1. Das Schicksal


Die Skulptur zwar in ihrer vollen Gediegenheit nimmt die Götter als substantielle Mächte auf und gibt ihnen eine Gestalt, in deren Schönheit sie zunächst sicher in sich beruhen, da die zufällige Äußerlichkeit an ihr am wenigsten zur Erscheinung kommt. Ihre Vielheit und Verschiedenheit aber ist ihre Zufälligkeit, und der Gedanke löst sie in die Bestimmung einer Göttlichkeit auf, durch deren Macht der Notwendigkeit sie sich gegenseitig bekämpfen und herabsetzen. Denn wie allgemein auch die Gewalt jedes besonderen Gottes gefaßt werde, als besondere Individualität ist sie doch immer nur von beschränktem Umfange. Außerdem verharren die Götter nicht in ihrer ewigen Ruhe; sie setzen sich mit besonderen Zwecken in Bewegung, indem sie von den vorgefundenen Zuständen und Kollisionen der konkreten Wirklichkeit hierhin und dorthin gezogen werden, um bald hier zu helfen, bald drüben zu verhindern oder zu stören. Diese einzelnen Beziehungen nun, in welche die Götter als handelnde Individuen treten, behalten eine Seite der Zufälligkeit, welche die Substantialität des Göttlichen, wie sehr dieselbe auch die herrschende Grundlage bleiben mag, trübt und die Götter in die Gegensätze und Kämpfe der beschränkten Endlichkeit hineinlockt. Durch diese den Göttern selber immanente Endlichkeit geraten sie in den Widerspruch ihrer Hoheit, Würde und der Schönheit ihres Daseins, durch welche sie auch in das Willkürliche und Zufällige herabgebracht werden. Dem vollständigen Hervortreten dieses Widerspruchs entgeht das eigentliche Ideal nur dadurch, daß, wie es in der echten Skulptur und deren einzelnen Tempelbildern der Fall ist, die göttlichen Individuen für sich einsam in seliger Ruhe dargestellt sind, doch nun etwas Lebloses, der Empfindung Entrücktes und jenen stillen Zug der Trauer erhalten, den wir bereits oben berührt haben. Diese Trauer schon ist es, welche ihr Schicksal ausmacht, indem sie anzeigt, daß etwas Höheres über ihnen steht und der Übergang von den Besonderheiten zu ihrer allgemeinen Einheit notwendig ist. Sehen wir uns aber nach der Art und Gestalt dieser höheren Einheit um, so ist sie, der Individualität und relativen Bestimmtheit der Götter gegenüber, das in sich Abstrakte und Gestaltlose, die Notwendigkeit, das Schicksal, welches in dieser Abstraktion nur das Höhere überhaupt ist, das Götter und Menschen bezwingt, für sich aber unverstanden und begrifflos bleibt. Das Schicksal ist noch nicht absoluter für sich seiender Zweck und dadurch zugleich subjektiver, persönlicher göttlicher Ratschluß, sondern nur die eine, allgemeine Macht, welche die Besonderheit der einzelnen Götter überragt und deshalb nicht selber wieder sich als Individuum darstellen kann, weil es sonst nur als eine unter den vielen Individualitäten auftreten, nicht aber über ihnen stehen würde. Deshalb bleibt es ohne Gestaltung und Individualität und ist in dieser Abstraktion nur die Notwendigkeit als solche, welcher die Götter sowohl als die Menschen, wenn sie als besondere sich voneinander abscheiden, sich bekämpfen, ihre individuelle Kraft einseitig geltend machen und über ihre Grenze und Befugnis sich erheben wollen, als dem Schicksal unterliegen und gehorchen müssen, das sie unabänderlich trifft.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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