Auszug aus dem Aufrufe, Italien von den Barbaren zu befreien.
An Lorenzo von Medici.
(Im Original der Schluss des Buches vom Fürsten.)


- Niemals wahrhaftig ist die Zeit einem Fürsten, der Schöpfer einer neuen Ordnung der Dinge in Italien zu werden vermöchte, günstiger gewesen, als eben jetzt; und wenn, wie ich ein ander Mal gesagt habe, das Volk Israel in der Knechtschaft der Ägypter sein musste, damit Moses Tugend offenbar würde, und die Perser unterdrückt von den Medern, damit die Seelengröße Cyrus an den Tag käme, und die Athenienser zerstreut, damit die Trefflichkeit Theseus sich zeigte, so war es gegenwärtig notwendig, dass Italien von seinem dermaligen Schicksale betroffen würde, und dass es in härtere Knechtschaft fiele, denn die der Hebräer, in schmählichere Sklaverei, denn die der Perser, in verworrenere Zerstreuung, denn die der Athenienser, ohne Haupt, ohne Verfassung, geschlagen, ausgeplündert, zerrissen, durchstreift, allen Arten der Gewalttätigkeit und des Hohnes Preis gegeben, damit die Herrlichkeit eines italischen Geistes an das Licht käme.

Und obwohl diesem Lande einmal eine Hoffnung der Rettung entgegenschimmerte, so liegt es doch nun wieder wie ohne Leben da, und erwartet den Helfer, der seine Wunden heile. Man sieht es flehende Hände zu Gott aufheben, um einen Heiland, der es errette von dieser Grausamkeit und dieser Insolenz der Barbaren. Man sieht es fertig stehend und bereit, einem Paniere zu folgen, wenn eine Hand sich fände, die es ergriffe. Auch sieht man nirgends Jemand, von dem es sicherer hoffen könne, als von Eurem erlauchten Hause, dass dieses mit seiner Mannhaftigkeit und mit seinem Glücke, sich zum Haupte dieser Erlösung mache. Sogar wird euch dieses nicht sehr schwer fallen, wenn ihr nur die Leben und Handlungen der obengenannten Männer stets vor Augen behaltet. Denn obwohl solche Männer selten sind, und bewundernswürdig, so waren sie dennoch nichts mehr, denn Menschen, und Keinem war die Gelegenheit so günstig als Euch, und ihr Unternehmen war nicht gerechter denn dieses, noch leichter, noch war Gott mehr ihr Freund, denn der Eurige. Hier ist große Gerechtigkeit, wenn derjenige Krieg gerecht ist, der da notwendig ist, und diejenige Bewaffnung menschenfreundlich, wo keine Hoffnung übrig ist, als auf die Waffen. Hier ist die höchste Geneigtheit Aller, und wo große Geneigtheit ist, da kann keine große Schwierigkeit sein; immer vorausgesetzt, dass ihr Euch an die Weise derjenigen haltet, die ich Euch als Muster aufgestellt habe. Gott hat schon viel für Euch getan, aber er will niemals Alles tun, um uns nicht des freien Willens, und der Ehre, welche auf unsern Teil fällt, zu berauben.

 

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Man lasse sich darum ja nicht diese Gelegenheit entgehen, auf dass Italien endlich seinen Heiland erscheinen sehe. Ich kann nicht aussprechen, mit welcher Liebe derselbe werde aufgenommen werden in all den Provinzen, die durch diese Ausströmungen des Auslandes gelitten haben, mit welchem Durste der Rache, mit welcher unerschütterlichen Treue, mit welcher kindlichen Ergebenheit, mit welchen Tränen. Welches Tor würde sich ihm verschließen? Welches Volk ihm den Gehorsam verweigern? Wessen Eifersucht sich ihm in den Weg stellen? Welcher italische Mann ihm seine Ergebenheit versagen? Jedem kehrt sich ja das Herz um im Leibe vor dieser Oberherrschaft der Barbaren.

So ergreife denn also Euer erlauchtes Haus diese Aufgabe mit dem Mute und den Hoffnungen, mit welchen gerechte Unternehmungen angetreten werden, damit unter dessen Fahnen dieses unser Vaterland verherrlicht und unter dessen Auspizien erfüllt werde jener Spruch des Petrarca:

 

Der Mut wird sich erheben

Gegen die Wut, dass bald sei ausgestritten,

Zum Zeichen, dass noch leben

In des Italiers Brust die alten Sitten.

 

Aus der Zuschrift des Buches vom Fürsten an Lorenzo.

 

Auch halte man es nicht für Vermessenheit, wenn ein Mann aus niederem Stande es wagt, über die Verwaltung der Fürsten zu schreiben, und dieselbe unter Regeln zu bringen: denn so, wie diejenigen, die eine Gegend abzeichnen, ihren Standpunkt in der Ebene nehmen, um die Gestalt der Berge und der Anhöhen in das Auge zu fassen, - auf den Bergen aber, um die tiefer liegende Gegend zu betrachten; eben so muss man Fürst sein, um die Eigenschaften der Völker, und aus dem Volke, um die der Fürsten wohl zu erkennen

 

Zusatz.

