabe von 1782, dass es mit diesem Buche Machiavelli nicht Ernst gewesen sei, dass es eine Satire sei - wie es denn auch noch zum Überflusse durch die Diskurse über den Livius widerlegt sei. Dass einem solchen Vorredner Machiavelli’s Fürst unbegreiflich blieb, ist kein Wunder; aber dass derselbe den Ton der treuen Ehrlichkeit in diesem Werke hätte erkennen, zugleich auch begreifen sollen, welchen perfiden Charakter er seinem Schützlinge beilege, durch die Annahme, dass er mit diesem Tone den Lorenzo nur habe persiflieren wollen, wäre ihm doch gleichwohl anzumuten gewesen.  


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