2. Stoff und Form
(Möglichkeit - Wirklichkeit)


Trotz seiner Bestreitung der platonischen Ideenlehre, fühlt Aristoteles das Bedürfnis, etwas von deren leitenden Gedanken in seine »erste« Philosophie hinüberzuretten. Zu diesem Zwecke führt er ein seitdem in der Philosophie eingebürgertes Begriffspaar ein: Form (mit dem platonischen eidos, aber auch als morphê = Gestalt bezeichnet) und Stoff oder Materie (hylê, von ihm selbst erfundener t. t.). Der Stoff ist die gestaltlose, starre Substanz, das »zugrunde Liegende« (hypokeimenon), die Form dessen Gestaltung. Erz und Marmor z.B. sind der Stoff, die fertige Bildsäule die Form; Holz, Steine und Erde der Stoff, das Haus ihre Form; bei dem Menschen sein Leib der Stoff, Leben und Seele die Form. Nie existiert ein Stoff ohne alle Form, wohl dagegen ein selbständiges Formprinzip: der reine Begriff oder das bleibende Wesen der Dinge (to ti ên einai). Doch ist ein formloser, gänzlich unbestimmter Stoff, eine »erste« oder »letzte« Materie (prôtê oder eschatê hylê) wenigstens - denkbar; es wird eine »wahrnehmbare« (aisthêtê) und eine bloß »denkbare« (noêtê) Materie unterschieden. So schleicht das Immaterielle, welches vermieden werden sollte, zur Hintertür wieder hinein. Dabei bilden nicht etwa feste mathematische oder physikalische Bestimmungen das Formelement, sondern der Gegensatz zwischen Form und Materie ist ein durchaus fließender. Was in der einen Beziehung Stoff ist, kann in einer anderen Form sein; so ist das Bauholz Form im Verhältnis zum unbehauenen Stamme, Stoff im Verhältnis zum fertigen Haus, die Seele Form im Verhältnis zum Körper, Stoff für die Vernunft, welche »die Form der Form« (eidos eidous) darstellt. Derselbe Widerspruch, wie bei dem Einzelnen und Allgemeinen (Nr. 1), tritt auch hier hervor. Einerseits soll der Stoff als das wahrhaft individualisierende Prinzip die wahre Substanz sein, anderseits wird doch wieder, und zwar viel häufiger, der Form das wahre Sein zugesprochen, indem sie (als eidos) mit der Substanz oder Wesenheit (ousia) identifiziert wird; dazu heißt endlich noch ein Drittes Substanz, nämlich das aus beiden zusammengesetzte Einzelding (synolon ex amphoin).

Ja, noch weiter als bis zu jener Abstraktion eines bestimmungslosen Urstoffes verflüchtigt sich der Begriff der Materie, zur bloßen Möglichkeit (dynamis) oder dem Möglichen (Potentiellen, dynamei on), während die Form zur Verwirklichung (energeia oder entelecheia17) oder dem Wirklichen (Aktuellen energeia on) erhoben wird. Die Materie ist also »ein Etwas bloß der Möglichkeit nach«, wie der Baum, der im Keim, der Mann, der im Knaben steckt, und erst durch die Form sich verwirklicht. So ist die Materie zugleich das Unvollkommene (z.B. der Schlafende, der denken Könnende), die Form seine Vollendung (z.B. der Wachende, der wirklich Denkende). Reine Form ist nur der göttliche Geist. Das Einzelding ist weder je reine Anlage noch völlig verwirklichte Form. Die Hauptsache ist eben für Aristoteles die Beleuchtung des dazwischen liegenden Entwicklungsprozesses. Verfolgen wir nun weiter die Frage: Wie wird aus dem bloß Möglichen ein Wirkliches? so lautet die Antwort: durch die bewegende Ursache. So erscheint ein neues Begriffspaar:


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