 

M.’s Einfall ist scheinbar und witzig, aber näher angesehen, beweiset er nur gegen die im Purpur geborenen Fürsten, unter die nicht einmal Lorenzo gehörte, keineswegs aber gegen die neuen Fürsten, auf die er vorzüglich rechnet, und die insgesamt aus dem Volke sind. Da überdies die Vermessenheit und Anmaßung, gegen welche dieser Einfall gerichtet ist, seit Macchiavelli’s Tagen nicht verschwunden, sondern nur lauter und unbescheidener geworden, so dürfte es der Mühe wert sein, dass man über diesen Punkt sich noch deutlicher und entscheidender auslasse.

Was mag wohl zu einem richtigen Urteile über Staatssachen, und um in jedem vorkommenden Falle die sicherste Maasregel ausfindig zu machen, erforderlich sein? Ich denke, in Absicht der Materie, eine gründliche Einsicht in die Gesetze der Staatsverwaltung überhaupt, welche sich auf philosophische Erkenntnis, auf Bekanntschaft mit der Geschichte der Vorwelt, und der unserer Tage, und auf tiefe Kenntnis des Menschen gründet, welche letztere wieder nicht von der Anzahl der Gesichter, die wir an uns haben vorübergehen lassen, sondern vorzüglich davon abhängt, dass man selbst ein von allen Seiten ausgearbeiteter und vollständiger Mensch sei, und sich kenne; sodann, in Absicht der Form, ein fester und geübter Verstand, der das Objekt seines Nachdenkens in reiner Absonderung zu fassen, und dasselbe ohne Zerstreuung oder Verwirrung fest zu halten wisse, bis er es zermalmt und in seinem Wesen durchdrungen habe.

Und auf welchem Wege erhält man denn diese Erfordernisse der Staatskunst? Ich weiß nicht anders, als dass es allein durch gründliches Studium der Wissenschaften geschehe, durch dieses aber auch ganz und vollständig; dass somit jeder durch die Wissenschaften gründlich ausgebildete Mann, welcher Geburt er übrigens sei, ein tüchtiger Staatsmann sein würde, sobald er es wollte, keiner aber ohne diese wissenschaftliche Bildung, welcher Geburt auch er übrigens sein dürfte, es jemals zu sein vermöchte, und dass kein Ahnenbrief und keine Hofgunst jenen wesentlichen Mangel ersetzen könne. - Dadurch, dass man die Fertigkeit hat, schnell von einem Gegenstande zum andern überzuspringen, und über jeden etwas Scheinbares und Witziges zu sagen, ohne einen einzigen fest zu halten, und so ein angenehmer Gesellschafter in flachen Zirkeln wird, erhält man gar nicht, noch legt man dar, das entgegengesetzte Vermögen der tiefen und gründlichen Untersuchung. In der Fertigkeit aber in Halblügen, Pfiffen, Praktiken und Schwänken, die man in Spielhäusern lernen kann, besteht nun vollends nicht die Staatskunst, und der irrt sehr, der sie darein setzt. - Sollte ja an einem solchen in ernsterer Arbeit gebildeten Politiker von der Schwerfälligkeit seiner Logik, und von dem Staube seiner Bücher etwas hängen geblieben sein, so wird sich ja leicht ein Höfling finden, der, wenn er nur den Verstand hat, seine Gedanken richtig aufzufassen, diesen Gedanken seine glättere Zunge leihe.

Auch sage man nicht: von wessen Treue in den öffentlichen Geschäften man versichert sein soll, der muss durch Familie, durch Länderbesitz u.dgl. Garantie leisten können; denn so, wie bei dem Untüchtigen gerade diese Besitztümer so Muth wie Treue beugen können: so dürfte zuweilen derjenige, der durch die Wissenschaft sich gewöhnt hat, über das Sichtbare und die Gegenwart hinaus zu blicken, ein Eigentum anderer Art haben, das ihn innigst, und bis auf Leben oder Tod, verknüpft mit der gerechten Sache.

Der, wohl auch nicht ohne Beabsichtigung entstandene, nächste Erfolg jener Anmaßung ist der, dass man in diesem, der Aufsicht der öffentlichen Meinung und der Schriftstellerei wohl mehr, als irgend ein anderes, bedürftigen Fache, dieser Aufsicht glücklich sich entzieht, durch den Spruch: das sind Stubengelehrte, was können diese von Politik wissen? welchem Spruche das Volk glaubt. Als ob irgend ein Weiser der Vorwelt oder unserer Tage seine Weisheit wo anders erworben hätte, als in der Einsamkeit und Zurückgezogenheit, und als ob der Verstand auf Hoffesten und in Assembleen ausgeteilt, oder auf den Gassen gefunden würde; als ob die Politik eine Art von Zauberkunst sei, zu der es vermittelst natürlicher Mittel keinen Zugang gebe, und zu welcher nur der unter einem gewissen Gestirn Geborne hindurch dringen könne; endlich, als ob jene von ihrem gepriesenen Leben in der großen Welt, und von ihrem Zutritte zu den ersten Quellen, irgend einen Vorteil aufzuweisen vermöchten, außer dem, dass sie die neuesten Nachrichten einige Stunden früher wissen.  


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